London Calling
London Calling
Wegen meiner frühen Sympathien und meinen Beziehungen nach dort, verfolgte ich ein bisschen die Bürgermeister-Wahlen in London. Bei allen Bedenken über so etwas Schweres an Amt für eine Type wie Boris Johnson - aber wäre Politik nicht ungleich unterhaltsamer, hätten wir solche Exzentriker auch bei uns? Solche karriere dort ließe sich hier – bei allen eklatanten Unterschieden – nur mit Herrn Fischer, dem Außenminister vergleichen.
Das bringt mich auf Mentalitäten. Natürlich erwarten wir von Politk doch lieber Vernunft und Berechenbarkeit, denn das sind dann letztlich, trotz und gegen alle Eventisierung und Hedonisierung unserer auf instant verfügbare Erlebnis-Geilheit formatierten Selbste die Qualitäten, die uns bei Politik lieber sind, als so ein individualistisches, dazu nicht immer gleich nachzuvollziehendes Abenteuerertum. Das Exzentrische als etwas Deutsches wäre kein leicht benennbarer Vorzug.
(Und wenn man die neuerdings auftretenden Egomanen bei uns ansieht - ich nenne absichtlich keine Namen -, die, um ihr unsäglich plumpes "Ding" zu machen, jede verbrannte Erde in Kauf nehmen... na, dann doch lieber englische Vornehmheit und immerhin zu ein bisschen Skurrilität verhelfender Dünkel.)
Was mich auf eine Blödelei bringt, die wir letztens anstellten, als es Berlusconi mal wieder geschafft hatte: ich erinnerte in der Runde an einen gängigen Spruch aus den Kohl-Jahren: Wenn er uns auf Dauer derart erhalten bleibt: haben wir ihn dann nicht auch irgendwie verdient? Repräsentiert er nicht einen optimierten Durchschnitt, d.h. zuletzt: etwas Urdeutsches in seinem Beharrungsvermögen, in seinem Willen zur Konstanz?
Haben also die Italiener nicht auch ihren aalglatten, die antichambrierende Hintertreibung zur Kunstform stilisierenden Cavaliere verdient? Ist er nicht auch eine Art menschliche Quadratwurzel des Italienertums (oder dessen Klischees)? Muss er nicht permanent so dümmlich lächelnd und selbstüberzeugt und händereibend daherkommen bei all dem Reibach und dem dümmsten Fernsehprogramm der Welt, das ihm auch noch gehört? Ah, quanto ci piace gli italiani! Cazzo!

(Photo: Merci à Marine!)
Und was ist mit den galanten confessions d'amour eines agilen Filous wie Sarkozy für die treudeutsche Merkel in Aachen, die sicher lieb da saß, solide, aber eben ohne viel Glanz oder gar Eleganz? Klar, zu Hause geht er vielen nur noch auf die Nerven. Aber ist er für uns, vor Seriosität meist Aufmerksamkeits-Entschlummerten, nicht höchst unterhaltsam? - Wir waren darauf gekommen, dass selbst beste Aufklärung den Stereotypen über die nationalen Charaktere unterlegen ist, und dass das auf einer bestimmten Ebene auch so sein muss, weil Menschen solcherart simple Unterscheidungen zur Orientierung brauchen und überraschend häufig auch nach ihnen funktionieren.
Und Boris Johnson ist sicher eine durch und durch englische Hervorbringung. Das leuchtet mir nicht nur unmittelbar ein, sondern ich weiß auch ein bisschen davon, weil ich ein paar mal an solche Typen wie ihn geraten bin. Das Unberechenbare an ihnen ist eine ganz besondere Qualität - wie aber auch das, vor dem man dann unwillkürlich immer ein bisschen auf der Hut ist, weil man, bei aller Sympathie für's Unerwartete, schon zu gut um das Ideal des Begründbaren, Ausgepegelten in sich selber weiß.
Und sechzehn Jahre Kohl - muss ich das, selbst bei meinem Nicht-Wählertum, nicht auch durch mich selber begreifen? Selber Schuld!
Sportlich und sehr englisch dann der Satz von Ken Livingstone (der seine Sache nach der Mehrheit der Londoner gut gemacht, aber sie waren ihn dann eben auch mal Leid): "Man kann nicht acht Jahre dieses Amt ausführen, um bei seinem Verlust dann die Schuld daran jemand anderem zu geben".
Deutsch - das bleibt die Schuld. Und die Amtsführung der Schuld. Und der Schuldigen. Und des Waldschadenberichts. Und.
