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    <title>Tage-&amp; Nachtbuch (Lebensmitschriften...)</title>
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    <description>Lebensmitschriften...</description>
    <dc:publisher>en-passant</dc:publisher>
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    <title>Tage-&amp; Nachtbuch</title>
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  <item rdf:about="http://tabu.twoday.net/stories/5040756/">
    <title>Party</title>
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    <description>&lt;center&gt;&lt;b&gt;Party &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
im seit Jahren nicht mehr geöffneten Schrank &lt;br /&gt;
ein Kleid, das irgendwann lautlos zu Boden glitt &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ein Stuhl, ein Spiegel, die nun leer bleiben, &lt;br /&gt;
die Stille in einem Raum, den niemand betritt &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und nackt und entgeistert ein Lächeln, &lt;br /&gt;
das sich an niemanden im Besonderen richtet &lt;br /&gt;
&lt;/b&gt;&lt;/center&gt;

 &lt;br /&gt;
 </description>
    <dc:creator>en-passant</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 en-passant</dc:rights>
    <dc:date>2008-07-05T13:43:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://tabu.twoday.net/stories/5038959/">
    <title>weißwassischmein ?</title>
    <link>http://tabu.twoday.net/stories/5038959/</link>
    <description>&lt;b&gt;weißwassischmein ? &lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der U-Bahn, die vom &quot;Seestern&quot; kommt: so ein sonnenstudiostudierter Sportklamottentyp beklagt sich fast lauthals - er will also gehört werden -, dass ein ihm bekanntes Pärchen gestern Abend nicht mit in den Stripclub habe kommen wollen. &quot;Alles Spießer&quot;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich drehe mich um, um die Reaktion abschätzen zu können, wenn ich ebenso laut hinübersage, dass ja so etwas Hochreglementiertes wie ein Stripclub wohl mit das Spießigste ist, auf das man als jüngerer Mann verfallen kann - eher ein Frust- als ein Kunstort. Aber ich erkenne: es wäre sinnlos. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich letztens einmal nachts in unserem lachhaften Rotlichtviertel unterwegs war, kam aus der Tabledance-Bar an der Scheuren ein Mann, so ein Bushido-Typ: eine vage orientale, kurzgeschorene, betont physische Erscheinung mit &quot;Bling&quot; und Muskelshirt und verschliffener Artikulation. Er setzte - gegen ca. halb drei Uhr morgens - eine Sonnenbrille auf und sagte halb in die Schwärze, halb zu mir hin, ohne mich erkennbar auch nur im Allergeringsten damit anzusprechen: Wogehtnniernochwassappä? Damit wandte er sich gleich in Richtung Bar nebenan. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich weiß, jede Art von Vergnügen hat auch seine Berechtigung, auch kenne ich zufällig die Etablissements da teilweise von innen und weiß, dass es, alkoholisch befeuert oder nicht, hellsichtige Minuten in jedem Hinterzimmer geben kann: Noch der geringste Anlass braucht nur einen entsprechend bereiten Geist. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das hatte plötzlich etwas Trauriges. Er hätte mir nicht wirkliche Leid tun können und das Ganze war auch nicht wirklich epiphanisch, aber ich erkannte auf einmal, wie sehr (nicht nur) solcherart betonte Maskulinität offenbar immer auch eine gefährdetere ist, dass man es nötig haben muss, sich derart darin zu bewegen. Weitgehend unbekleidete Frauen anzusehen kann einen wohl &quot;männlich&quot; empfinden lassen. Tatsächlich aber ist man in solcherart Rahmen ja immer auch schon um so mehr vor ihnen in Sicherheit, es gilt eine meist striktere Grenze. Während meiner - zugegeben nicht sehr ausgiebigen Erfahrungen dort - hatte ich öfter vermutet, eigentlich wollen Männer in solcher Umgebung um so mehr bei sich selber sein, verhalten sich fast eher &lt;i&gt;für&lt;/i&gt;einander. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich stand da am Zebrastreifen an der roten Ampel und wartete, obwohl die Straßen ohne jede Autobewegung waren. Ich hatte kaum einmal richtig den Kopf zu ihm hingedreht und hatte auch nicht auf ihn hinabgesehen - das heutzutage oft eigentlich männliche Verhalten. Ich fühlte mich durchaus männlich, aber von vielem Quatsch dabei immerhin war ich frei. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
 </description>
    <dc:creator>en-passant</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 en-passant</dc:rights>
    <dc:date>2008-07-04T12:40:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://tabu.twoday.net/stories/5036858/">
    <title>Distopik II</title>
    <link>http://tabu.twoday.net/stories/5036858/</link>
    <description>&lt;b&gt;Distopik II&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie ein Insekt hing ich &lt;i&gt;quer&lt;/i&gt; zu einer anderswie verstrebten Welt, etwa wie eine Fliege auf der riesigen Fläche einer Fensterscheibe; auch gab es so etwas wie eine Transparenz dahin, die ich aber nicht durchschaute.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Nachdenken über diesen ja nur noch Resteindruck fällt mit ein Neo Rauch-Bild ein, das ich letztens in der Bundeskunsthalle sah. Es zeigt, wenn ich mich richtig erinnere, einen Mann in schon historischer Pilotenkluft, der vor diversem, größenmäßig gegeneinander versetztem Fluggerät steht, und der Hintergrund besteht ebenfalls aus gegeneinander unterschiedlich dimensionierten Perspektiven und Fluchtlinien, die einen leicht verschobenen, aber damit auch beweglichen Zusammenhang bilden. Ich meine sogar, ich hatte darüber zu E., die mit mir davor stand, eine Bemerkung gemacht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Frage, die mir kommt, ist: inwieweit ist Welt vor allem stabile Geometrie, topologische Konstante? Wahrscheinlich täusche ich mich: Eine Aufmerksamkeit dafür steckt sicher in jedermann, es ist wohl eher eine Frage der Intensitäten. Aber manchmal vermute ich fast - es fällt mir doch einigermaßen oft bei mir auf, in allen möglichen Situationen -, dass es in mir einen gewissen besonderen Sinn dafür geben könnte, für so etwas wie Archi-Textur, für Relationen, und dann eben auch für Brüche zwischen Verhältnismäßigkeiten. Allerdings ist das unausgebildet und dann meist auch eher unscharf; und dann muss es ja auch mit den eigenen Skalen zu tun haben, mit dem Selbstbild: Wie man sich in / neben / zwischen / gegen das andere verortet. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber zu tun hat es vielleicht auch etwas mit dem Instrumentarium der je eigenen herausgebildeten Differenzen, mit Kontrastmitteln und Kontrastzonen des Denkens, mit eingeübten Offensiv- oder Defensivverhältnissen, mit Weisen von Verrechnung, denen das Geometrische - von dessen Gesetzen man aus dem Mathematikunterricht ja immer noch irgendwas in sich gespeichert trägt - etwas sich Nahelegendes ist, ein Verbildlichend-Vergleichendes, ein &lt;i&gt;konfiguratives&lt;/i&gt; Moment sozusagen, ein Rest an Räumlichkeit in einem Rekurs auf das mentale Moment des je Vorzustellenden selbst. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(Ein Aufsatz Kants fällt mir ein über das A priori linker und rechter Hand beim Menschen, und wie die Welt von daher immer schon geordnet ist. Dann noch diverses anderes, Theorien über links- und rechtsdrehende Helixen, außerdem ein Ästhetik-Seminar bei Rudolf Heinz über solche Grundrelationen, aber... das alles habe ich als zu Abstraktes nicht mehr parat. Früher konnte mich Mathematik durchaus auch mal als etwas Aufregendes angehen, aber für das meiste von deren Anwendungen oder gar Beherrschung, dazu bei &lt;i&gt;der&lt;/i&gt; langweiligen Vermittlung, war ich wohl zu blöd.) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein anderes &quot;distopisches&quot;, mit seinem einigermaßen häufigen Wiederkehren prominentes Traummoment bei mir, hat mit einem Ausflug zum Segelflughafen zu tun. Obwohl ich damals zu viel Angst hatte mitzufliegen, muss es dazu doch eine starke, eine gleichsam autonome Verlockung in dem Kind gegeben haben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Traum stehen mir alle sonst so gewissen Weltverhältnisse gegeneinander versetzt, und zwar in teils realistisch erfassten (&quot;rechten&quot;) Winkeln, teils aber auch heraus etwas Ver-rücktem an Vorstellungen entspringenden Momenten in einer noch &lt;i&gt;in sich&lt;/i&gt; vielfältig gekippten Welt: &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
- Kopfüber-Horizonte, Allweiten vor Augen, überhaupt Ausmaße kurzfristig gedehnt zum Rand... bin ich das Schwanken, ein [halluzinogenes] Körnchen Salz im Innenohr ist mein Kreisel, alles um mich herum wie blau-beschallt, bin ich in Wellen stumm das an mir Zerrende der entgegengesetzten Randschaften der Sinne im Verstreuen der Hügel: überall Himmel, ist für ein kurzes Hereinbrechen der Wald fern von wo nichts sich bewegt und ich die Spitze einer umgekehrten Pyramide, auf die hin alles berechnet ist... und wieder kippt &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
- so sitze ich dann irgendwann auch wieder am Boden von allem, was Tal meiner Bangigkeit, was in mir Versenkung ist, und lange Reihen gleicher Männer kommen herunter über den Hügel und treten das Gras &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
 </description>
    <dc:creator>en-passant</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 en-passant</dc:rights>
    <dc:date>2008-07-03T13:28:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://tabu.twoday.net/stories/5032683/">
    <title>Poesie des Diversen</title>
    <link>http://tabu.twoday.net/stories/5032683/</link>
