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5
Nov
2009

Naturpessimismus

Das heimische Grönland


Früh gegen Acht steht mit dem Zwielicht der sich durchzukämpfen suchenden Sonne auf einmal ein Regenbogen über der Landschaft! An einem ansonsten trüben Novembermorgen kann der Herbst in seiner Buntheit schon die Helligkeit sein. Aber mit diesem anderen, so unerwartet aufgespreizten Farbspektrum, ergibt beider Zusammenspiel unversehens Grund für ein Verwirrtsein fast. Was zu sehen ist, erscheint den konditionierten Sinnen sehr unwahrscheinlich, und doch ist es da.

Ich wohne jetzt schon ein paar Jahre hier, aber kann mich nicht erinnern, so was zuvor schon mal gesehen zu haben. Es hat etwas Unwirkliches, fast Außerweltliches. (Obwohl dieses Wort an sich Unsinn ist: "Aus dieser Welt können wir nicht fallen, wir sind nun mal darin", konstatierte S. Freud bezogen auf die Sensationen an Innenleben, die uns die Welt manchmal verwandeln. Denn überhaupt geht es vielleicht weniger um die Erscheinungen als um die je ebenso seltsamen Empfänglichkeiten dafür?)

Und warum eigentlich ist die Naturidylle so schlecht angesehen? Wenn man die oft so ideen- wie blutarme Kunst bedenkt, all das Frühveraltetsein der neusten ästhetischen Behauptungen (von den stereotyp bleibenden Errungenschaften der Unterhaltung mal ganz zu schweigen), ergibt sich ein riesiges Missverhältnis zu dem so anstrengungslosen Naturschönen.

(Oder erscheint mir das nur so? Weil es anderen so überflüssig geworden ist, über Natur, über ihre Empfindungen in der Natur, zu sprechen, weil man nur mehr unter Schwierigkeiten darüber spricht? Und ich meine hier nicht die kuranten Beschreibungen, die ja oft das einer nur mehr geschönten, d.h. falschen Literatur geschuldete Klischee ihrer selbst sind. Auch das Sprechen über Natur müsste sich wohl erst mal emanzipieren. Siehe auch das Abfällige über "die Gräser- und Nüssebewisperer" bei Peter Rühmkorf, der - seinerzeit selber naiv - noch an eine empathische Moderne, an unabsehbare Erneuerungskräfte glaubte. In einer sich avanciert gebenden Sammlung wie "Lyrik von jetzt" kommt Natur fast nur noch als sozusagen referenzielle Nennung vor, wodurch gleichsam der Gegenstand seiner Bedeutung nicht gerecht wird, so dass es auch das aufzurufen lyrische Moment ein bisschen anämisch erscheinen lässt.)

Ist es vielleicht, weil die Natur - als Unberührte, Bewahrende, outgesourct eher in die Tropen oder an andere exotische Orte, bei uns kaum mehr als ein Park für unsere Freizeitbegrünung -, als das anderswie doch auch Geistbelebte zu uns schlicht nicht mehr spricht?

Man braucht nicht mal die Konsumvermüllung anzuführen, um zu ahnen, dass auch unsere angeblich erste Errungenschaft, die Kultur, längst ähnlich vermüllt ist, nichts-sagender wird, doch haben wir mittels ihrer unser Außen zum Teil schon ausgetrieben. So "reisen" wir wie Getriebene zu den Kunst-Orten anderswohin auf der Welt, um auch sie noch konsumistisch einzugemeinden. Selbst zum Trostort scheint der Stumpf Natur für viele nicht mehr zu taugen; sie gebrauchen ihn höchstens noch als verkitschtes Ziergartenareal, zum Hundeausführen oder zum Entsorgen ihrer leeren Autobatterien. - Naturpessimist! - wäre das nicht ein schönes Schimpfwort für Ökos?


Die Nacht muss es lange geregnet haben, denn eines der Häuser gegenüber ist wie vollgesogen mit Nässe und hat sein helles Steingrau in ein mittleres Braun gewechselt, so dass noch die erstere Verwandlung dem Morgen sogar noch in solch etwas Nichtigem so was wie eine zusätzliche Tönung jener Andersartigkeit gibt, die etwas Utopisches anklingen lassen kann: Der bessere Ort (wie bei Büchner), wo wäre er noch zu finden? Er scheint auf in Dämmerungsstunden oder manchmal als seltsamer Vorschein in einem ungewöhnlichen Himmelslicht.

Mit einer Verschränkung gleichsam des anders-lichten Grüns sowohl aus der Himmelserscheinung wie dem der restlichen Blätter an einer schütteren Birke vor diesem Waschbetonhaus, gewinnt es, dieses Grün, schon fast wieder etwas Juveniles. Und längst hat ja auch der November etwas Frühlingshaftes, hat jede Jahreszeit ein Vermögen zu ihrer Überschreitung. Warum sonst wollen immer mehr Leute jetzt die Eismeere befahren, zumindest bald mal nach Grönland? Grüner wird's noch. Grüner ist es anderwo.

Für ein paar lange Minuten jedenfalls noch steht bis weit hin zum Fluss ein irgendwie gesondertes, heikles, über sich selber zu schwanken scheinendes Nachregenlicht. Dann zieht es sich endlich wieder zu.

 
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