Wegen meiner frühen Sympathien und meinen Beziehungen nach dort, verfolgte ich ein bisschen die Bürgermeister-Wahlen in London. Bei allen Bedenken über so etwas Schweres an Amt für eine Type wie Boris Johnson - aber wäre Politik nicht ungleich unterhaltsamer, hätten wir solche Exzentriker auch bei uns? Solche karriere dort ließe sich hier – bei allen eklatanten Unterschieden – nur mit Herrn Fischer, dem Außenminister vergleichen.
Das bringt mich auf Mentalitäten. Natürlich erwarten wir von Politk doch lieber Vernunft und Berechenbarkeit, denn das sind dann letztlich, trotz und gegen alle Eventisierung und Hedonisierung unserer auf instant verfügbare Erlebnis-Geilheit formatierten Selbste die Qualitäten, die uns bei Politik lieber sind, als so ein individualistisches, dazu nicht immer gleich nachzuvollziehendes Abenteuerertum. Das Exzentrische als etwas Deutsches wäre kein leicht benennbarer Vorzug.
(Und wenn man die neuerdings auftretenden Egomanen bei uns ansieht - ich nenne absichtlich keine Namen -, die, um ihr unsäglich plumpes "Ding" zu machen, jede verbrannte Erde in Kauf nehmen... na, dann doch lieber englische Vornehmheit und immerhin zu ein bisschen Skurrilität verhelfender Dünkel.)
Was mich auf eine Blödelei bringt, die wir letztens anstellten, als es Berlusconi mal wieder geschafft hatte: ich erinnerte in der Runde an einen gängigen Spruch aus den Kohl-Jahren: Wenn er uns auf Dauer derart erhalten bleibt: haben wir ihn dann nicht auch irgendwie verdient? Repräsentiert er nicht einen optimierten Durchschnitt, d.h. zuletzt: etwas Urdeutsches in seinem Beharrungsvermögen, in seinem Willen zur Konstanz?
Haben also die Italiener nicht auch ihren aalglatten, die antichambrierende Hintertreibung zur Kunstform stilisierenden Cavaliere verdient? Ist er nicht auch eine Art menschliche Quadratwurzel des Italienertums (oder dessen Klischees)? Muss er nicht permanent so dümmlich lächelnd und selbstüberzeugt und händereibend daherkommen bei all dem Reibach und dem dümmsten Fernsehprogramm der Welt, das ihm auch noch gehört? Ah, quanto ci piace gli italiani! Cazzo!

(Photo: Merci à Marine!)
Und was ist mit den galanten confessions d'amour eines agilen Filous wie Sarkozy für die treudeutsche Merkel in Aachen, die sicher lieb da saß, solide, aber eben ohne viel Glanz oder gar Eleganz? Klar, zu Hause geht er vielen nur noch auf die Nerven. Aber ist er für uns, vor Seriosität meist Aufmerksamkeits-Entschlummerten, nicht höchst unterhaltsam? - Wir waren darauf gekommen, dass selbst beste Aufklärung den Stereotypen über die nationalen Charaktere unterlegen ist, und dass das auf einer bestimmten Ebene auch so sein muss, weil Menschen solcherart simple Unterscheidungen zur Orientierung brauchen und überraschend häufig auch nach ihnen funktionieren.
Und Boris Johnson ist sicher eine durch und durch englische Hervorbringung. Das leuchtet mir nicht nur unmittelbar ein, sondern ich weiß auch ein bisschen davon, weil ich ein paar mal an solche Typen wie ihn geraten bin. Das Unberechenbare an ihnen ist eine ganz besondere Qualität - wie aber auch das, vor dem man dann unwillkürlich immer ein bisschen auf der Hut ist, weil man, bei aller Sympathie für's Unerwartete, schon zu gut um das Ideal des Begründbaren, Ausgepegelten in sich selber weiß.
Und sechzehn Jahre Kohl - muss ich das, selbst bei meinem Nicht-Wählertum, nicht auch durch mich selber begreifen? Selber Schuld!
Sportlich und sehr englisch dann der Satz von Ken Livingstone (der seine Sache nach der Mehrheit der Londoner gut gemacht, aber sie waren ihn dann eben auch mal Leid): "Man kann nicht acht Jahre dieses Amt ausführen, um bei seinem Verlust dann die Schuld daran jemand anderem zu geben".
Deutsch - das bleibt die Schuld. Und die Amtsführung der Schuld. Und der Schuldigen. Und des Waldschadenberichts. Und.
en-passant - 5. Mai, 17:00

Düsseldorf calling?
Ja, "Schuld" ist so deutsch. Wie die so oft pervertierte "Pflicht", die ich Helmut Schmidt noch abnahm, aber allen anderen nie. Ich finde, wir haben uns unseren Köhler auch verdient. Und ich bleibe dabei - und lasse mich von der Zeit des Irrtums überführen: Die Merkel-Zeit wird vergehen als verschenkt - in vieler Hinsicht. So, wie man jetzt von Schröder schon fast als Interregnum spricht. Will sagen: Wir hatten nach Kohl keinen Bundeskanzler mehr. Und so schlecht geht's nicht, oder?