    <description>&lt;b&gt;Poesie des Diversen&lt;/b&gt; (L.L.) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wieder mal der Stoß Papier eines Schreibers - und wie immer kann ich nicht widerstehen, ihn durchzusehen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sind meistenteils rausgerissene Seiten aus einem Ringhefter, darauf larmoyante Rap-Versuche, die mit versetzt-verschobenen Reimen arbeiten, allerdings auch nur die Allerwelts-Nichts-Aussagen machen, die Rapper eben so machen. Fällt keinem auf, dass die eigentlich schon lange nichts mehr sagen? Was sie sagen, ist längst so sehr heraus sich selbst reglementiert, dass die Gorilla-Gesten beim Posing die geistige Impotenz eigentlich nur um so mehr hervortreten lassen. Und die Aggro- und Möchtegern-Ghetto- und Die-Welt-ist-schlecht-zu-mir-darum-bin-ich-böse-Aufgüsse in der xsten Verdünnung  ach was, geschenkt. Klar, Kindern soll man den Spaß lassen, aber dieser Typ hier ist Anfang Zwanzig - und er geriert sich schon als Geschäftsführer (wenn auch nur seiner eigenen Ego-AG als Mitmisch-Untenehmung). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist wohl eine Art Ausdrucksgefängnis: So, wie andere Moden und eigentlich auch Punk, einmal die anvisierte Entgrenzung von allem, dann das brave Einsammeln noch der Allerletzten war, die sich  zu drei Akkorden (es reichten aber auch zwei) - eben auch noch das Posing draufschafften... und es leitete dann in eben diesen me-too-Gestalten seine eigene Ent-Energetisierung, und d.h. seine Überflüssigkeit ein. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und HipHop ist eh wie Internet, wie der Vorstadt-ALDI, wie Fernsehprogramm - alles &quot;herunterdemokratisiert&quot; (Botho Strauß): kann jeder! Nur findet man vor immer mehr lauter schlechten Versuchen dahin auch das rare Lohnenswerte dann so schlecht. &lt;br /&gt;
(Strauß ist damals heftig dafür angegangen worden, dabei ist nicht mehr Herabminderung darin, als die Urteile, die eh jeder ständig in seinem Auslesen gegen die Überproduktion fällen muss: Das Meiste reicht einem eben nicht aus. Und immer mehr Leute laufen herum, aus denen  man weiß nicht wieso  eine permanente Beleidigungslust zu sprechen scheint: Jeder Blick sagt: Du Arschloch! Aber wehe man schaut mit selber! zurück. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Stapel dann noch Briefe, Rechnungen, Notizen, Postkarten. Ich sortiere die weiteren Schreibversuchen aus. Nur sind die dann doch eher pennälerhaft, ekklektizistisch &amp; retro-poetisch: &lt;i&gt;aus Deinen Augenliedern&lt;/i&gt;(!) &lt;i&gt;Rosenwasser schwerelos&lt;/i&gt;... Hat er sie zum Weinen gebracht und sich dann an seinem edlen Gefühlchen darüber entzückt? Walther von der Vogelweide durfte noch so dichten. &lt;br /&gt;
Aber vielleicht bin ich ungerecht, weil ich ja nur ja an meine eigene frühe Stümperhaftigkeit erinnert werde. Anscheinend muss jeder auch durch diese Murksereien erstmal hindurch. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei soll meiner ja anhand derartiger Quellen (ähnlich wie bei meinen Leseversuchen über das Leben anderer mittels ihrer weggeworfenen Fotos) stets ein heimlicher Blick eben ins Unfertige sein. Wobei ich, längst zu oft enttäuscht, ahne, dass ich meinen Hang zur Indiskretion wohl aufgeben würde, könnte ich nur etwas mehr Überzeugendes lesen. Stattdessen bekomme ich dann eben das Krude, das auf andere Weise als realistisch zu verstehende Elend. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Überlegung war einmal (so ungefähr): die Indiskretion, als ein Weg an das Halbe, Unausgereifte, Verworfenen der Leute zu gelangen, lieferte mir Zugang zu etwas, an das mein Kopf sich dann anderswie anschließen lassen könnte, weil er von dem allermeisten Fertiggedachten ja auch schon immer enttäuscht ist. Derart stößt er zwangsläufig aber auch nur auf Enttäuschendes. Und das werfe ich dann auch dem Unfertigen noch vor. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotzdem vermute ich weiterhin, ich könnte an das womöglich Eigene eines anderen in Form von Fundstücken neben und außerhalb der Suchbewegungen meiner selbst gelangen: Es wäre, als eben Verworfenens, immerhin ein wenig von aufgegebener Absicht, vom Zwang zum Gelungenen, zum hochmögenden Abgeschlossenen befreit. Andererseits  so kommt es mir gerade in den Kopf -: Ist jemand, der sich auf so eine verjährte, umständliche, dazu schon abgenutzte Kulturtechnik wie Schreiben einlässt nicht &lt;i&gt;immer&lt;/i&gt; ein bisschen auch ein Arschloch? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(Weil ich von meiner Anlage her einmal atletisch war, hatte ich früh auch gewisse Erfolge im Sport. Als ich die aber geringschätzte, geringschätzte ich damit auch die anderen, die eher nur physisch ausgerichteten Typen, und die ließen mich ihre Verachtung für meine dann so blöden musischen Interessen bitter büßen. Die blöden Arschlöcher die!) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Typ hat hübsche Freundinnen, aber anscheinend ist er einer, der sie ständig enttäuscht, weil er ständig zu sehr mit sich selber beschäftigt ist. Er will sich &lt;i&gt;verwirklichen&lt;/i&gt; - und verwirkt es mit den Görls. Aber das blöde Liebesleben: es produziert ja auch so fast nur Jämmerliches. Warum das noch lesen? (In einer Fotoserie posiert er in einer Trainingsjacke - die bei ihm natürlich dezidiertes Styleobjekt ist -, setzt sich aber eine Krone auf: aus Pappmaschégold; aus dem Sternensingerbedarf? Stimmt es so insgesamt mit ihm vielleicht doch?) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zuletzt sitze ich an einer Collage aus diversen Aussagen von Personen (jeweils mit deren Initial gekennzeichnet) in Form eines Gesprächsprotokolls. Durch Numerierungen sind sie in der Reihenfolge umgestellt und man ahnt die Idee, so etwas wie einen gleitenden poetischen Zusammenhalt zu komponieren, eine Drift durch Zitate, die die einzelnen Geisteshaltungen aufzeigen und sie textweise verbinden, ein DJ-ing aus mentalem Sampling. (Ist er also doch auf Verbandsbildung aus, doch auf Gemeinschaftlichkeit, nur eher Vernetzung statt Vereinigung?) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leider ist das dann auch nicht sehr gelungen, und es wird auch mal albern (&quot;ich wohne hier noch nicht so lange - aber manchmal brennt da noch lange Licht&quot;; das ist wieder der Gymnasiasten-Rapper  aber wahrschenlich könnte das auch von Juli oder ähnlichen Texter-Heroen sein). Prompt erinnert es mich dann, dass ich auch mal so etwas versucht hatte, mittels Tonbandmitschnitten. Nur, so kommt es mir vor, war das Stimmengewirr und das erhaltenswerte Reale des Materials damals zu vielfältig gewesen: Daran, dass der Zusammenhalt erst hergestellt werden musste, extrahiert aus zu vielem Durcheinandergerede, musste ich schließlich erkennen, dass er sich mir ideenhaft zwar immer wieder anzudienen schien, aber doch nie ein zu verarbeiten schon ausreichender war. Es überstieg mich. Es hätte vielleicht einer gewissen Gewalt bedurft, um da etwas - aus doch eher Erhaschtem - zusammenzuzwingen. Oder eben einer stärkeren künstlerischen Durchsetzungskraft. Und, wenn das zusammengehörte, Gewalt und Inspiration, wie wären dann die Gewichtungen? Usw. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Irgendwann stößt man immer wieder auf das selbe grundlegende Problem. Es erhebt einen selber wenig, daran auch andere als Scheiternde zu sehen. Tatsächlich ist man immer der Arsch auch selbst. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich behalte drei uninteressante Polaroids (SX-70) für meine Sammlung uninteressanter Polaroids. (Darin es also nicht um die Motive geht, sondern um das Format an Fotos als eine Art Zeit-Stempel, eine modische Konvention, darin Leute ihre Blicke haben konservieren lassen). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem eine halb vollgekrakelte Seite in einer anderen Schrift als der, die die anderen Seiten beschrieben hat - es ist aber der selbe Schreiber. Das anderswie Fragmentarische darin klingt, als ob er gleich nach dem Aufwachen einen Traum hätte kurz skizzieren wollen. Und obwohl es schwerer zu entziffern ist - im Dahinfliegen des Kugelschreibers steckt noch etwas von diesem anderswie beseelten  Drang -, überträgt sich auf mich das fast Aufregende daran. Es ist ja auch heraus einem anderen, sich weniger verständlich gebenden Willen komponiert, und das hat der Schreiber auch erkannt und es als Schrift festgehalten  wie hätte er es denn sonst tun sollen? Das flüchtige Genie drückt sich auch noch in Geschmiere aus. Und man erkennt es auf einmal unverstellt: Die Unvollständigkeit, die Unverständlichkeit - sie haben doch oft Recht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
 </description>
    <dc:creator>en-passant</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 en-passant</dc:rights>
    <dc:date>2008-07-01T14:39:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://tabu.twoday.net/stories/5025746/">
    <title>Nachtgestalt</title>
    <link>http://tabu.twoday.net/stories/5025746/</link>
    <description>&lt;b&gt;Nachtgestalt &lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Letztens nachts, Pionierstraße, unweit von einem Kiosk, von dem das Glas Bier stammen mochte: Ein älterer Mann hatte es abgestellt auf dem Blech der Reifenabdeckung eines einachsigen Anhängers, der ganz mit Bauschutt, aus dem Innern eines der Häuser offenbar, beladen war. Vom Sperrmüll hatte er sich irgends einen Stuhl herangeholt und saß da im Fastdunkel, durch das ich auf ihn zukam. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man muss heute nicht mehr Beckett bemühen, um solche Endzeitfiguren erkennbar zu machen - sie haben sich in der Vereinzelung, im Prekären, im langsam und überall immer sichtbarer werden sozialen Verfall verallgemeinert. So lange sie sich noch herumbewegen können, finden sie ihre Nischen, und anscheinend sogar ihre guten Momente. Erst wenn sie körperlich hinfällig werden, räumt man sie weg. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Nacht war warm, das frisch eingeschenkte Bier war kalt. - Spontan überlegte es in mir, ob ich ihn grüßen sollte. Da hörte ich - kriegte es während meines Passierens auch im Suchen danach mit den Augen nicht zu sehen -, dass er sich anscheinend so ein Transistorradioding in den Schutt hingestellt hatte, aus dem es rhythmisch lärmte: Etwas nur mehr &lt;i&gt;Atmosphärisches&lt;/i&gt; an Empfang, ein Krächzen, von dem man nicht sagen konnte, ob es Worte oder Töne her übertrug. Ihm reichte es wohl für sein Idyll - mich ließ es darüber wortlos bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
