Detektion
Kurze Schrift über einige meiner langwierigen Beweisführungen
("there are records", Robert Creeley)
In einer Kundenkarte der "Rheinischen Bahngesellschaft AG" - ich nehme sie auf wegen dem Lichtbild der jungen Frau darin - finde ich Zettel, darauf diverse Namen in Katakana stehen, der japanischen Silbenschrift für die „Umschrift“ ausländische Wörter. Ich erinnere mich daran, wie ich, etliche Jahre früher, eine japanische Kollegin einmal darum gebeten hatte, meinen eigenen Namen derart zu verwandeln, weil ich annahm, dass das in diesem Fall besonders schwierig sein würde. Aber Shizuko hatte nur kurz überlegt und eine Folge kurzer Strichfiguren hingegossen. Den Zettel hatte ich dann ebenfalls eine Zeit lang mitgeführt, bis ich ihn wohl verlor. Zehn Jahre darauf konnte ich nicht nur diese Silbenschrift, sondern auch Hiragana, außerdem etliche Kanji, die aus dem Chinesischen übernommenen Schrift-Bildzeichen für komplexere Begriffe, selber schreiben. Wiederum irgendwann später, als ich viel davon bereits wieder vergessen hatte, war mir auch einmal dieser frühe Zettel eingefallen, und zwar nicht nur anekdotisch, sondern weil mir die Idee kam, mit dem japanischen Einschlag bei mir gewissermaßen noch einmal den Schwierigkeitsgrad bei einer bestimmten Art Selbstbetrachtung zu erhöhen und mich daran prüfen. Ich hatte mich dann hingesetzt, kurz überlegt und es gut hinbekommen – meinen Namen wenigstens. Da die Zahl der Silben wie ja auch unser roma-ji-Alphabet begrenzt ist, müssen diverse im Japanischen nicht vorkommende Laute durch Annäherungen mittels der bestehenden Silben an das zu schreibende Wort gebildet werden. (So wird etwa aus "coffee" Kohi.) Hierbei sind durchaus Irrtümer möglich - andererseits ist es meist tatsächlich ganz leicht.
***

Die Wertmarke ist von September 1988. Die junge Frau trägt einen Lockenschopf, eine im Stil der Jahre damals noch extra aufgekämmte Fülle dichten Haars - es ist beeindruckender Wust, ein bisschen wie bei der Medusa. Noch beeindruckender aber sind ihre Lippen, volle, fast schwer wirkende Lippen eines beinahe ideal geformten Mundes, der ausreicht, ihrem ansonsten hübschen, aber nichts weiter besagenen Gesicht einen bestimmenden Zug ins Weibliche zu geben, etwas, das eine Subdominante gleichsam ins Sinnliche setzt. Dazu schaut sie ins Bild, als wäre sie sich über noch gar nichts recht schlüssig. Sie gleicht ein bisschen einer kindlichen Sabatini.
Knapp zehn Jahre früher, auf einem Kinderausweis vom Mai 1979 - sie ist 1968 geboren, am 31. Dezember - ist sie ein brav gekämmtes Mädchen mit Mittelscheitel, Streifenpulli und ihrem Vornamen in Silber an einem Band um den Hals, das schon diesen Blick hat. Und sie hat da auch schon diesen Mund, der aber in dieser Kindlichkeit - man stellt sich unwillkürlich eine Mutter vor, die noch rasch etwas an ihrer Tochter herumzupft und richtet, bevor sie sie dem Fotographen überlässt - leicht unproportioniert wirkt, ja, sogar ein bisschen verunstaltend, fast um eine Spur obszön. Und es ist nicht die Unfertigkeit dieses Details in einem weitgehend unfertigen Gesicht, es dieser Eindruck von einer frühen Dominanz, von einem Vordrängen, der diese Idee von einer Unangemessenheit bei einem jungen Mädchen herbeiholt. Man ahnt, wie durch anatomische Winzigkeiten tatsächlich ein "Schicksal" (Freud) in Gang gesetzt werden kann.