Mmh – interessanter Punkt!
Bei diesen Rheinländern gibt’s ja die „Originale“, teilweise in ihrer Bizarrerie annehmbare Typen – aber jene englische Exzentrik – das hieße also ein von irgends her inspiriertes Moment an Geistigkeit, an wirklicher Überraschung, die sich nicht in Skurrilität erschöpft - sehe ich bei denen nicht.
„Geck“ für Erwin – das ist der treffende Begriff! Und das ist für mich nicht nur lautlich nahe bei „Jeck“. Also wieder ein gewisser, begrenzter Humor. Also auch wieder letztlich harmlos – es fehlte das Quentchen Anarchie. (Irgendeine Art möglicher Verklärung – außer also im Schunkellied – sehe ich bei dem nicht.)
Was die Düsseldorfer verdient haben, weiß ich nicht so recht; ich glaube, letztlich, bei aller inneren Distanz bin ich dann doch zu nahe dran. Die meisten wollen nur „ihre Ruhe“ (also die erste Bürgerpflicht).
Zu Merkel fällt mir, wie vielen anderen, auch nur ihre Unaufdringlichkeit ein. Und wäre das nicht ein Fortschritt? Mit einem Blick auf Schmidt wünschte man sich vielleicht mehr Kompetenz, aber: Ist die nicht auch heutzutage schwieriger geworden? Mit Köhler wären wir gleich bei Kohl – „die Nulllösung“. (Heuzutage mit drei „l“ – vielleicht ist das der skurrile Fortschritt?)
Entschiedener Widerspruch zu Merkels "Unaufdringlichkeit" als Tugend! Vielleicht ist mein Ideal von Politik auch noch zu idealistisch, aber sie ist doch arg an Umfragen und Mehrheiten orientiert und weniger an Programmatik. Das mag man bis zu einem gewissen Masse goutieren, aber wenn das Rückgrat arg verkrümmt, dann ist es auf eine bestimmte Art "gefährlich". Ihr Schock angesichts des Wahlkampfes 2005 muss tief sitzen.
Wer verlangt denn Rückgrat? Ein hartes Kreuz wird verlangt!
Ja, Macht und Macht-Bewusstsein, und alles, wie man sonst noch mit ihr umgeht in den nun mal real-existierenden Bedingungen. Insofern ist er auch sehr „CDU“ und sicher auch „Rheinländer“ – und dann auch längst nicht mehr so gemütlich, wie es gern kolportiert wird. (Habe mir mal neulich mal ein bisschen Stadtpolitik auf „center.tv“ angesehen, plus die handelnden Personen – da ist viel Härte, und die ohne Bandagen. Es macht doch wenig Lust auf mehr. Und Idealismus wäre da wohl eine rare Währung.)
Merkels Programmatik ist sicher schwach – aber hat das, als „Zurückhaltung“ dann auch bei den meist schlechten Ergebnissen dieser Rumpfuschereien an den Problemen, nicht doch etwas Gutes?
UND, was man ihr zu Gute halten könnte: „Männerfreundschaften“ zu zweifelhaften Typen pflegt sie auch nicht. Und gegenüber China macht sie auch nicht gleich den Kotau. (Oder gegenüber Bush und anderen.)
Natürlich ist das auch wenig. Aber ich hatte mir ja auch nichts von ihrer Kanzlerschaft erwartet. Immerhin könnte es schlimmer kommen. Und wird es ja vielleicht noch...
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Mein Lieblings-GAU für 2009: Die Grosse Koalition bleibt! Zwar schwinden jetzt schon die politischen Schnittmengen zwischen CDU und SPD, so dass man für die letzten rund 12 Monate nur noch Bescheidenes erwarten darf. Aber die Konstellation nach der Wahl wird nichts anderes hergeben.
Merkel -> Bush: Sie ist versucht gewesen, ihn "einzubinden", was grundschief ging.
Merkel -> Sarkozy: Sie erliegt dem virilen Charme eines Schwätzers; im Grossen und Ganzen gibt es keine Gemeinsamkeiten zwischen den beiden, ausser im ideologischen Bereich (und hiervon hat sich Merkel ja mit ihrer Sozialdemokratisierungspolitik verabschiedet).
Merkel -> Hu: Die Aussenminister flicken. Dafür ist Steinmeier gut genug.
Merkel als Europavisionärin: Auch hier zu sehr Kohl nacheifernd. Im Zweifel zieht sie das Scheckbuch.
Es lebe die Indifferenz!