 </description>
    <dc:creator>en-passant</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 en-passant</dc:rights>
    <dc:date>2008-06-28T13:28:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://tabu.twoday.net/stories/5023782/">
    <title>Bild, Spannungsabfall, loses Ende</title>
    <link>http://tabu.twoday.net/stories/5023782/</link>
    <description>&lt;b&gt;Bild, Spannungsabfall, loses Ende&lt;/b&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Voyeursszene: Hinter einer durch die Jahre und Verwitterungen dünn gewordenen Strohverkleidung herum das Gestänge eines Balkons bewegt sich eine Nackte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nichts will ich von ihr, als dass sie sich einmal heraus der durch eine Schräge des Hausdachs gelieferten Schattensektion auf ihrer Balkonfläche ins Licht bewegt, damit, um des graphischen Effekts willen, die Musterzeichnungen jenes Strohgeflechts, zu genau dieser Stunde am Tag im perfekten Winkel dafür, auf sie fällt. Genau diesen einen Schritt tut sie nicht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hindurch das Tele kann ich die schweißführenden Vertiefungen der Hautfalten im Fettgewebe oberhalb ihrer schweren Brüste erkennen, die Schwärze des Gewuchers von Achselhaar gegen die mürb-weiße Haut, das Mare Crisium einer alten Impfstelle auf ihrem Oberarm. Außerdem sehe ich die Perlen einer wohl von vorherigem Tun stammenden Anstrengung auf ihrem Gesicht, eine sich von der Hitze zu separieren suchende Konzentration übertragen auf ihre Hände, die sich damit beschäftigen, irgendetwas an Schnüren zu entwirren, ein Stück Wäscheleine, Nylon, deren eines Ende sich in dem Sonnenteil des Balkons schon spannt. Kurz neide ich ihr fast die schöne Selbstvergessenheit - und verpasse dabei meine! &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hindurch die schon mühselig werdende Verlängerung des Wartens wäge ich das schwache Zittern des Ziervorhangs, dessen Saum in den Luftstrom anscheinend eines Ventilators reicht, auch die schon etwas verknitterte Traurigkeit des papiernen Deutschlandfähnchens, das in einen leeren Topf mit Schwarzerde gesteckt wurde. Als sie dann mit Wäscheklammern anfängt, gebe ich auf, kein einziges Mal löse ich aus. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu spät begreife ich, dass und wie meine schon fertige Erwartung an das Bild seine erstickende Verengung war, ein Ausschließen dessen, das mir ein andermal - oder eben später, entwickelter, im Wiederfinden des doch auch immer Teilgelungenen des Moments - zu einer anderen Idee an Bild gereicht hätte. Wie oft macht einen gerade die feste Absicht um das zu Erreichende ein bisschen blöde, wegen einem Ideal vergisst man die Annäherungen dahin. Und dann bleibt einem mit das Schwerste: Hinter das Nichtberechenbare auch der im Vorsatz nicht wiederzufindenden Absichtslosigkeit zurück zu kommen. Wenn ich ein anderes Mal wieder hinsehe, muss ich das hier vergessen haben.</description>
    <dc:creator>en-passant</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 en-passant</dc:rights>
    <dc:date>2008-06-27T13:29:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://tabu.twoday.net/stories/5021310/">
    <title>Nebenherberichterstattung</title>
    <link>http://tabu.twoday.net/stories/5021310/</link>
    <description>&lt;b&gt;Nebenherberichterstattung &lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weil sie aufmerksamkeitsökonomisch so ein schlechter Deal sind, habe ich jedesmal nach den Fußballspielen eine Art Kater: wegen dem Lärm um mich herum, vor allem in den Gärten hinterm Haus mit-genötigt, etwas zu verfolgen, das mir in der Zusammenfassung später, optimiert und in allen Belangen ausreichend dokumentiert, reichen würde, ist das live-Geschehen tatsächlich erst einmal nur seine unperfekt ausgebreitete &lt;i&gt;unbeschreibliche Ausführlichkeit&lt;/i&gt; (Rilke). Und wenn man die einen mit-nehmende Spannung nicht als Gewinn des Ausgeliefertseins dahin begreift, ist das ganze ein Minusding. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stattdessen verfiel ich gestern Abend darauf, den Ton an meinem Fernseher &lt;i&gt;ganz leise&lt;/i&gt;laufen zu lassen, um damit den lauteren um mich herum ein wenig zu neutralisieren - und das funktionierte die meiste Zeit überraschend gut! Ins auch einmal stillere Straßenzimmer gesetzt, sortierte ich mit den Gedanken anderswo Unmengen alter Fotos, die ich versuchsweise auf verschiedene Haufen warf, und besah ansonsten die jubilatorischen Ereignisse heraus den anderen Fenstern zur Straße hin: gewissermaßen immer anderswie im Bilde. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mir schräg gegenüber nutzte die Schöne, die mir auf der Straße jedesmal wegen ihren super-hübschen Beinen auffällt, die Gelegenheit, endlich einmal ausgiebig ihre Fensterflora zu wässern: sie machte das mit einem silbernen Kännchen mit langem Schnabel, das kaum Wasser fasst, sicher antik - sie musste etliche Male gehen, es sah aber gut an ihr aus, wenn sie sich vorbeugte und dabei ihre Haarmähne zurückhielt um zuzusehen, dass nichts daneben ging. Wenn sie ihren Mann hörte, anscheinend in ebenfalls einem der hinteren Zimmer vor dem Fernseher, meinte ich immer, ihr das anzusehen, auch wenn sie nicht wirklich darauf reagierte - es gab dann so eine Unwillkürlichkeit an Bewegung an ihr, leider nicht oft genug, um sie zu studieren; sofort, als ich das das erste Mal bemerkte, begriff ich, ohne es mir richtig bewusst zu machen, dass es mich länger hätte fesseln können. Leider war sie dann aber irgendwann weg vom Fenster. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf gewisse Weise bildeten die weniger aufdringlichen Lautgebungen aus den umliegenden Wohnungen einen eigenen Horizont an Allgemeinheit, der so das Speziellere hervortreten ließ. Etwa diese polnische Familie, ebenfalls aus dem Block gegenüber: samt ihrem Multikulti-Besuch (eine der Frauen verschleiert) frohlockte sie jedesmal ausdrücklich mit den Türken. Einer der Burschen aber schaute auch immer wieder einmal kurz zum offen stehenden Fenster hinaus, als traute er nicht ganz der ausbleibenden deutschen Reaktion. Wird sich die Geschichte wiederholen? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, nebenher ist immer auch ein bisschen Krieg. Die alte Frau darunter, die eigentlich nur noch für ihren Enkel lebt, hatte sich ins Zimmer zu ihrer Gartenseite hin zurückgezogen, aber auch sie tauchte ein-, zweimal mit einem kurzen Heben hinter dem Vorhang auf, als hätte sie zu prüfen, ob die stabilen Verhältnisse draußen noch galten. Und ab und an jagte durch die wie sonst höchstens am Sonntagmorgen einmal so verkehrsarme Straße ein Verrückter, der seine Radioreportage auf &quot;volume ten&quot; gedreht hatte, um etwa alle Viertelstunde wieder auf seiner verzerrten Kreisbahn in Vorfreude des &lt;i&gt;Corsos&lt;/i&gt; hier durchzukommen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die einzigen, die tatsächlich bei den deutschen Toren vernehmlich laut schrieen - und dazu jedesmal auf eine merkwürdig theaterhaft erscheinende Weise &lt;i&gt;Deutschland!&lt;/i&gt; riefen, immer nur genau &lt;i&gt;ein&lt;/i&gt; Mal - war die Familie aus Sri Lanka, deren Kinder ebenfalls Besuch, womöglich von deutschen Mitschülern hatten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Undsoweiter. Ich will ja meinerseits nicht zu ausführlich werden. Ich schätze, so holt eben jeder was anderes aus diesen Event-Feierlichkeiten für sich heraus. Um kollektive Einschnitte und um Unterbrechungen des Gleichlaufs - ich glaube, das ist es, worum es eigentlich geht. Und um das noch einmal spürbarer werdende Moment von heiligem Ernst dabei, den anflugsweise sogar mancher empfindet, wenn auch kaum einer als solchen begreift. Und heute Abend in den Nachrichten sehe dann auch ich noch die Tore.</description>
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    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 en-passant</dc:rights>
    <dc:date>2008-06-26T13:22:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://tabu.twoday.net/stories/5018502/">
    <title>Mangel an Geschmack</title>
    <link>http://tabu.twoday.net/stories/5018502/</link>
    <description>&lt;b&gt;Mangel an Geschmack &lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wegen dem Aufkommen einer Ahnung über etwas zuerst gar nicht weiter zu Bestimmendes, immerhin aber doch mit einem mir schwach bewussten Zug zur Abgründigkeit, fahre ich, als ich davon höre, das unbedingt noch einmal mitbedenken zu suchen, gleichsam aus Recherchegründen also, noch einmal mit zu einem Kleindeal - und bin derart gerechtfertigt. Aber das ist natürlich &lt;i&gt;auch&lt;/i&gt; eine Maskierung der alten Gier. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Auto wartend auf der Hammer Dorfstraße, reden wir dann vorsätzlich nur dummes Zeug, tauschen uns aus, von welchen Untergründen wir schon unsere Lines reingezogen haben. &lt;br /&gt;
