2
Jul
2009

Grausamkeit

Schwimmbadgirl


Das Mädchen im Freibad, das verschämt aus der Umkleide tritt, linkisch da steht, zu dünn, dem offensichtlich, in der Sonne blinzelnd, an ihrem realen Körper das imaginierte Selbstbild von sich in dem neuen Badeanzug gleich zerfällt. Vor verlassenem Wagemut verzieht sie sich in den Grünbereich mit viel Sichtschutz, dahin, wo die Älteren, die anderen Schüchternen, die lieber Vereinzelten sich zurückziehen. Da sitze ich auch.

Die meiste Zeit schaut sie hin, woher die Schreie herkommen, der ausbleibende Spaß. Die Knie an sich rangezogen, rupft sie Grashalme, verscheucht Fliegen, besieht ihre Zehen. Wagt es, sich zurückzulehnen und zieht gleich wieder ein langes Bein an. Sie wird wohl warten, bis es leerer geworden ist. Sie bleibt alarmiert.

Diese Magerkeit aber auch, diese überschießenden Glieder! Eine Marter! Eine einzige Bikinizone: alles an ihr ist Scham – und so schneeweiß! Hinter ihren halb geöffneten Lippen bewegt sich unablässig die Zunge zwischen den Zähnen, als würde es in ihr schäumen, als hätte sie sie ständig leise zu bezähmen, solcherart Verlegenheit. Oder ist es Wut? Als die Verdrossenheit nach und nach weicht, überkommt sie die Milde des Sichfügens, und schließlich so etwas wie Wehrlosigkeit. Was wieder einmal zeigt, dass der schön ist, von dem alles abgefallen ist.

So sieht sie, ratlos, ab und an auch mal zu mir, der sich mit riesig aufgefalteten Zeitungsseiten umgibt, um seine Blickzudringlichkeiten zu kaschieren: dass sie ihm die Ansehenswerteste ist. Als ob ihre Not doch die Stelle zu orten imstande wäre, wo sie bejaht wird, in eben ihrer Pein. Ich bin sonst nicht grausam, aber Grausamkeit macht es eben manchmal schön.

Beim nächsten direkten Aufblicken frage ich sie einfach: Möchten Sie ein paar Seiten? Gern! Sogar ein zages Lächeln entschlüpft ihr! Momentlang unbedacht, verliert sie gleich dieses Eckige wie von einem zusammenklappbaren Wäschetrockner. Und mit etwas in der Hand findet man auch gleich zu anderen Haltungen.

 
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