5
Mai
2008

London Calling

London Calling


Wegen meiner frühen Sympathien und meinen Beziehungen nach dort, verfolgte ich ein bisschen die Bürgermeister-Wahlen in London. Bei allen Bedenken über so etwas Schweres an Amt für eine Type wie Boris Johnson - aber wäre Politik nicht ungleich unterhaltsamer, hätten wir solche Exzentriker auch bei uns? Solche karriere dort ließe sich hier – bei allen eklatanten Unterschieden – nur mit Herrn Fischer, dem Außenminister vergleichen.

Das bringt mich auf Mentalitäten. Natürlich erwarten wir von Politk doch lieber Vernunft und Berechenbarkeit, denn das sind dann letztlich, trotz und gegen alle Eventisierung und Hedonisierung unserer auf instant verfügbare Erlebnis-Geilheit formatierten Selbste die Qualitäten, die uns bei Politik lieber sind, als so ein individualistisches, dazu nicht immer gleich nachzuvollziehendes Abenteuerertum. Das Exzentrische als etwas Deutsches wäre kein leicht benennbarer Vorzug.

(Und wenn man die neuerdings auftretenden Egomanen bei uns ansieht - ich nenne absichtlich keine Namen -, die, um ihr unsäglich plumpes "Ding" zu machen, jede verbrannte Erde in Kauf nehmen... na, dann doch lieber englische Vornehmheit und immerhin zu ein bisschen Skurrilität verhelfender Dünkel.)

Was mich auf eine Blödelei bringt, die wir letztens anstellten, als es Berlusconi mal wieder geschafft hatte: ich erinnerte in der Runde an einen gängigen Spruch aus den Kohl-Jahren: Wenn er uns auf Dauer derart erhalten bleibt: haben wir ihn dann nicht auch irgendwie verdient? Repräsentiert er nicht einen optimierten Durchschnitt, d.h. zuletzt: etwas Urdeutsches in seinem Beharrungsvermögen, in seinem Willen zur Konstanz?

Haben also die Italiener nicht auch ihren aalglatten, die antichambrierende Hintertreibung zur Kunstform stilisierenden Cavaliere verdient? Ist er nicht auch eine Art menschliche Quadratwurzel des Italienertums (oder dessen Klischees)? Muss er nicht permanent so dümmlich lächelnd und selbstüberzeugt und händereibend daherkommen bei all dem Reibach und dem dümmsten Fernsehprogramm der Welt, das ihm auch noch gehört? Ah, quanto ci piace gli italiani! Cazzo!

SarkoChaussures
      (Photo: Merci à Marine!)


Und was ist mit den galanten confessions d'amour eines agilen Filous wie Sarkozy für die treudeutsche Merkel in Aachen, die sicher lieb da saß, solide, aber eben ohne viel Glanz oder gar Eleganz? Klar, zu Hause geht er vielen nur noch auf die Nerven. Aber ist er für uns, vor Seriosität meist Aufmerksamkeits-Entschlummerten, nicht höchst unterhaltsam? - Wir waren darauf gekommen, dass selbst beste Aufklärung den Stereotypen über die nationalen Charaktere unterlegen ist, und dass das auf einer bestimmten Ebene auch so sein muss, weil Menschen solcherart simple Unterscheidungen zur Orientierung brauchen und überraschend häufig auch nach ihnen funktionieren.

Und Boris Johnson ist sicher eine durch und durch englische Hervorbringung. Das leuchtet mir nicht nur unmittelbar ein, sondern ich weiß auch ein bisschen davon, weil ich ein paar mal an solche Typen wie ihn geraten bin. Das Unberechenbare an ihnen ist eine ganz besondere Qualität - wie aber auch das, vor dem man dann unwillkürlich immer ein bisschen auf der Hut ist, weil man, bei aller Sympathie für's Unerwartete, schon zu gut um das Ideal des Begründbaren, Ausgepegelten in sich selber weiß.

Und sechzehn Jahre Kohl - muss ich das, selbst bei meinem Nicht-Wählertum, nicht auch durch mich selber begreifen? Selber Schuld!

Sportlich und sehr englisch dann der Satz von Ken Livingstone (der seine Sache nach der Mehrheit der Londoner gut gemacht, aber sie waren ihn dann eben auch mal Leid): "Man kann nicht acht Jahre dieses Amt ausführen, um bei seinem Verlust dann die Schuld daran jemand anderem zu geben".

Deutsch - das bleibt die Schuld. Und die Amtsführung der Schuld. Und der Schuldigen. Und des Waldschadenberichts. Und.

Abfällige Unschuld

Abfällige Unschuld


Ich drücke Kerstin gegenüber (wie auch einmal in Wirklichkeit) meine Begeisterung für einen alten Jacques-Dutronc-Hit aus, wofür sie mich auslacht. Wir streifen durch eine große, alteuropäische Stadt mit einem Dom - Mailand? Kann aber auch sein, es ist Turin: Da ist ein Anklang des Bedauerns, als ich einmal einen Tag vorher meine Reservierungen dort absagen musste. Sie hatten mir eine Junior-Suite gegeben, aber etwas daran war nicht recht; ich hatte Nietzsches Wege nachgehen wollen, wie er da kurz vorm Durchdrehen durch die Straßen geeilt war, das manchmal seltsame Licht aus den Bergen erlebend, das Nordische, im Übertritt aus den Alpen. Und K., wie sie jetzt über Gut und Böse spricht.

Dann sitze ich allein in einem großen dunklen Raum, daußen gibt es irgendwelche Tumulte, dumpfe Explosionen, ferne Ambulanzen. Es ist ein Kinosaal, voll mit dem angehaltenen Atem des Publikums. Irgendwas ganz Furchtbares muss noch abgewartet werden. Wahrheit, rufe ich: Erkenne dich im Dunkeln!, aber... es bleibt vergeblich. Und die Leinwand schwarz.

Wer war ich, dass ich liebte, dass ich selbst daran verging?

Eine andere Art Licht ging an, ich war am Ende der xten Wiederholung meiner entscheidenden Szene: Und ich hatte sie wieder nur so einigermaßen hingekriegt.
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