H.: Von einem Mattglanz-Babyfoto aus der Brieftasche einer früheren Kollegin. &lt;br /&gt;
K.: Von einer der kalten Arschbacken seiner Freundin. &lt;br /&gt;
Ich: Vom dreckigen Fußboden der Toilette im Pallatini Eiscafé. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Müsste nicht auch das Fehlen solcher Vorkommnisse an Verkommenheit als Mangel gedacht werden, fragte ich mich, und zwar im Sinne einer größeren &lt;i&gt;Unbedenklichkeit&lt;/i&gt; an Lust daran? Ich dachte, wenn ich den anderen erzähle, wir wir einmal frischeglitzernde 50 Gramm auf den herausgebrochenen Ankleidespiegel aus einem alten Schrank von Achims Eltern geschüttet hatten, ein Anlass, zu dem ich extra von dem McDonalds Ecke Oststraße zwei extragroße Trinkstrohhalme mitgebracht hatte - das glauben die mir nicht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Idee der Protzigkeit dabei, des Anflugs einer prätentiösen Allmacht ist natürlich doof. Außerdem verjährt. Aber die Tatsache bleibt trotzdem für mich eine Art Referenz, zusätzlich der Einsicht in die ungemilderte Gier, den Durchbruch eines unvordenklicheren Hangs zur Maßlosigkeit: Das alles war erst einmal nicht mehr zu überbieten. Nicht lang danach hörte ich mit dem ganzen Unsinn dann auch auf. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was mir aber nun klar wird, ist, dass es diesen Wunsch nach einem süchtig-machenden, einem diesen Zug ja auch wiederum bindenden Potenzial immer noch in mir gibt. Und dass, auch wenn ich etwa brav das Maßlose als das Falsche bezweifeln kann und die Droge längst als dumm und sowieso ungeeignet für die Art Selbsterweiterung verstehe, die mir vorschwebt, ich diese Tendenz (womöglich nicht nur meines vegetativen Systems) ins Falsche als etwas zumindest Persönliches erkennen muss, darin Viriles, in dem etwas mir Eigenes aufbewahrt ist. Und das entspricht - mehr als dieser Zug nur hier gebändigt in einem schön maskierten Gedanken - einer gewissen Ausuferung hin zur Aufrichtigkeit über jene in mir wirksamen Suchtpotenziale, noch ohne Stoffe womöglich als wiederum eine produzierende Lebendigkeit selbst. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vielleicht ist das alles aber auch nur die umständliche Langfassung eines Gedankens von Gracian, der mir gerade kommt (so ungefähr): Wenn dein Körper sich langweilt, gib ihm einen heftigen negativen Stoß. &lt;br /&gt;
 </description>
    <dc:creator>en-passant</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 en-passant</dc:rights>
    <dc:date>2008-06-25T13:09:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://tabu.twoday.net/stories/5008793/">
    <title>Erloschenheit - zu &quot;Brinkmanns Zorn&quot;</title>
    <link>http://tabu.twoday.net/stories/5008793/</link>
    <description>&lt;b&gt;Erloschenheit &lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
zu Brinkmanns Zorn &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
      das licht brütet schwarze tage aus, die kommen werden&lt;br /&gt;
       so sicher wie das ende aller litaneien. (R.D.B.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
      &quot;Sobald man rezensiert, ist man in der Amtskleidung: man redet nicht mehr in seinem eigenen Namen, sondern als Mitglied eines Kollegiums. &lt;br /&gt;
      Wer eigentümlichen Geist hat, muss ihn dem Zweck und Ton des Instituts unterordnen.&quot; (A.W. Schlegel) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eigentlich müsste man immer gleich radikaler sein, als man schon kann. (Oder man zügelt sich eben, mit &quot;guten&quot;, selber auferlegten Gründen in einem allseits abgesicherten System. Allerdings: wer kann schon alle Gründe bedenken? Der Irrtum ist also konstitutiv.) Auf den Punkt gebracht, ist vieles aber schon ein Punkt ohne Wiederkehr. Alle Richtigkeiten müssen eh immer wieder neu gefunden werden - und wieder gestürzt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
- Ich kann genau sagen, wo ich am 23. April 1975 war, dem Tag als Rolf Dieter Brinkmann in London von einem Auto überfahren wurde. &lt;i&gt;Westwärts 1 &amp; 2&lt;/i&gt; hatte auf meinem Büroschreibtisch gelegen, als die einzige Kollegin in dem zum Ersten angetretetenen neuen Job, auf die ich neugierig war, kurz darin geblättert und es mit einer betont verwerfenden Geste zurückgelegt hatte. Kann sein, beides hat nichts damit zu tun, dass ich ein paar Wochen darauf meine zweite verheißungsvolle Karriere kündigte und mit einer Freundin für ein paar Monate nach Marokko trampte, obwohl ich mir mehr als ein Flugticket hätte leisten können. Ich wollte bei meinem alten Leben nicht mehr mitmachen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
- Etwa zehn Jahre später, nach einigen anderen Karrieren, aber immer noch mit einem Interesse für die Poetenszene, las ich irgendwo Auszüge aus &quot;Gegen Brinkmann&quot; von Gerhard Falkner. Es leuchtete mir nicht nur in seinen Argumenten ein (auch wenn solchert Argumente selber etwas Austauschbares haben, zumal wenn man deren Prämissen immer nur versuchsweise, dazu in deren Zeit-Verhaftetheit teilt), sondern auch in der Absetzbewegung überhaupt, die Falkner dahin getrieben hatte, sich - in einem Mindesten durchaus auch Brinkmann&apos;schen Drang - in einem Antistatement zu sammeln. Dichtung hat sich ja stets auch zu erneuern, und die besseren Dichter müssen sich die, mittels denen sie sich gefunden haben, auch wieder vom Hals zu schaffen - bis sie selber verjährt sind. Die Gedichte von Falkner hatten mir übrigens ganz gut gefallen, und mit seinen Theorien oder deren Ansprüchen und Anmaßungen hatte das fast nichts zu tun. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
- Vor ein paar Jahren dann fing ich einmal ein Buch zu lesen an, das ich nicht zu Ende schaffte: Nicht, dass es schlecht geschrieben war, im Gegenteil. Aber es ging mir zu nah. Es handelt von jener nicht nur für mich bleiernen Zeit etwa Mitte der Siebziger und rief zuviel auf, Ohnmacht, Ausweglosigkeit, ein bestimmtes Elend des Erledigtseins in Verhältnissen, darin es mir materiell doch blendend ging. Ich kann mein seinerzeitiges Unglück bis heute nicht genauer bestimmen, und das teils auch, weil etwas an diesem Nicht-Zustand immer noch zu schmerzhaft ist: Es ließe womöglich auch keinerlei Selbsttäuschungen überhaupt mehr über ein selbst zu bestimmendes Leben zu. Und sogar noch als ich das Buch weglegte, wurde mir das als persönliches Versagen, als eigenes Schwächemoment klar. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hatte &apos;75, obwohl ich gerade ein paarmal gedruckt worden war, auch zu Schreiben aufgehört, trotzdem es all diese Unruhen und Widerstände gab; es auszudrücken schien aber insgesamt nichts Angemessenes mehr. Schon früher hatte ich meine reichhaltige Kameraausrüstung eingemottet und mir im Kaufhaus Horten eine Instamatic gekauft, das muss etwa zur gleichen Zeit gewesen sein, als Brinkmann anfing, seine &quot;Blicke&quot;-Fotos zu machen; davon wusste ich nichts und hatte da immerhin kein Vorbild, aber vielleicht lag es in der engen Grauwerteskala dieser Zeit, vielleicht in der mit ihr beginnenden Multi-Medien-Verfügbarkeit - viele dilettierten da irgendwie herum. Meinen Fernseher und eine teure Kugelkopfschreibmaschine hatte ich verschenkt. Ich wollte versuchen, das Nichtswürdigste, das Übersehendste um mich herum zu erkunden. Ich erinnere mich, wie ich zu dem Mann hinter dem Glastresen gesagt hatte: Geben Sie mir die Billigste. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese drei Situationen fielen mir spontan ein, als ich letztens &lt;i&gt;Brinkmanns Zorn&lt;/i&gt; mitschnitt, den Film von Harald Bergmann. Ich merkte, ich war auf einmal sehr neugierig auf das, was mich erwarten würde. Und das nicht nur, weil mit Brinkmann damals meine Einsicht losging, dass man also auch so, also ganz anders hätte schreiben können, und dass ich das, eh von einem Impuls dahin getrieben, also auch mal versuchen könnte, er also wie für so viele auch für mich eine Leitfigur gewesen war (wenn auch unreflektiert, unfertig: ich war eigentlich meistens für das, was ich anfing, immer noch viel zu jung). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann wollte ich den Film auch sehen, weil Brinkmann dann lange keine Rolle mehr für mich gespielt hatte; es war mehr als unübersehbar, dass das an ästhetischen Errungenschaften, für das er stand, nun wirklich passé war, fast schon historisch; Germanisten hatten sich seiner bemächtigt, in seiner verschnarchten Herkunftsstadt hatten sie den üblichen Gedächtnisverein gegründet usw., selbst das ignorante Köln hatte einen Preis in seinem Namen ausgelobt und die, die ihn kriegten hatten erkennbar mit dem Anlassgeber nix zu tun. Die Machtlosigkeit noch der Toten - ist das nicht auch ein Skandal? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allerdings steht Brinkmann dann doch auch mittlerweile wieder näher an einer Singulärposition - wenn nicht durch sein Schreiben - das insgesamt rauh, unfertig geblieben scheint -, dann mindestens durch seine Persönlichkeit, eben seine Wut, seine Züge von Manie und Unerbittlichkeit. Das taugt in lauen Zeiten allemal für ein Mindestumrauntsein durch weniger Konsequente. Außerdem ist da mittlerweile genug Abstand, mein eigenes Fantum (und das wenig entwicklungsfähige Epigonenwesen so vieler um mich herum) großzügiger betrachten zu können. Es kann so viele genuin Erneuernde eben nicht geben. (Ja auch heute nicht, da eine ungleiche größere Zahl von Büchern von mit Schreibweisen angereichteren, mutmaßlich avancierteren Geistern erscheint.) