27
Nov
2007

"matriarchale Dichtung, poetische Umarmung"

"matriarchale Dichtung, poetische Umarmung"
Ein Hinweis


In der neuen "Volltext": Nicht nur eine Würdigung, sondern ein hellsichtiger, aufregender Artikel von A.N. Herbst über die kürzlich verstorbene Marianne Fritz! Er formuliert dort Kriterien für so etwas wie eine weiblichere Literatur. (Keine Frauenliteratur, als nur zu denunzierende; er vergleicht Fritz - und stellt sie gleichsam auf eine Stufe - mit Getrude Stein, und sieht sie außerdem im Konzept des lebenslangen Weiterschreibens nah bei Musil.)

Und wie erneuernd könnte so etwas sein! Schon an seinen Oberflächen gegen die wissende Schreibschulen-Stringenzen & Plot-Verseuchungen, die Vereindimensionierung zur Marktgängigkeit, überhaupt gegen die angelsächsische Ranking-, Ränke- & Bestsellerei, die auch immer mehr vom Betrieb verinnerlicht zu werden scheint gegen das Bestehen auf so etwas wie ein Kunstwerk: Zumindest die Literatur noch als etwas Anderes. (Ich weiß, jegliche Emphase angesichts der real-existierenden Buchstapel in den meisten Läden ist hier auch schon albern: Scheiß auf das Lesen! Herbst aber entwickelt neue Argumente, man lese dort.)

Zwar zementieren nahezu sämtliche geschlechtsbezogenen Kriterien fast schon wieder das gute alte Gendering, aber es zeigt das Unbehagen zwischen den Geschlechtern doch ja auch, dass es ohne gewisse Unterschiede nicht geht.

Herbst verweist auf den "Regress" bei Fritz gegen die a-patriarchale Sprachordnung, unterscheidet das Gerichtet-Phallische gegen das Entdinglichende, das gewundenere Sprachwege Suchende; das männlich Markierende (er nimmt sich da ausdrüchlich nicht aus) gegen das literar-genetisch Austragende des Weiblichen. So wie er es ausführt, leuchtet das jedenfalls alles sehr ein. Auch gibt er damit eigenen zerstreuten Einfühlungen ein paar brauchbarere Begriffe (zumindest sind sie für mich, der sich bewusst von den Sekundärtexten etwas abgewandt hat, neu).

Ich hatte mich damals halbwegs durch "Dessen Sprache Du nicht verstehst" gearbeitet, aber wohl zu wenig davon verstanden. Zwar fühlte ich immer wieder eine Art Aufscheinen von etwas Utopischem solch ganz anderer Entwürfe, aber hatte kaum Begriffe, keine mir geläufigen Annäherungen dafür, konnte es in nichts für mich Anwendbares übersetzen. Es war allerdings auch damals die Thomas Bernhard-Zeit, als er bald alles zu bestimmen begann... und damit auch ein so schlechter Einfluss wurde; außerdem war ich damals Duras-verrückt wie so viele. Wer hilft einem gegen die eigenen kurzfristigen Begeisterungen?

Marianne Fritz schaffte das nicht. Andererseits konnte ich seinerzeit schon Mayröckers Umkreisungen etwa gegen Jelineks "phallisches", nominatives Benennungs-Programm verteidigen, hatte schon Clarice Lispector entdeckt und gegen den Vulgärfeminismus zu ahnen begonnen, dass im Weiblicher-Gewendeten und -Gedachten etwas stecken könnte, das ästhetisch ganz anderswohin führen konnte, "schweifend", "intentionslos" (Herbst'sche Adjektive zu Fritz)... jedenfalls über Gender- und weitere Dichotomien hinaus!

Hätte ich nicht froh sein sollen, dass mir endlich wieder einmal die stets so griffigen Kriterien fehlten? Weil sie einen wiederum zur Illusion des Verstandenseins einer Sache verleiten, und das vermeintlich Verstandene ja schon das Erledigte ist? Heute denke ich oft, Unverständnis eines Textes sei erst einmal das Beste, was er mir bringen könnte, weil da eine neue Eröffnung liegen könnte. Nur fange ich, ehrlich gesagt, längst nicht mehr so oft mit dem Wiederlesen an.

In anderen Nachrufen auf Fritz klang das Manische ihrer Schreibweise fast schon als etwas Verrücktes an. Herbst spricht davon, dass sich manche Bücher eben nur schwer ertragen lassen, wenn sie sich der erwartbaren Befriedigung nicht konform geben (wollen). Soll man dann auf sich nehmen, was AutorIn auf sich genommen hat, wo einem die Medienpraxis doch überall den geläufigen Hindurchgang ohne alle Widerstände erlaubt?

An anderer Stelle in Volltext, einer Besprechung der neuen Botho Strauß Novelle "Die Unbeholfenen", wird kurz angetippt, wie auch das Internet, als das Netz einer Spinne eigentlich, uns alle gefangen hält: online, auf Linie, ein ja nur virtuell unendlicher Erstreckungsraum. Wir bewegen uns auch da doch meist als Identische. Überall, wohin wir kommen, waren wir schon; wir könnten entdecken, aber es wird uns gleichzeitig zu leicht gemacht; wir wundern uns noch einmal kurz, aber sind schon anderswo. Wäre Nichtbegreifen, wären Möglichkeitsräume neu beginnenden Verstehens in einer Welt der Drei-Wort-Sätze und Klick-Ströme nicht mal was anderes? Literatur?

Kann sein, ich folge mit meiner Affirmation auch nur wieder einem "patriarchalen" Einspruch: Du sollst besondere Bücher lesen! Im Nachdenken erinnere ich mich aber, dass ich Joyce beim ersten Lesen auch noch nicht wirklich genießen konnte. Oder Carl Einstein. Oder Antonin Artaud. Oder Raymond Roussel. Oder. Oder. Und was wurden dann tatsächlich für über-große Vergnügungen daraus! Ich habe große Lust, das Buch von Marianne Fritz nochmal zu lesen, aber mein Exemplar ist verschenkt...
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