Allerdings scheint es dann doch nicht so umwälzend verlaufen zu sein. Wiederum zehn Jahre nach dem Straßenbahnausweisfoto ist sie eine leicht dickliche Mutti inmitten einer Katholischen Jugend-Gemeinschaft, die ihren Beruf aufgegeben hat und freiwillig die Kindergruppe in einem Ferienlager betreuen hilft: Harmlos. Wieder erwischt sie die Kamera - der sie diesmal nur eine unter vielen Personen ist - mit diesem Anschein von einer gewissen Ratlosigkeit heraus ihren Augen, die allerdings eine zugleich offenere wie gemilderte scheint: In ihrer ausgewachsenen Rundlichkeit wirkte diese Frau nun gerundet auch in sich, abgefunden oder begütigt, bereitete ihr Blick nicht jeweils diesen Eindruck einer leichten Abwesenheit, einer minimalen Abirrung, mit der sie neben das Lagerfeuer, neben den behinderten Jungen in seinem Rollstuhl, neben das Zentrum der lustigen Runde zu sehen scheint. Ihre eigenen Kinder kann ich auf den Fotos der Gruppen nicht ausmachen.
Weitere Fotos scheinen in ihrem Motiven zugleich zu offensichtlich... wie um eben diesen Anschein von Offensichtlichkeit zu kompliziert, um meine Zwischen-Ideen eigener Eindrücke dagegen zu stellen: Es wäre eine Art Gewalt von interpretativer Überlesbarkeit - selbst wenn diese alle deren Irrtümer mitbedenkt.
Etwa sie beim Tanzen in einem weiten Sportpullover, der die Ausholbewegung einer ihrer zu erheblicher Größe gewachsenen Brüste nicht auffangen kann, und das vor einem unsäglichen 70er-Jahre Vorhangmuster in einer niedrigen Raum ganz ausgeschlagen in Holz ("Skihütte Todtmoos"): Das Gesicht des Bewussteins ihrer Selbstgewahrsamkeit in diesem Zwiespalt von Scham und Selbstbehauptung, von Foto-Bewusstheit und sie abstreitender pausbäckiger Fröhlichkeit ist, so trivial der Anlass ist, von einer eigenen Abgründigkeit. Das Foto ist in allen Belangen ganz schrecklich. Aber am schrecklichsten in seiner Unabweisbarkeit. Vielleicht ist es mehr dieses Unleugbare, mit dem den Menschen etwas weggenommen wird (als in dieser okkulten Angst irgendwelcher von uns als „authentisch“ gedachten Eingeborener), das Unbezweifelbare nämlich ebenfalls als ein Moment von Gewalt, als Teilverlust der anderen, mit dem durch das zur Deutlichkeit Gekommenen zwangsläufig unsichtbar Gewordenen ihrer Seelen. Weil wir auf keinem Bild je vollständig sind. Und kein Bild ist je ganz, "heil".
Und zugleich wäre, das wird mir klar, dieses Objekt in der Lesart eines anderen Blicks ein völlig anderes. Kann gut sein, die Scham, die ich bei ihr zu erkennen meine, derart ungemildert gesehen und dabei beweisbar geworden zu sein, ist zu einem Gutteil meine eigene, und beide zusammen sind der Krümmungsbogen jenes Menschlichen, das vor der Objektivität des Mediums gleichzeitig oft nicht zu bestehen scheinen kann (indem es seine doch das Leben so bereichernde Vielfalt von Maskierungen begründet), wie eben das auch sein Vorzug wäre. Das einem Fremdeste im Anderen - es könnte mal wieder das Eigenste sein.
Aber all diese Dinge verstehe ich selber nicht genug. Und es kann gut sein, dies ist Teil der Gründe, mich dieser Suchbewegung mittels meiner Beweissammlungen immer wieder auszusetzen.