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit den Versprechungen mittels der authentischen Tonbänder Brinkmanns und befragten Nahzeugen zu seinem damaligen Leben, mit der von der Kritik hochgelobten Anverwandlung Bergmanns in Brinkmanns Orte und Lebenssituationen bis ins Detail, versprach der Film etwas Kongeniales, etwas in dem ich auch das von mir selber wieder entdecken wollte, das mit Brinkmann zu seiner Lebendigsein immerhin gelangt war. Und es gelang! &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist immer lächerlich nachträglich so etwas zu behaupten, aber vielleicht ebenso wie der (ja nur vermeintlichen) Gebrauchsfertigkeit von Brinkmanns Sprachästhetik - &quot;Pop&quot;, Sympathie für den Alltag, das Kleine und Übersehene, die &quot;kulturell [nicht] besetzten Wörter&quot; mittels der Technik des Wort-Snapshots, des präzise erfassten Augenblickbildes - fühlte ich mich seinem &quot;Zorn&quot; verwandt, seiner Haltung von Abscheu für die Verrohung des Lebens um uns herum, seinem Hass auf das Behäbig-Rheinische, auf die breit dahin gespreizte, mit Begriffen wie &quot;Heimat&quot; und &quot;Brauchtum&quot; eine Allgemeingültigkeit reklamierende denkfaule Gemütlichkeit, dem piefigen CDU-Geist mit seinen Buhmännern aus dem Osten, den Quizshow-Idiotien, dem Arbeits-Stumpfsinn, dem eingedämmten Schrecken, seine Umwelt nach den Bedürfnissen der Geschäftswelten und ansonsten der Lieblosigkeit einrichten zu lassen. &quot;Elendes, lärmiges Gezwerge&quot; (Nietzsche) in seinen lebenserloschenen Kulissen. Mit einer &quot;Tischfeuerzeugkultur&quot; (F.J. Degenhardt). Meine Verachtung war oft derart maßlos, dass sie mich selber schmerzte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den mittlerweile tatsächlich zur globalen Bedrohung gewordene Mahlstrom der Bewegungs- und Blechumwälzung, nach denen sich die noch in ihren Stille-Zonen zugeparkten Städte ausrichten, der totalitär alles korrumpierende Reklamedreck, die Verstelltheit der Köpfe ebenso wie die hundeverkackte Eckkiosk-Tristesse der Kleinbürger-Vorstädte, all das gibt es immer noch, die Lärm-Höllen des Verkehrs gibt es nach wie vor, die Überwucherungen des Unmittelbarsten mit Lebensfeindlichkeit oder Konsum-Konditionierungen oder Fluchten ins falsche Idyll - &lt;i&gt;es ist ganz unausdenklich&lt;/i&gt;. (Kafka, der auch - &lt;i&gt;im Hauptquartier des Lärms&lt;/i&gt; - das &lt;i&gt;eigentlich Unglaubliche&lt;/i&gt; von solchart Leben stets lebendig empfand). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und genau da fängt der Film an: Unnachahmlich, wie Brinkmann seine von lebendiger Wut betriebene Beschimpfung des gelben verstunkenen Kölner Himmels hinrappt, sich hineinsteigert, denkbar unpoetisch - aber wie anfänglich doch als Poesie! Ebenso lachhaft natürlich, aber was bleibt einem, wenn nicht das blinde Anrennen, was denn als Zorn, und wenn er auch ohnmächtig ist. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brinkmanns Zorn hat tatsächlich auch diese kindliche Seite; sie erklärt und ergänzt sich sehr gut wiederum mit seiner gleichsam primären Zärtlichkeit, etwa wenn er mit Robert, seinem sprachbehinderten Kind spricht oder mit ihm durch ein Buch mit den &quot;Anfangswörtern&quot; blättert. Er versucht &lt;i&gt;noch einmal&lt;/i&gt; durch all das schon Verstellte hindurch zu gelangen. Er versucht also das, was eigentlich jeder versuchen müsste - aber meist gar nicht erst versucht. Und damit versucht er auch das Poetische... das eben nicht nur das Schöne, Verzauderte, mittels delikater Empfindung Verklärte sein kann. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über den Film kann man &lt;a href=&quot;http://www.brinkmannszorn.de&quot;&gt;anderswo&lt;/a&gt; besser nachlesen, die Kritiken sind alle wohlab- und ausgewogener als mein Salm hier, der, ich merke es, vorsätzlich parteiisch wird. Für Brinkmann! &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was mir beim Ansehen gleich in den ersten Minuten klar geworden ist - und das fand ich bisher nirgends so ausgedrückt (vielleicht weil Brinkmann mit der Herausgabe von ACID und Silverscreen und seiner Nähe zum Pop zu sehr in die späten 60er Zeit gedacht wird) - was mir also auffiel, war, wie sehr er &apos;73 schon Punk war, also das, was dann erst 77, 78 wieder importiert werden musste, als pure, ausfegende negative Energie. Brinkmann lebte es schon aus, das Unbehagen an den Zuständen, ihrer Menschenferne, ihren Zumutungen... ob von seiten der Politik (rechts oder links die gleichen Verspießerungen) oder der pop-institutionell verfetteten &quot;Rebellion&quot; (kokain-schwangere Rockstars und Supergroups, die immer noch Hotelzimmer verwüsteten oder sich Glanz auferlegten à la &quot;Glam-Rock&quot;). Er, Brinkmann, war Jahre früher Punk, bevor all der Ekel, der keine Kanalisierung finden konnte sich auf einmal auf &quot;eine neue Welle&quot; adaptierbarer äußerer Zeichen aus dem eigenen Jetzt &amp; Hier stützte. (Dass diese &quot;neue Welle&quot; heute mit dem Hitparadendudel von damals verwechselt wird, könnte dann wiederum Skandal sein - oder es ist eben Normalität: &lt;i&gt;Das System&lt;/i&gt; saugt auch die notwendig negativ-drehenden Kräfte für sein &quot;Eigenblutdoping&quot; [D.D.] wieder auf.) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Scheiß auf die Nostalgie! Aber &lt;i&gt;Aus grauer Städte Mauern&lt;/i&gt;: Brinkmann trug das schon Anfang der Siebziger in sich aus, er nahm ab 1970 (sein Ausstieg aus dem Literaturbetrieb) die Verneinung auf sich, damit eben auch Leiden und Zorn, das bisschen ihm mögliche aber notwendige Radikalität, und scheiterte demzufolge erst einmal vielfach persönlich: &lt;i&gt;Nichts Wahres im Falschen&lt;/i&gt;. Während die allermeisten sich arrangierten, stieß er noch seine eigenen Leute vor den Kopf. (Man höre Wellershoff über ihn reden, damals Brinkmanns Lektor in seinem Hausverlag K &amp; W.) Brinkmann musste aber kaputt machen, weil er schlimmer als andere die Kaputtheit um sich herum empfand. Als Auferlegung hatte er dringender etwas für sich zu finden, weil mit dem Bestehenden nun wirklich nicht mehr weiterzumachen war. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich will es nicht meinerseits hochreizen, aber vielleicht lag hier etwas von diesem Stellvertreter-Ding, das ihm angetragen wurde und das andere ihn als Gestalt derart überhöhen ließen (&quot;der heilige Brinkmann&quot;, so, ironisch, der reflektiertere, aber ungleich weniger kraftvolle Ortheil): Es war vielleicht tatsächlich ein bisschen dieses Mythos-Ding, mit dem einer für die anderen durch den der Schmerz der Veränderung hindurch muss. Aber wahrscheinlich hätte er sich auch solch einen Gedanken verbeten - zu Recht! (Mehr Ironie: Von Dieter Wellershoff selber gibt es da einen hellsichtigen Essay: &quot;Die Verneinung als Kategorie des Werdens&quot;. Aber mit so einem Wirrkopf wie Brinkmann kam auch er nicht klar.) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Film sieht man Brinkmann dann angriffslustig diese graue Realität anvisieren, tatsächlich rüde gegen sie angehen, ohne sie mit einer Theorie oder einer neuen, gar benennbaren Haltung in Schach halten zu können. Und diese Art Realität, sie wehrt sich dann eben auch. All diese Texaco-Tankstellen und die Pommesbuden und die Glasfassaden der Versicherungsfestungen (&quot;oben IBM und unten läuft die Pisse raus&quot;), all das Abweisende und tendenziell jede lebendige Empfindung in die Erloschenheit überführende Tote der wirklichen Lebenswelt: Brinkmann versuchte es mit dem Furor seiner Wahrnehmungsfähigkeit dennoch zu fassen. Und er verlor darüber auch erst einmal sich selbst. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Emblematisch die Szene, wo er in einem Hinterhof auf die Mülltonnen einprügelt und den Schatten hinter den Gardinen auffordert, seine Polizistenvisage doch zu zeigen. Es ist diese erstere Wut, der erste immerhin notwendige Impuls, sich körperlich zu wehren, da ein persönlicher Schuldiger ja gar nicht mehr auszumachen ist. Das ist nicht schön. Das ist nicht erhebend. Das kann dann in den Seminarräumen auch nur als falsche Affirmation herauskommen. Aber die Aggression: Für alles, was passiert, wird aber ein Schuldiger gebraucht, dringend, das ist das, was man als erstes über die Menschenverhältnisse lernen kann: Wer ist anzuklagen? Der Müll, die Gesellschaft, das BKA, all die anonymen Instanzen - das ist ja kein attackierbarer Gegner. Da kriegt man nichts geregelt. Da wird man irgendwann gleichgültig. Da &lt;i&gt;weiß keiner mehr&lt;/i&gt;. Da haut einer irgendwann nur noch drauf. Und kurzfristig gereinigt gelingt ihm vielleicht höchstens mal eine frische Zeile. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich ist solche Wut, noch das Reden darüber innerhalb solcher offensichtlichen Hilflosigkeit, dann immer auch etwas naiv (so wie &quot;Computerstaat&quot; von Abwärts, &quot;Kebabträume&quot; von Mittagspause etc., all die neuen Lieder ein paar Jahre später als Aussagen eigentlich lachhaft naiv waren, und doch, blöde aber wahr / unwahr, halfen, dem Zorn der mehr werdenden Unbehagten ein paar vage Namen zu geben). Brinkmann hätte es sich ja bequem machen können voraus solchen Mitläufermengen, er hätte &lt;i&gt;weiter machen&lt;/i&gt; können. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über eine Phänomenologie des &quot;Rohstoffs&quot; Zorn hat neulich Peter Sloterdijk in &quot;Zorn und Zeit&quot; - &quot;Kultur unter dem Aspekt des zerstörerischen Triebs&quot;: Zorn als eine Triebfeder der Geschichte - viele interessante Sachen gesagt. Wahrscheinlich kennt aber jeder bei sich selber längst genug Anlässe für Zorn, kennt Gründe, sich bei all der bis zur Windelweichheit bequem gewordenen Ironie heutzutage auch so eine verjährte Qualität wie Zorn zu bewahren, und das gerade auch angesichts der Übermacht der mittleren Temperamente und der zahllosen Lauen, die an die Schuld über ihre erloschenen Menschen-Leidenschaften nicht gerne rühren lassen - und damit schon Komplizen der Nicht-Passion sind. Ja, richtig: der Kleinmut, nicht gegen die Verursacher vorzugehen, ist auch eine Schuld. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für diese sich mit Ironie Wappnenden - wirkliche Ironiker sind ja noch mal eine andere Qualität - war Brinkmann wohl auch eine komische Figur, jemand auch voll des Ressentiments-Zorns, der Vergeblichkeit. Aber er war eben auch keiner der &lt;i&gt;halben Sachen&lt;/i&gt;. Er war, darin heute noch exotischer, zum Teil eben auch ein Idiot des heiligen Ernsts, vielleicht gar selber unheilbringend. Solche sind eben nicht leicht zu ertragen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was aber kann ein Dichter heute noch sagen? Da fällt mir immer ein alter Satz von Oswald Wiener ein: &quot;Jedes Gedicht hat Amtscharakter.&quot; Das ist auch heutzutage für mich ein Haupteinwand gegen das (durchaus auch oft für mich mit Vergnügen zu lesende) Elaborat der tief in ihre Sprachmaterie eingedrungenen Neo-Poeten, der in ihrer Kunst unermüdlich Freiräume Suchenden - und unterdessen dort doch auch schon Disziplinierten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Irgendetwas sagt mir - eine alte, erstere Sympathie, die dieses Moment nicht sehen will? -, dass diese Versuchung zum Amtscharakter in den besten Momenten Brinkmanns gar nicht erst da ist: Sie kann im Text keine abzuleitende Folgerichtigkeit, aus dem lebendigen Augenblick keine Schule begründen. (Dass genau das so vielen Bewunderern und Nachäffern einleuchtete, ist etwas anderes.) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn Brinkmann die einfachsten Dinge benennt - ein tropfendes Hemd auf einer Wäscheleine -, die nichts von mir wollen, scheint das endlich einmal nichts weiter zu besagen, als das Aufrufen selber nur diese Einfachheit, das Bild (auch wenn das selber schon &quot;die Kunst&quot; ist - da ist dann etwas &lt;i&gt;ready made&lt;/i&gt;). Und mitgenommen in diese (damals so genannte) &quot;Neue Sensibilität&quot; kann man sich dann immer öfter sagen: Ja, da stimmt etwas, das reicht mir. Das Elaboriertere, den Gott der Bewusstseins-Wort-Spaltereien, das syntaktisch-semantisierte Atom weiß man mit all den mitgelesenen poetischen Schulen schon eh in sich selbst. Die Suche nach der unverbrauchten Empfindung aber, der weitestgehend möglichen Unmittelbarkeit ihres Anlasses, der sich darin wiederfindenden und zuletzt teilbaren / unteilbaren Lebendigkeit, das bleibt anfänglich. Das wenigstens noch. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die kunstvollen Metaphern und Metonyme Falkners wurden mir dann bald langweilig, die gefeierte Rede-Schärfe Thomas Klings wurde mir dann irgendwann doch oft eher zur Laber-Redundanz (Kling musste man einfach &lt;i&gt;live&lt;/i&gt; hören), die Gesuchtheiten Durs Grünbeins haben nun wirklich oft viel von Gesuchtheit oder gar Kunsthandwerk... wie all die als Vorlieben und Masche erkennbaren Manien der anderen einem schließlich auch auf die Nerven gehen können (wie meine eigenen Manien mir schon lange auf die Nerven gehen). Und was heute Theobaldy? Was ist mit Wondratschek, dem &quot;Würstchen&quot; (R.D.B.) - ah ja: er ist ein &quot;richtiger&quot; Schriftsteller geworden? Und die Massenauflagen der Sänger? Schon lange Benn-müde, fällt es mir dann doch noch ein, das olle Benn-Wort, nachdem eh nur zwei drei Gedichte eines jeden bedeutenden Dichters überdauern. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man soll die, an die man einmal geglaubt hat, nicht zu schnell verraten. Und es stimmt, ich hatte beim Ansehen von &lt;i&gt;Brinkmanns Zorn&lt;/i&gt; auch das peinliche Gefühl, für seine Art Konsequenz in meinem eigenen mickrigen Leben nicht stark genug gewesen zu sein, und deshalb irgendwann, als ich mich doch arrangiert hatte, ihn dann nicht mehr genug zu brauchen. Ich wollte an mein Unvermögen und an irgendwas Ersteres nicht erinnert werden. Heute bin ich alt genug, mich abzufinden, und ich kann das auch sagen, und das sogar in einer zwar verwandelten, aber zuletzt doch die erstere wieder schätzenden Wut. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber was mir auf einmal noch klar wird, ist, dass ich von Brinkmann, dem Dichter, mindestens vier oder fünf Gedichte weiß, vielleicht mehr, die bei mir schon lange überdauern - ich kann sie tatsächlich (fast) auswendig.</description>
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    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 en-passant</dc:rights>
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  <item rdf:about="http://tabu.twoday.net/stories/5007153/">
    <title>L&apos;Etat et moi</title>
    <link>http://tabu.twoday.net/stories/5007153/</link>
    <description>&lt;b&gt;L&apos;Etat et moi&lt;/b&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein anderer Song: Im Nachhausekommen von Parties oder gegen Ende eines lustigen Betrunkenseins habe ich manchmal Lust auf bestimmte Lieder zum Ausklang, meine all-time-favourites. Es ist dies dann aber weniger eine bloß nostalgische Regung - obwohl ich alle Lieder auch mitsingen könnte (allerdings reichen dazu die Betrunkenheiten nicht) -, sondern ich merke, es geht mir dann meist um je ein kurzes Wiederbeleben von gewissen Gefühls-Stationen, die seit längerem meine sind, solche, mittels denen ich mich noch fragloser fühle (auch wenn ich - und das überrascht mich im Nachdenken darüber jetzt selber - oft bisher kaum oder lange nicht mehr drüber nachgedacht hatte). Vielleicht soll es mich sogar auf etwas bringen? Aber zuerst ist es tatsächlich diese bloße Regung, natürlich auch die paradoxe alkoholische Selbstversicherung genießend, die ein großzügigeres Empfinden erlaubt: ein selbstloseres. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer dieser Songs ist ein alter Jacques Dutronc-Hit aus den Sechzigern, ich hatte ihn allerdings erst später, ich glaube bei einem Korsika-Urlaub für mich entdeckt: Et moi et moi et moi. Neulich habe ich sogar mal von ihm geträumt. (Es ging da um eine andere Nachträglichkeit, nämlich darum, mich jemandem, der mir einmal naheging, auch in solchen marginalen Anwandlungen zu erklären: mich ganz nackt zu machen. Jetzt fällt mir ein, dass ich damals in Korsika zum ersten Mal an einem Nacktbadestrand war: Ist da nun ein Zusammenhang oder ist das eine billig zu habende Konstruktion?) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wieder nüchtern, spielt mir etwas anderes dieses Lied wieder ein, fällt es mir auf, was zum Teil ich so gut daran finde: Die Attitüde. Obwohl der Text eine gelinde Anklage an das französische Spießbürgertum angesichts der politischen Lagen seinerzeit formulierte, hat er etwas in gewissem Sinne Zeitloses. Er macht nämlich nichts anderes, als das Individuum gegen die Überzahl der Welt und ihre Phänomene zu stellen, und zwar in Form der simplen Reihung: &lt;i&gt;cinq cents millions sud-americains... und ich und ich und ich&lt;/i&gt;. Eine durchaus, angesichts der unüberschaubaren Vielfalt der Welt, immer noch, und sich sogar noch verstärkende Art und Weise der Wahrnehmung der Tatsachen bzw. ihre Beruhigung in einem Kennzeichen der &quot;großen Zahl&quot; (man lese das gleichnamige Gedicht der Wislawa Szymborska): Was kann man schon machen - man kann gar nichts machen: Alles wird nämlich zunehmend zu etwas, das einen per se übersteigt. Man denkt dran und vergisst es wieder: So ist es eben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein simple Entscheidungssituation, ein Tertium non datur geht heute fast nirgends mehr. Oder eher nur noch bei Ideologen oder Muskelmännern, bei Fanatikern, bei &quot;radikalen&quot; Zu-kurz-Denkern. Es gibt kaum Antworten, dafür gibt es immer mehr Alternativen. Jeder Sachverhält zwänge zu mindester, tendenziell aber unendlicher Differenziertheit, die kaum mehr zu leisten ist: Diese Arbeit wird eben ausgelagert an &quot;die Politik&quot; und die zahllosen Spezialisten. &lt;i&gt;Wo lassen Sie denken?&lt;/i&gt; Da, wo es einem die Welt einigermaßen einsichtig erklärt. Das &quot;richtige&quot; Denken geht eigentlich nicht, obwohl man unwohl ahnt, dass es einem aufgegeben bleibt, unablässig darum zu ringen - oder es eben aus den Bruchstücken der Bewusstseinsindustrien zu wählen, aus den Fernseh-Abrufbarkeiten, beim Pizzaservice. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Lied ist das &quot;Ich&quot; aber tatsächlich ja schon ein verdreifachtes! Kann sein, das war damals nur der Liedstruktur geschuldet und die Mehrzahl an Ichs noch gar nicht mitgemeint. Aber ich lese es heute so, dass es doch schon andeutete, wie es neben den unkomplizierteren Selbstgewissheiten und dem Wissen um deren Ungenügen auch schon das um ganz andere, tendenziell unverständliche Haltungen gab: Und seien es nur Überdruss an der Welt, Indifferenz gegenüber all den Bedrängungen, Ekel. Es ist sinnlos. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem brauchte man letztlich schon gar nicht mehr argumentieren, es reichte, ein Wort nur auszusprechen (etwa &lt;i&gt;Vietnam&lt;/i&gt;), und alles war damit aufgerufen, inklusive schon der Haltung, der &quot;kritischen&quot; oder welcher auch immer: Eigentlich überschaute niemand die &quot;Wahrheiten&quot; mehr, obwohl man Zuflucht zu ihnen suchte, indem man sie radikal vereinfachte: Dafür oder dagegen. Und genau das Moment an Entschiedenheit war also auch das letztlich schon der Ohnmacht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(Ich meine mich zu erinnern, dass angesichts der Undurchschaubarkeiten auch die ersten Komiker aufkamen, die öffentlich diesen Ernst der Welt verspotteten: Der dringliche Ton eines Dutschkes oder Sartres oder der neo-stalinistische Terror-Sound RAF... alles ein Blödsinn, den diese sich selbstgewiss Glaubenden doch unter sich abmachen sollten! Ja, man war erleichtert! Und immerhin konnte man noch alles aufzählen (ginge das heute noch?). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Dieser Song&lt;/i&gt; nun machte sich ein bisschen lustig auf eine ein wenig bittere Weise, und machte so doch auch weiter mit dem fälligen Ernst - dessen Vergeblichkeit er aber ebenso aufzeigte: er hielt die zunehmend unerreichbare Welt in einer Mindestspannung gegen das zwangsweise routinierte Leben. J&apos;y pense et puis j&apos;oublie. C&apos;est la vie. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und auf einmal kommt es mir so vor, als ob ich das damals schon so, halb, verstanden hatte (ohne es - ich war Schüler - schon formulieren zu können: ich hatte es halbwegs empfunden). Was soll man auch anderes sagen angesichts der schlichten Übermachten von (seinerzeit noch) &lt;i&gt;sept cents millions des Chinois&lt;/i&gt;? Mehr Milliarden, machen wir es heute noch genauso: Wir schalten durch die Kanäle, jeder bis zum Rand überquellend mit Teilaspekten vom Wahnsinn der Welt, und sagen uns bei jedem Knopfdruck: Und ich, und ich, und ich... Olympiade-Ausverkauf? Menschenrechte? Umweltkatastrophen? Und im Briefkasten liegen die Faltprospekte des China-Lieferservice... Kann irgendwer die Zusammenhänge wirklich noch sortieren? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder wäre das auch egal? &lt;br /&gt;
