11
Mai
2008

Andauernde Verjährungen

Andauernde Verjährungen


Auf einmal, in dem Wust der angebotenen Fotographien, zwischen all den Star-, Post- und Autogrammkarten, all den nackten Körpern und dem WK2-Schrott, dem Sammlertinnef und den Kleinkindbildern als Nachlässen gelebter Leben... ein altes Schwarzweiß-Foto mit einer Ansicht aus dem Stadtviertel, an dessen Rand ich aufgewachsen bin.

Ich erkenne den Ort sofort - aber er ist doch, hindurch die Zeit, auch ein anderer. Ja, so mag das vor zwei Jahrhunderten mal ausgesehen haben: Solide Backstein-Bürgerlichkeit, klassizistische Fassaden, eine Kirche für eine überschaubare Ewigkeit und davor ein symbolischer Baum für länger, außerdem ein Marktplatz, auf den die Städter ihr Gesinde schickte für frische Naturralien. Ich assoziiere so eine gewisse Gehrock-Steifheit, soignierte Staturen mit Schnauzbärten und noch behäbigeren Konventionen. Dann aber Zweifel. Und im weiteren Betrachten die Frage: stammen diese Eindrücke nicht von anderswo her (eher Berlin oder Brandenburg, eine Zeit etwa frühen Fontanes)? Und das reichte ja kaum für ein Jahrhundert! Kenne ich mich nur so unscharf aus, weil andere Fotographien bleibend in mir Orte in der Zeit markieren, die ich selbst nie erlebte? Dabei sieht es dort, an dieser Stadtecke, heute fast unverändert so aus, das weiß ich. Habe ich zuviel eigenvergangene Zeit hinzuaddiert?


Oft kriege ich vermittelt, meine eigene "Statur" reichte wohl kaum zur Vermittlung einer vertrauenserweckenden Bürgerlichkeit, noch wäre ich anderswo hinzuzurechnen, eindeutiger zu machen, zu lokalisieren. Und mit jenem Stadtviertel - bald nach Gründerzeiten verproletarisiert durch Nachkriegswirtschaft und Zuzug von "Gastarbeitern", die heute in ihren mitgebrachten Sprachen dort einen Ton angeben, der weder für Multi-Kulti noch für ein bisschen ihrer eigenen Kultur reicht - habe ich lange abgeschlossen. Die naive Frage ist dann: Bin ich selber nicht schon "historisch"?

Ich erinnere mich gut an eine kurze Periode, als eine blutjunge Freundin hinzog, dort, ganz in die Nähe, eine weitere Ausländerin. Und jedesmal, wenn ich da zu Besuch war, war das Gefühl, ich wäre zu Besuch auch in einem früheren Leben (das nicht unbedingt meines gewesen sein muss: ein Teil war schon wie von anderswoher hinzugekommen - oder stammte es von meinen späteren Durchgängen dort?). Ich konnte ihr dieses Gefühl nie richtig erklären, ich wusste ein bestimmtes englisches Wort nicht für etwas, für das es auch kein deutsches gibt.

Und jetzt fällt mir ein, dass mir vielleicht überhaupt - wegen dem Mangel an Großeltern von hier, dem „Anschluss“ oder der Verwurzlung in langfristigere, tieferreichende Kontinuitäten - mehr fehlt, als nur ein Gefühl für das "Rheinische", für eine herzlichere oder auch nur gefühlsmäßige Verbindung dazu. Dabei: ist das Rheinische nicht eh eher ein Mischmasch der Einflüsse, statt etwas Gerundetes, Abgeschlossenere wie etwa das Preußische? Wem soll man den Vorzug geben: Dem wegen dem Fluss wie "natürlichen" Durchgangsgebiet etwa für die französischen Einflüsse, oder einem Militär-König, der sich die Franzosen an den Hof holte und die Einflüsse so zu steuern und zu "utilisieren" trachtete? Übrigens stammt mein Vater aus Berlin. Und heute würde ich sagen, auf eine nur schwierig abgrenzbare Weise war das auf mich ein Einfluss.


Ich habe oft ein Gefühl - das sich verstärkte dann hindurch Jahre des Reisens - ich käme eigentlich von nirgendwo her. Auch fühle ich mich kaum einmal "heimisch". Und sonstige große Sympathien für diese Stadt hier, in die ich immerhin ein paar mal zurückgekommen bin, habe ich auch nicht. All das kann ich jetzt nicht weiter ausführen, aber ich merke, es steckt drin in Anmutung und Ansprache dieses Fotos an mich. Trotzdem werde ich es wohl nicht kaufen.

Ich kaufe ein anderes: Darauf eine Frau in einer Kleidung – weiß die Schuhe, der Mantel, der Hut - seinerzeit der betuchteren Kreise, Ruhr-Adel möglicherweise, aus einer der wieder intakt-gesetzten Dynastien oder deen gesellschaftlich mit durchzuschleppenden Erbgefolges, die auf einen Wagen mit Chauffeur zutritt, einen elegant-rundlichen schwarzen Mercedes, der vor dem Thyssen-Hochhaus parkt, nicht direkt davor, nicht in der Zufahrt, sondern auf der Hauptstraße, die daran vorbeiführt.

So ein Foto - es wirkt wie ein anekdotisches, womöglich eines Pressefotographs, der am Rande des Ereignisse für’s eigene Archiv ein bisschen Kolorit aufsammelt - macht kein Amateur. Und obwohl mir "Professionalität" sonst kein wichtiges Kriterium ist, ist es hier, in der Komposition auf ästhetisch Wesentliches - Auto, Gebäude, Person in einer Ausgewogenheit von Linien und -Linienführungen, deren seinerzeitige Idee von "Modernität" noch mitkommuniziert wird - sowie dem dabei spezifisch Düsseldorferischen - das selber Ausschnitthafte auf eine gewisse Beengtheit, etwas letztlich (noch) Lokales, das groß herauszukommen träumt - ein Vorzug. Das Foto ist also nicht nur mehrfach historisch - es heißt "Düsseldorf, 1960" (da war ich schon auf der Welt) -, sondern es ist auch als Bild mehrfach genau.

Jene eher unbestimmte Aufladung mit unsortierten Dingen auf "Gefühls-Fotos" – also Nostalgie - ist mir manchmal zuwider, selbst wenn sie etwas vermeintlich Bezeichenbares mal genauer trifft. Ich weiß auch, dass Genauigkeit nicht nur oft nicht hilft, sondern dass sie als etwas Hergestelltes, Optimiertes selber auch zweifelhaft ist. Besser jedenfalls als nur fraglose "Heimat", das Gefühl von Ehemaligkeit als ihr dünnes Wehen.

Ästhetische Arithmetik, Angabe genauer Jahreszahlen, Vorortbarkeit der Bezüge helfen (zumindest kurzfristig) der Orientierung. Und Geschichte bringt man ja nicht nur hinter sich oder erlebt (erleidet) sie, sondern sie steht einem auch noch bevor. Alles andere, das auf kein Foto passt, wird dann eh eine Arbeit für länger.
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