***

Ihr Ausbildungsberuf ist "Bürogehilfin", ihre Zeugnisse sind sehr uneinheitlich. In Englisch bringt sie sich mit dem Wortreichtum ihres Vokabularwissens weiter, kann es aber nur schlecht anwenden; in mehreren Prüfungsdisziplinen, vor allem "Kurzschrift", fällt sie vor der IHK mehrmals durch. (Aber geschickt begründet gegenüber ihrem Ausbilder, der sich auch jedesmal großzügig zeigt, bis sie es dann packt. Und außerdem hat sie trotzdem damals schon ein Geld in Mark verdient, von dem heute in Euro immer noch eine ganze Prekariatsfamilie leben können müsste - goldene Zeiten. Die seinerzeit international namhafte Firma ist allerdings auch längst abgewickelt.)
Sie hat ihrer besten Freundin – Nicole, Gruppenleiterin aus dieser Katholischen Jugend-Gemeinschaft (in der sie alle schon als Kind Mitglied gewesen zu sein scheinen) -, deren Freund ausgespannt - Jörg -, der ihr zuerst ungelenke Liebesbriefe schreibt und sie dann auch heiratet. (Er schreibt über das schlechte Wetter und dann drei Mal, dass ihm nichts mehr zu Schreiben einfällt - aber die Liebe ist "für immer", das behauptet er fest.)
Die Briefe ihrer Freundinnen sonst sind von der gleichen erbarmungswürdigen Mitteilungslosigkeit, meist auf einen Satz zu verdichten plus viel Floskel-Ornament. (Außer dass man endlich mal erfährt, dass es damals tatsächlich Leute gab, die zu Konzerten des bestehenden Unterhaltungsangebots gegangen sind - "Kelly-Family". Voll schön, echt!)
Einen Brief gibt es von ihr selbst, den sie an den voreiligen Ehemann und späteren Vater ihrer Kinder geschrieben hat. Sie stellt sich vor, mit ihm zusammen zu wohnen, und „immer viel zu schmusen“. Offenbar hat die Beziehung aber schon einen erheblichen Bruch hinter sich, von einem Neuanfang ist die Rede. Und dann kommt tatsächlich ein Satz, den ich interessant finde, obwohl er völlig misslungen und unfreiwillig komisch ist: "Ich dachte ich könnte Dir wenigstens schreiben wie sehr ich Dich liebe, aber das kann man nicht schreiben und auch nicht sagen, das Gefühl ist nur in meinem Kopf und dort wird es auch bleiben." Immerhin kein Herz!
(Und drei Jahre später findet sie ihn anscheinend nicht mal mehr einer Antwort für würdig. Allerdings heißt "Brief" für ihn auch nur etwas Geschriebenes in einem Umschlag mit einer Briefmarke vorne drauf - nichts Mitgeteiltes. Was soll man da antworten?)
***
Einmal ist sie Zeugin eines Autounfalls und versucht, dazu aufgefordert, den Hergang zu schildern. Sie ist Einundzwanzig und schreibt in einer verschnörkelten Handschrift, wie sie wohl redet - aber das Mündliche scheint auch da das Ausufernde bei ihr, und obwohl der zeitliche Verlauf offenbar die Leitschiene ist, entlang der sie die Tatsachen zu sortieren sucht, kommt sie mit einer Art Rückblick - womöglich nahegelegt durch den von ihr eingeführten Blick in den Rückspiegel? - dann in die Erzählung - d.h. sie kommt durcheinander. Dass ein Fahrschulauto eine wesentliche Rolle spielt, eine Verengung, ein Taxi-Standstreifen... all das wird erst deutlich auf der angefertigten Skizze. - Da fällt mir dann auch nichts mehr zu ein.