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  <item rdf:about="http://tabu.twoday.net/stories/5003753/">
    <title>Understanding Media</title>
    <link>http://tabu.twoday.net/stories/5003753/</link>
    <description>&lt;b&gt;Phantomschmerzen &lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus der Wissenschaft: Wenn wir zusehen, wie jemand anderer berührt wird, melden Spiegelneuronen unserem Gehirn diese Berührung. Unsere Nervenzellen aber melden auch gleich, dass am eigenen Körper kein Kontakt stattfand. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anders ist das angeblich bei Menschen mit fehlenden Gliedmaßen. Beobachtet jemand, dem eine Hand fehlt, die Berührung der Hand eines anderen, so kann die fehlende Hand dem Gehirn keine Rückmeldung geben. Der Beobachtende kann die Berührung dann aber so intensiv spüren, als würde er selbst berührt. Wissenschaftler glauben nun, dass es derart möglich sein könnte, Phantomschmerzen mit virtuellen, also nur beobachteten Massagen zu behandeln. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine kurzfristige Verblüffung darüber bringt mich auf eine Idee, ob das, was einem permanent und schon immer fehlt  und was sich also durch andere Arten von Phantomschmerz kenntlich macht (Begierden und Verlangen, Melancholieschmerzen und Sehnsucht) -, ob man also das mit den Lebensersatzbefriedigungen nicht aufgeben oder sogar umkehren könnte, und zwar mit dem Konsum des Glücks von anderen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja: Mehr Fernsehen! &quot;Das Medium ist Massage.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
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    <title>Altes Licht</title>
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    <description>&lt;b&gt;Altes Licht &lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einer Riesenlieferung von alten Fotos ragt sofort ein Teilkonvolut heraus, das ich fast wegsortiert hätte, weil es fotographisch so konventionell war... wäre mir nicht ein gewisses exzessives Moment dabei aufgefallen: Immer wieder, in einer Art Selbstfeier, die selbe Person. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das muss natürlich nicht verwundern bei einem Nachlass, darin man die über Jahre gesammelten Bilder zu einem Leben zu finden erwarten kann, aber das hier ist anders. Abgesehen davon, dass es richtig viele Bilder sind - selbst für einen &lt;i&gt;langen&lt;/i&gt; Zeitraum, während dem ja meist noch viele andere Personen, Ort, Fotographieranlässe auftauchen -, ist es die Durchgängigkeit der Person in ihrem Setting, die hier auffällt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zuerst bleibt es verwirrend. Und erst mit Verspätung komme ich drauf: Anscheinend handelt es am Anfang um zwei Personen: Schwestern! Und sind es sogar Zwillinge? Auf mindestens einem Foto, aufgenomen vor einem Hotelportal, sieht es so aus. (Auf anderen eher wieder nicht.) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder? Ich bleibe unsicher. Die Bilder, wo beide Frauen zusammen auftauchen, enden irgendwann in der Mitte der fünfziger Jahre. Die Trennung erfolgte mutmaßlich mit der Wahl ihrer Männer. Die eine - kann sein eine Ärztin, mindestens einmal in einem Ärztekittel fotographiert - bleibt in Hamburg-Bergedorf. Die andere muss dann in den Frankfurter Raum gezogen sein. Und die ist es anscheinend - mit ein paar wenigen früheren Bilder der Schwester in ihrem Nachlass verblieben -, die sich dann irgendwann immer häufiger hat fotographieren lassen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine großgewachsene, schlanke Frau, eine Erscheinung - mit Problemen anscheinend nur mit ihren Haaren: Man sieht sie immer wieder mal mit verunstaltenden Perücken in unmöglichen Farbtönen... und das steht dann in Gegensatz (oder ist es Ausdruck desselben verirrten Glänzenwollens?) zu ihren oft etwas zu aufwändig für den Anlass erscheinenden Kleidungsstilen. Ein gewisser Geltungsdrang... &lt;i&gt;overdressed&lt;/i&gt;? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder liegt an ihrem Beruf? Sie scheint später im Hotelbereich gearbeitet zu haben (es gibt Fotos von ihr vor Schlüsseltafeln und einmal sieht man im Hintergrund das Kreuzschienenverteilerfeld einer Telefonvermittlung für die Verbindung externer Anrufe in die Zimmer). Dann taucht sie immer öfter in diesen Fest- und Empfangs- und Präsentierkleidern auf. Womöglich hat das dann ihren Zug zur Selbstausschmückung in etwas an leichter Exaltation befördert. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was aber ebenso eine Rolle gespielt haben muss - oder könnte es die größere gewesen sein? -, ist eine offensichtliche Freude auch des oder der Fotographen an ihr: Immer wieder muss sie auf Treppen posieren und sich in Badeanzügen und überhaupt ihre toll langen Beine zeigen. Stets bewahrt sie dabei das Damenhafte, manchmal sogar etwas Huldvolles - als steckten derart Ausstrahlung und Erotik dann doch eher in ihrer Person als in ihren körperlichen Vorzügen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es scheint, als hätte eine ihrer Töchter - die, auf die Gesamtschau gesehen, auffallend selten auf den Bildern auftauchen - dann nach Spanien geheiratet; die wirklich ganz entzückende Enkelin wird allseits gefeiert; Gebäude und Gärten im mediterran-großzügigen Stil tauchen auf, dazu andere Hotelstile: eine Art Ferienanlage - im Besitz des Schwiegersohns? Ich kann bei ihm, weniger wegen einer vordergründigen Ähnlichkeit als wegen dem Wiedererkennen ebenfalls eher einer sich deutlich zu geben wissenden Haltung, nicht aufhören an Bilder von Xavier Marias zu denken. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(Aber auch das bleibt verwirrend: Es gibt eine in Italienisch verfasste Postkarte aus Mallorca nach Frankfurt, und der Name darauf - ein mir irgendwie geläufig erscheinender Doppelname, den man schon mal in den Zeitungen liest - bringt bei Google vielfältig wiedersprüchliche Ergebnisse. Jemand solchen Namens überreichte mir einmal seine Visitenkarte auf der Buchmesse in Leipzig.) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Jahre tauchen dann andere Männer auf den Bildern auf. Es kann aber auch sein, dass sich dies mit ihrer Arbeit im Kundenbereich (&quot;customer relationship management&quot;) erklären ließe, und der Mann, der diese Fotos macht, immer derselbe bleibt (um sich ein Bild von ihm zu machen, denke man an den mittleren Philip Roth). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweilerlei fällt mir auf, nachdem ich mir die Arbeit des Versuchs einer chronologischen Sortierung gemacht habe (teils erleichtert durch die winzige Einblendung einer Datumsinformation an einem Rand der Fotos, in Spanisch; auch ihre Notizen auf den Rückseiten der Fotos macht diese Frau dann nicht mehr in Deutsch). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einerseits gleicht diese mondäner Ausgeprägte der Schwestern sich im Gesicht immer mehr der zweiteren, der möglicherweise bodenständigeren Ärztin an. Andererseits werden ihre Blusen, die Stoffe ihrer Kleider immer auffälliger, exquisiter: Kann sein, das Teure der Stoffe und Schnitte wirkt dem entgegen, aber solche Variabilität und Vielfalt, und dann solche Farbenfreude, wirken für mein Gefühl für eine Frau ihres Alters ungewöhnlich, und das auch mit Geld, einer gegebenen narzisstischen Ader, selbst in einem derart hellichteren Süden. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zugleich ist sie aber - auch später als alte Frau noch - immer schlank, aufwändig hergerichtet, und wären da nicht manche Befremdlichkeiten - eine ausgesprochene Geschmacksunsicherheit bei ihren Omabrillen, Couture-Abendkleider auch beim Würstchengrill, eine manchmal touristisch verirrt wirkende Stilunsicherheit inmitten der immer edler wirkenden Hölzer der diversen Edelinnenausstattungen der einheimischen Stillagen - wären da diese leicht schrägen Beiklänge nicht, sie könnte als elegante Frau durchgehen, siempre una bella figura. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Immer trägt sie Kleider und Hosen, die ihre Körpergröße und Schlankheit in Szene setzen, immer ist ihre Brust vorteilhaft betont. (Es gibt ein paar Bilder, die sie in den Neunzehnhundertvierzigern schon an der Ostsee mit blankem Busen zeigen; allerdings in einem Strandkorb dann eher &quot;privat&quot;.) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie tanzt mit brustwolligen Typen, die ihr Hemd einen Knopf zu viel geöffnet und Schuhe mit erhöhten Absätzen tragen; sie lässt sich mit einem alle Latino-Klischees erfüllenden &quot;Giulio&quot; fotographieren, der sie umschwänzelt (oder es zumindest für das Foto so spielt); Männer in weißen Dinnerjackets mit dem an ihnen Gewohnheit gewordenen Status eines Wissens um ihre Gewichtigkeit oder eine Prominenz postieren sich neben sie, nur um diese Frau um so mehr gelten zu lassen - ich glaube, so etwas nennt man Bewunderung. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Repräsentative scheint immer um eine Winzigkeit unterlaufen, und zwar um diesen minimal paradiesvogelhaften Zug der Frau. Sie wäre das Moment einer Irritation, die man als eine Verlebendigung selber ansehen könnte, ein um ein Geringes verirrtes Glanzlicht im Menschentheater ohnehin. Blutrot lackierte Zehennägel schauen aus ihren Peep-Toes, das Gold und die Ringe an ihr vervielfältigen sich, auf einem Berg in St. Moritz trägt sie einen Nerzmantel, dessen Exquisität sogar noch aus den wenig optimalen Lichtverhältnissen an jenem Tag herüberzuleuchten scheint. Usw. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist nicht diese Art Lebensstil, die mich beeindruckt (die ich überdies kenne: das erschöpft sich rasch, bewahrt man nicht die naiv sich erneuernde Freude daran), sondern dessen konsequente und bilderbuchartige Vollziehung und Vorführung an dieser Frau - sie muss da für sich in der Veräußerung etwas gefunden haben, das einer Wesentlichkeit in ihr entspricht. Außerdem ist es von einer eigenen Schamlosigkeit, eine dann über Siebzigjährige sich in einem knappen Bikini am Pool ausstellen zu sehen, und zwar derart, als adaptierte sie das Vorteilhaftere an Haltungen von Siebzehnjährigen. Grand Dame dann noch am Stock (oder ist der nur zum Wandern?), sortiert sie für die nächste Fotostrecke vor einer Hollywoodschaukel die Urenkelinnen nach Größe. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Frage kommt mir, ob jemand, der sich derart dominant als Bild niederschlägt, nicht auch im Leben etwas Bestimmendes für seine Umgebung und Familie gehabt haben muss. Aber da ist keinerlei Anzeichen von einer Anstrengung dahingehend in den Gesichtern der anderen, immer wird neben ihr gelacht und viel geherzt. Und kann es nicht auch gut sein, andere mit der eigenen erworbenen Lebensfreude oder vielleicht gar Dankbarkeit zu leiten? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das erste Foto ist von 1929, sie ist &quot;ein junges Ding&quot; mit einem Hut noch aus der Charleston-Mode, das eine Hand in die Hüfte stemmt. Das letzte Foto ist von 1991, sie steht auf einer ihrer spanischen Edelholztreppen in einem schwarzen Tüllkleid und lächelt gütig, endlich ein bisschen eingefallen unter einer ihrer zu großen Omabrillen; sie muss über Achtzig gewesen sein. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kann sein, ich kann per se immer nur mit meinem ureigensten Ungenügen an diese alten Fotos herangehen und habe überhaupt immer zu wenige Kategorien, um dem Fremden auf den Fotos Fremder gerecht zu werden - aber hier, bei so viel anscheinend bewusst vollführter Konvention, merke ich es auf einmal besonders. An den bloßen Äußerlichkeiten herum dieser Frau scheint etwas sichtbar zu werden von dem, das mir selber im Leben fehlt, von dem ich die allermeiste Zeit kaum weiß und von dessen Bewusstsein als Mangel ich mich auch nicht frei machen kann, indem ich die Fotos einfach zur Seite räume: Ein Vermögen, eine starke Lebenslinie, etwas das sich selber unbeirrbar ist. (Oder es ist das am Außenbild, was spiegelbildlich einer Vermutung von &quot;Repräsentanz&quot; eigenem Mangel entspricht.) Ist das etwas, das man mitgegeben bekommt oder etwas, das in einem selber entstehen muss, für das man eine eigene Kraft in sich erwecken muss? Ich habe darauf keine Antwort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
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  <item rdf:about="http://tabu.twoday.net/stories/4999492/">
    <title>Poesie des Diversen</title>
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    <description>&lt;center&gt;
&lt;b&gt;Poesie des Diversen&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
eine ausgefüllte Anmeldekarte für den McDonalds Junior-Club (Restaurantnummer 4000023)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ein Boarding Pass der Philippine Airlines für den Flug PR730 nach Bangkok (SEAT 33H)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ein Euro Color Fotoset mit Minifotos der Sehenswürdigkeiten von Amsterdam (Preis 2 Gulden 50)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
eine verkleinerte Fotokopie &quot;Wichtige Ratschläge für das Pudelkind&quot; (&quot;Das Haarkleid mehrmals am Tag bürsten und kämmen&quot;)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
eine letzte Zahlungsaufforderung des lokalen Tierschutzvereins (&quot;Die Tiere zu lieben reicht nicht, wir müssen ihnen auch helfen!&quot;)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der Print einer Waage- &amp; Biorhythmus-Maschine in der Mata Hari-Passage am 08.03.1999 um 15:41h (Ihr Geburtstag 27.04.51):&lt;br /&gt;
Ihr Gewicht inkl. Kleidung beträgt 71,2 KG&lt;br /&gt;
körperlich sind Sie noch 6 Tage passiv &lt;br /&gt;
seelisch sind Sie noch 5 Tage verletzbar &lt;br /&gt;
geistig sind Sie noch 3 Tage spritzig &lt;br /&gt;
Ihre persönlichen Glückszahlen für diesen Tag sind &lt;br /&gt;
***&lt;br /&gt;
Viel Glück! 
&lt;/center&gt;</description>
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    <title>Passionen</title>
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    <description>&lt;b&gt;Passionen&lt;/b&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erinnerung an eine Job-Audition, die uns Studenten sowie andere Hiwis - Hausfrauen, Schüler - damals vor eine Fünfer-Kommission versammelt: Wir haben einzeln vorzutreten und uns mittels einer kurzen Selbstdarstellung zu charakterisieren; was dem Einzelnen an Qualifikationen fehlt, macht er mit Persönlichkeit vielleicht wett. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hasse das. Als ich dran bin, sage ich nur meinen Namen. Dann füge ich noch an: Ich will hier nur ein paar Mark verdienen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu meiner Überraschung - oder diese Häkchen auf Bewertungsbögen sammelnden Scharfrichter sind schon zu erschöpft oder angewidert von all den meist ungelenken oder geschwätzig-eilfertigen Leuten - werde ich dennoch zu den Kandidaten sortiert; anscheinend habe ich genug an Ausbildungen, Fremdsprachen oder sonstiger Kompetenz. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz nach mir das Mädchen, das ich während der Zeit des Wartens heimlich beobachte: mich fasziniert ihre Hässlichkeit. Sie ist klein und fett, hat ein denkbar unfeminines Äußeres und ein grobes, mürrisches Gesicht, gedenkt auch ihre schon bedenklich der Schwerkraft erlegene Oberweite nicht mit mehr als einem Schlabber-T-Shirt zu verhüllen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie spricht gepresst, mit einem forcierten Willen sich zu behaupten. Immerhin: Sie ist Halb-Amerikanerin, sie wird wegen ihrem Englisch auch erst mal bleiben können. Ihr Satz - mit einer kaum spürbaren, fast nur erahnbaren Note von Hysterie - bleibt mir im Ohr: &lt;i&gt;My only passion is to become a dancer and singer&lt;/i&gt;. Unterdrücktes Glucksen in der Menge im Hintergrund ob solcher Selbstverkennung. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Warum mir das alles einfällt? In einem alten SPIEGEL, den jemand im Zug liegen gelassen hat, lese ich, dass sie ein paar der gescheiterten Kandidaten bei DSDS durch die Dorf-Diskos karren, wo die ihr Durchgeknalltsein vor Lach- &amp; Ausbuh-Deppen noch mal aufführen dürfen. Klar, man kennt sie ja jetzt aus dem Fernsehen! Da wird schließlich auch alles mehrmals wiederholt, einmal wegen dem Unglauben über solche Typen, und dann, weil der Sender (der &quot;Marktführer&quot;, der sich auch nicht scheut in seinen &quot;Hauptnachrichten&quot; das eigene Dudelprogramm zu bewerben und Einkaufstipps zu geben) da mit fast nichts an Kosten die Sendeminute füllt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soziologen sprechen von der &quot;performativen Chance&quot;, deren mutiges Ergreifen in der Tendenz heutzutage ebenso belohnt wird wie etwa schnöde, aber eben nur einigermaßen erwartbare Leistung. Und wird sie auch als Freak-Show abgehandelt. Immerhin: Da arbeiten Leidenschaften! Und die drängen auch in dafür unpassendst scheinenden Körpern und Geistern. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dieser Firma arbeitete ich damals nur ein paar Wochen, mit der Hässlichen hatte ich nie zu tun. Ich erinnere mich aber, dass ich sie dann mal wiedersah: Auf einem S-Bahnsteig trat sie mit schweren Stiefeln mehrmals in eine neue da aufgestellte Reklamevorrichtung, solche aus irgendeinem Sichtkunststoff, die von beiden Seiten mit periodisch wechselnden Plakaten ausgestattet werden. Bei ihr war der Typ, in den seinerzeit sämtliche Mädchen verschossen waren; ich hörte sie oft während der Pausen im Aufenthaltsraum über ihn reden. Hatte diese Hässliche ihn sich also geangelt? Wie denn - er ist schwul! Immerhin die Leidenschaften sind unbestechlich. Und sie bleiben das Rätsel.</description>
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    <description>Köstliche Szene im Wiederansehen von &quot;Amateur&quot; von Hal Hartley: &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Isabelle war 15 Jahre im Kloster, nun hat sie es verlassen. Warum?  &quot;Ich bin Nymphomanin.&quot; &lt;br /&gt;
Will sie also mit Männern schlafen? Sie hat es noch nie getan. Warum?  &quot;Ich bin wählerisch.&quot;</description>
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