Außer, dass ich dann ebenso in dieser Schriftlichkeit - dessen Moment an anderer Belegkraft anscheinend ich ja suche - den Zweifel zu sehen vermag, dem ich beim Mündlichen längst nicht mehr beikomme: das "Gerede", als Gemeintes und unmittelbar Verfertigtes (Kleist) eines von sich notwendig überzeugten Ausdrucksakts wäre ja stets zweifellos. So wäre es dann eben die Umgangssprache, die uns "beherrscht" - und wir schon immer damit (und also mit uns) einverstanden. Und in ihrer zum Vorschein kommenden Kluft ("Abgrund") zur Kunstsprache der Versuche zu "eigentlicheren" Worten - etwa diesen hier - käme etwas zu sich. Spreche ich zu wem noch klar?
***

Drei Belege noch, die ich behalte:
- eine Eintrittskarte zum "Star Light Express" in der Ruhrlandhalle Bochum (Tribüne Links, Reihe 5, Platz 14);
- einen Fahrschein - Andata e Ritorno - von Cavallino nach Venezia S. Marco (Datum des Entwerterstempels unleserlich);
- eine Kontaktdaten- und Dienste-Beschreibungs Visitenkarte des "Detektiv-Instituts“ P.
Geht es um mehr Diskretion oder um mehr Aufklärung? Was müssen wir über die Welt wissen, was von uns selbst verbergen? Was kann man überhaupt wissen? Was lohnt es sich aufzuspüren?
Man kann eine Menge über jemanden erfahren, aber wissen, über die Gewohnheiten eigener Annahmen und daraus abgeleiteter naiver Gewissheiten hinaus, über die Relativität der eigenen Erfahrungsgrundlagen, wird man nicht viel. Andererseits reichte aber auch schon eine Sprache, die uns glauben machte, dass eine bestimmte Person, der unsere Sehnsucht gilt, existiert. Dann kann ich jemand Unvoreingenommeneren als mich beauftragen, sie zu finden. Die Empfindung nämlich, wie so oft bei mir, ist, als wäre mir der Beweis sämtlicher meiner Fehlannahmen über sie nicht ganz unangenehm. So käme auch ich noch einmal als jemand ganz anderer vor, und sei es als Randfigur zufälliger oder nur fernerhin mit aufs Bild gekommener Zeugenschaften.
Ich erwarte dringend Berichte.
("there are records", Robert Creeley)
In einer Kundenkarte der "Rheinischen Bahngesellschaft AG" - ich nehme sie auf wegen dem Lichtbild der jungen Frau darin - finde ich Zettel, darauf diverse Namen in Katakana stehen, der japanischen Silbenschrift für die „Umschrift“ ausländische Wörter. Ich erinnere mich daran, wie ich, etliche Jahre früher, eine japanische Kollegin einmal darum gebeten hatte, meinen eigenen Namen derart zu verwandeln, weil ich annahm, dass das in diesem Fall besonders schwierig sein würde. Aber Shizuko hatte nur kurz überlegt und eine Folge kurzer Strichfiguren hingegossen. Den Zettel hatte ich dann ebenfalls eine Zeit lang mitgeführt, bis ich ihn wohl verlor. Zehn Jahre darauf konnte ich nicht nur diese Silbenschrift, sondern auch Hiragana, außerdem etliche Kanji, die aus dem Chinesischen übernommenen Schrift-Bildzeichen für komplexere Begriffe, selber schreiben. Wiederum irgendwann später, als ich viel davon bereits wieder vergessen hatte, war mir auch einmal dieser frühe Zettel eingefallen, und zwar nicht nur anekdotisch, sondern weil mir die Idee kam, mit dem japanischen Einschlag bei mir gewissermaßen noch einmal den Schwierigkeitsgrad bei einer bestimmten Art Selbstbetrachtung zu erhöhen und mich daran prüfen. Ich hatte mich dann hingesetzt, kurz überlegt und es gut hinbekommen – meinen Namen wenigstens. Da die Zahl der Silben wie ja auch unser roma-ji-Alphabet begrenzt ist, müssen diverse im Japanischen nicht vorkommende Laute durch Annäherungen mittels der bestehenden Silben an das zu schreibende Wort gebildet werden. (So wird etwa aus "coffee" Kohi.) Hierbei sind durchaus Irrtümer möglich - andererseits ist es meist tatsächlich ganz leicht.
***

Die Wertmarke ist von September 1988. Die junge Frau trägt einen Lockenschopf, eine im Stil der Jahre damals noch extra aufgekämmte Fülle dichten Haars - es ist beeindruckender Wust, ein bisschen wie bei der Medusa. Noch beeindruckender aber sind ihre Lippen, volle, fast schwer wirkende Lippen eines beinahe ideal geformten Mundes, der ausreicht, ihrem ansonsten hübschen, aber nichts weiter besagenen Gesicht einen bestimmenden Zug ins Weibliche zu geben, etwas, das eine Subdominante gleichsam ins Sinnliche setzt. Dazu schaut sie ins Bild, als wäre sie sich über noch gar nichts recht schlüssig. Sie gleicht ein bisschen einer kindlichen Sabatini.
Knapp zehn Jahre früher, auf einem Kinderausweis vom Mai 1979 - sie ist 1968 geboren, am 31. Dezember - ist sie ein brav gekämmtes Mädchen mit Mittelscheitel, Streifenpulli und ihrem Vornamen in Silber an einem Band um den Hals, das schon diesen Blick hat. Und sie hat da auch schon diesen Mund, der aber in dieser Kindlichkeit - man stellt sich unwillkürlich eine Mutter vor, die noch rasch etwas an ihrer Tochter herumzupft und richtet, bevor sie sie dem Fotographen überlässt - leicht unproportioniert wirkt, ja, sogar ein bisschen verunstaltend, fast um eine Spur obszön. Und es ist nicht die Unfertigkeit dieses Details in einem weitgehend unfertigen Gesicht, es dieser Eindruck von einer frühen Dominanz, von einem Vordrängen, der diese Idee von einer Unangemessenheit bei einem jungen Mädchen herbeiholt. Man ahnt, wie durch anatomische Winzigkeiten tatsächlich ein "Schicksal" (Freud) in Gang gesetzt werden kann.
Allerdings scheint es dann doch nicht so umwälzend verlaufen zu sein. Wiederum zehn Jahre nach dem Straßenbahnausweisfoto ist sie eine leicht dickliche Mutti inmitten einer Katholischen Jugend-Gemeinschaft, die ihren Beruf aufgegeben hat und freiwillig die Kindergruppe in einem Ferienlager betreuen hilft: Harmlos. Wieder erwischt sie die Kamera - der sie diesmal nur eine unter vielen Personen ist - mit diesem Anschein von einer gewissen Ratlosigkeit heraus ihren Augen, die allerdings eine zugleich offenere wie gemilderte scheint: In ihrer ausgewachsenen Rundlichkeit wirkte diese Frau nun gerundet auch in sich, abgefunden oder begütigt, bereitete ihr Blick nicht jeweils diesen Eindruck einer leichten Abwesenheit, einer minimalen Abirrung, mit der sie neben das Lagerfeuer, neben den behinderten Jungen in seinem Rollstuhl, neben das Zentrum der lustigen Runde zu sehen scheint. Ihre eigenen Kinder kann ich auf den Fotos der Gruppen nicht ausmachen.
Weitere Fotos scheinen in ihrem Motiven zugleich zu offensichtlich... wie um eben diesen Anschein von Offensichtlichkeit zu kompliziert, um meine Zwischen-Ideen eigener Eindrücke dagegen zu stellen: Es wäre eine Art Gewalt von interpretativer Überlesbarkeit - selbst wenn diese alle deren Irrtümer mitbedenkt.
Etwa sie beim Tanzen in einem weiten Sportpullover, der die Ausholbewegung einer ihrer zu erheblicher Größe gewachsenen Brüste nicht auffangen kann, und das vor einem unsäglichen 70er-Jahre Vorhangmuster in einer niedrigen Raum ganz ausgeschlagen in Holz ("Skihütte Todtmoos"): Das Gesicht des Bewussteins ihrer Selbstgewahrsamkeit in diesem Zwiespalt von Scham und Selbstbehauptung, von Foto-Bewusstheit und sie abstreitender pausbäckiger Fröhlichkeit ist, so trivial der Anlass ist, von einer eigenen Abgründigkeit. Das Foto ist in allen Belangen ganz schrecklich. Aber am schrecklichsten in seiner Unabweisbarkeit. Vielleicht ist es mehr dieses Unleugbare, mit dem den Menschen etwas weggenommen wird (als in dieser okkulten Angst irgendwelcher von uns als „authentisch“ gedachten Eingeborener), das Unbezweifelbare nämlich ebenfalls als ein Moment von Gewalt, als Teilverlust der anderen, mit dem durch das zur Deutlichkeit Gekommenen zwangsläufig unsichtbar Gewordenen ihrer Seelen. Weil wir auf keinem Bild je vollständig sind. Und kein Bild ist je ganz, "heil".
Und zugleich wäre, das wird mir klar, dieses Objekt in der Lesart eines anderen Blicks ein völlig anderes. Kann gut sein, die Scham, die ich bei ihr zu erkennen meine, derart ungemildert gesehen und dabei beweisbar geworden zu sein, ist zu einem Gutteil meine eigene, und beide zusammen sind der Krümmungsbogen jenes Menschlichen, das vor der Objektivität des Mediums gleichzeitig oft nicht zu bestehen scheinen kann (indem es seine doch das Leben so bereichernde Vielfalt von Maskierungen begründet), wie eben das auch sein Vorzug wäre. Das einem Fremdeste im Anderen - es könnte mal wieder das Eigenste sein.
Aber all diese Dinge verstehe ich selber nicht genug. Und es kann gut sein, dies ist Teil der Gründe, mich dieser Suchbewegung mittels meiner Beweissammlungen immer wieder auszusetzen.
***

Ihr Ausbildungsberuf ist "Bürogehilfin", ihre Zeugnisse sind sehr uneinheitlich. In Englisch bringt sie sich mit dem Wortreichtum ihres Vokabularwissens weiter, kann es aber nur schlecht anwenden; in mehreren Prüfungsdisziplinen, vor allem "Kurzschrift", fällt sie vor der IHK mehrmals durch. (Aber geschickt begründet gegenüber ihrem Ausbilder, der sich auch jedesmal großzügig zeigt, bis sie es dann packt. Und außerdem hat sie trotzdem damals schon ein Geld in Mark verdient, von dem heute in Euro immer noch eine ganze Prekariatsfamilie leben können müsste - goldene Zeiten. Die seinerzeit international namhafte Firma ist allerdings auch längst abgewickelt.)
Sie hat ihrer besten Freundin – Nicole, Gruppenleiterin aus dieser Katholischen Jugend-Gemeinschaft (in der sie alle schon als Kind Mitglied gewesen zu sein scheinen) -, deren Freund ausgespannt - Jörg -, der ihr zuerst ungelenke Liebesbriefe schreibt und sie dann auch heiratet. (Er schreibt über das schlechte Wetter und dann drei Mal, dass ihm nichts mehr zu Schreiben einfällt - aber die Liebe ist "für immer", das behauptet er fest.)
Die Briefe ihrer Freundinnen sonst sind von der gleichen erbarmungswürdigen Mitteilungslosigkeit, meist auf einen Satz zu verdichten plus viel Floskel-Ornament. (Außer dass man endlich mal erfährt, dass es damals tatsächlich Leute gab, die zu Konzerten des bestehenden Unterhaltungsangebots gegangen sind - "Kelly-Family". Voll schön, echt!)
Einen Brief gibt es von ihr selbst, den sie an den voreiligen Ehemann und späteren Vater ihrer Kinder geschrieben hat. Sie stellt sich vor, mit ihm zusammen zu wohnen, und „immer viel zu schmusen“. Offenbar hat die Beziehung aber schon einen erheblichen Bruch hinter sich, von einem Neuanfang ist die Rede. Und dann kommt tatsächlich ein Satz, den ich interessant finde, obwohl er völlig misslungen und unfreiwillig komisch ist: "Ich dachte ich könnte Dir wenigstens schreiben wie sehr ich Dich liebe, aber das kann man nicht schreiben und auch nicht sagen, das Gefühl ist nur in meinem Kopf und dort wird es auch bleiben." Immerhin kein Herz!
(Und drei Jahre später findet sie ihn anscheinend nicht mal mehr einer Antwort für würdig. Allerdings heißt "Brief" für ihn auch nur etwas Geschriebenes in einem Umschlag mit einer Briefmarke vorne drauf - nichts Mitgeteiltes. Was soll man da antworten?)
***
Einmal ist sie Zeugin eines Autounfalls und versucht, dazu aufgefordert, den Hergang zu schildern. Sie ist Einundzwanzig und schreibt in einer verschnörkelten Handschrift, wie sie wohl redet - aber das Mündliche scheint auch da das Ausufernde bei ihr, und obwohl der zeitliche Verlauf offenbar die Leitschiene ist, entlang der sie die Tatsachen zu sortieren sucht, kommt sie mit einer Art Rückblick - womöglich nahegelegt durch den von ihr eingeführten Blick in den Rückspiegel? - dann in die Erzählung - d.h. sie kommt durcheinander. Dass ein Fahrschulauto eine wesentliche Rolle spielt, eine Verengung, ein Taxi-Standstreifen... all das wird erst deutlich auf der angefertigten Skizze. - Da fällt mir dann auch nichts mehr zu ein.
Außer, dass ich dann ebenso in dieser Schriftlichkeit - dessen Moment an anderer Belegkraft anscheinend ich ja suche - den Zweifel zu sehen vermag, dem ich beim Mündlichen längst nicht mehr beikomme: das "Gerede", als Gemeintes und unmittelbar Verfertigtes (Kleist) eines von sich notwendig überzeugten Ausdrucksakts wäre ja stets zweifellos. So wäre es dann eben die Umgangssprache, die uns "beherrscht" - und wir schon immer damit (und also mit uns) einverstanden. Und in ihrer zum Vorschein kommenden Kluft ("Abgrund") zur Kunstsprache der Versuche zu "eigentlicheren" Worten - etwa diesen hier - käme etwas zu sich. Spreche ich zu wem noch klar?
***

Drei Belege noch, die ich behalte:
- eine Eintrittskarte zum "Star Light Express" in der Ruhrlandhalle Bochum (Tribüne Links, Reihe 5, Platz 14);
- einen Fahrschein - Andata e Ritorno - von Cavallino nach Venezia S. Marco (Datum des Entwerterstempels unleserlich);
- eine Kontaktdaten- und Dienste-Beschreibungs Visitenkarte des "Detektiv-Instituts“ P.
Geht es um mehr Diskretion oder um mehr Aufklärung? Was müssen wir über die Welt wissen, was von uns selbst verbergen? Was kann man überhaupt wissen? Was lohnt es sich aufzuspüren?
Man kann eine Menge über jemanden erfahren, aber wissen, über die Gewohnheiten eigener Annahmen und daraus abgeleiteter naiver Gewissheiten hinaus, über die Relativität der eigenen Erfahrungsgrundlagen, wird man nicht viel. Andererseits reichte aber auch schon eine Sprache, die uns glauben machte, dass eine bestimmte Person, der unsere Sehnsucht gilt, existiert. Dann kann ich jemand Unvoreingenommeneren als mich beauftragen, sie zu finden. Die Empfindung nämlich, wie so oft bei mir, ist, als wäre mir der Beweis sämtlicher meiner Fehlannahmen über sie nicht ganz unangenehm. So käme auch ich noch einmal als jemand ganz anderer vor, und sei es als Randfigur zufälliger oder nur fernerhin mit aufs Bild gekommener Zeugenschaften.
Ich erwarte dringend Berichte.
en-passant - 1. Mai, 15:34
