Casino Royale
Wie die Welt heute so ist und warum.
Vor x Jahren warf ein Spaßverderber in der Runde mal die Frage auf, ob James Bond eigentlich
faschistisch sei. Ich meine mich zu erinnern, dass ich damals, da ich noch auf der Seite der Hedonisten sein wollte, ein bisschen kleinlich fand.
Andererseits: Diese Fokussierung auf einen Helden, der rücksichtslos für ein angeblich "höheres" Ziel (Verblendung) und "in höherem Auftrag" (Hörigkeit einer illegitimen Autorität) straflos beliebig Menschen tötet, sie ausschaltet mit einem Ellbogenschlag, ohne einmal hinzusehen, das schien nun wirklich nicht mehr ein tief im Menschen angelegtes archaisches Muster (die klassische Heldenerzählung à la Odysseus) zu bedienen, sondern einfach nur noch den sozialen Rambo zu inszenieren, das Überleben des Stärkeren, der über Leichen geht. Der gute alte Allmachtswahn, der in jedermann steckt. Ist Allmacht
faschistisch? Ist sie nicht was Göttliches?
Ja ja, die gute alte, sich humanistisch dünkende Kritik. Dann wurde sie nach und nach feministischer, dann eher semiotisch, schließlich poststrukturalistischer, dann... egal. Wie müde wir damals schon waren, statt uns einfach an ein bisschen gut gemachtem Schund noch freuen zu können! Und außerdem: Anderen sozialen Helden - Unternehmern und Aufsteigern - kommt es sehr wohl immer noch auf ihre ureigensten, also letztlich doch gesellschaftliche Ziele an: Sie bringen uns schließlich alle voran, das sagt sogar die FDP! Man sollte als kleinlicher Verweigerer also zumindest nirgends im Wege stehen, wenn sich so jemand Erfolgsgieriger "verwirklicht".
Klar, die zielgebenden Trivialmythen lassen sich immer auch als Träume kleiner Jungs abtun, die über die Größe ihres Geschlechtsorgange im Zweifel sind. Und außerdem ist so ein Film ja nur ein modernes Märchen aus Überbietungsschlachten, darin auch die show-ästhetischen Ziele immer höher gesteckt werden müssen, ein Geschäft: Man steckt mehr rein um mehr rausholen zu können, und der Zuschauer bekommt einen realen Mehrwert. Sinnvoller als die währenddessen verspeiste Tüte Popkorn muss das nicht sein.
Doch jetzt - globale Finanzkrise! - spielt James Bond auch noch um Millionen und gibt in all dem Rausch lustvoller Bilder von Menschen- & Materialzerstörung auch noch den Casino-Zocker, der unglaublichen Summen setzt! Sollte er also nicht doch unser aller, also ein gesellschaftliches Leitbild sein, und ernster genommen werden?
Schon immer sind Unterhaltungsfilme ja als aktuell "politisch" aufgeladene Statements gelesen worden - als steckte nicht in jeder Sache auch ihre Befragbarkeit in sämtliche Richtungen, als steckte nicht in jedem Erwachsenen auch das nach Omnipotenz gierende Kind. Das alles wäre beliebig erweiterbar bis zu einem Gleichnis aufs Leben. - Ich hätte ja jederzeit aufstehen und gehen können und mir selber nicht den Spaß, den Abend zu verderben.
Ich habe ja eigentlich aufgehört ins Kino zu gehen, erinnerte mich aber an die seinerzeit nicht mal schlechten Kritiken und ließ mich, eigentlich nur zu einem Kurzbesuch bei jemandem, breitschlagen, den Film anzusehen. Und wie erschlagen von all dem Getöse wusste ich auf einmal nicht, wie ich mich danach fühlen sollte. Für jemanden wie mich, ist so was dann immer irgendwie vertane Zeit. Aber ebenso bin ich manchmal auch ihrer müde, meinem Widerstand gegen diese Dinge, meiner reflexhaften Art von Unerreichbarkeit. Wieso kann ich sie nicht einfach mal annehmen?
Was mir auffiel, war das rasant körperliche Element. Nicht die unvermeidlichen Kampfszenen und die für mich immer nur langweiligen Verfolgungsjagden, sondern das instinktsichere, sozusagen intuitiv automatisierte Handeln des Helden, eine Abfolge kaum noch menschlicher Verhaltenweisen, die stets augenblicklich komplexe Situationen erfassen und ohne Zögern die nötigen, die zwangsläufig richtigen Schlüsse ziehen. Ein Rausch der Effizienz - und ein Maschine-Gewordensein, in dem etwas Fatales steckt: der Übermensch als ein Programm, als ein Nietzsche des Computerspiels. (Mittels dessen eine gewisse technisch geprägte Industrie sich angeblich mittlerweile sogar ihre maskulinen Adepten züchtigt, das Ballerspiel als Ausleseweg, als neue Kulturtechnik erscheinen lasse.)
Und zugleich erscheint der Held hier erstmals als Verächter all dessen, was doch erreichbar wäre. Erlesenste Exklusivitäten, überirdisch schöne Frauen, die ganze Hölle des Aufzubietenden als Alptraum einer wahr gewordenen Werbeperfektion - und doch kann man sie nur geringschätzen. Zum ersten Mal, soweit ich sehe, zeigen sich auch bei diesem Helden dieser fast schon existenzielle Ekel, die Schwärze der Negation, der Widerwillen vor den zu ihrer Verwirklichung gekommenen scheinhaften Glanzdingen der Welt. Nur maskiert er es sich mit immer noch mit "Zielen", den diesen Rasanzlauf an Bewegung initiierenden Targets ebenso wie Sinnüberbauten, um sich durch all diese Verstelltheiten hindurch zu bewegen, gleichsam
embedded - das langweilige Böse, es muss eben immer noch bekämpft werden -, als die Perpetuierung im Hindernisrennen einer längst schon geahnten Sinnlosigkeit. Das schien mir das Moderne an diesem Film. Und brachte mich zu der Frage: Die erstere Odyssee als Fortsetzungsserie - würden wir sie heute noch lesen? Was brauchte sie anderes? Schauten wir sie uns noch an?
Denn das Böse ist ja heute manchmal nur noch die Überkomplexität der Verhältnisse. Zwar treten deren Verkörperungen immer noch mit fiesen Visagen auf, vertreten aber schon keine Prinzipien mehr: Sie wollen eben auch nur mitmischen und dann, bitteschön, ein bisschen mehr Geld rausschlagen und "gewinnen", ein Warum braucht es da nicht mehr. (Früher standen die Antipoden noch für das ewig Dunkle, wollten die Gegenspieler des Doppel-Null-Agenten wenigstens noch "die Weltherrschaft" - als ob das nicht ein Vollzeitjob mit viel zu viel Arbeit und weniger Urlaub gewesen wäre! Warum dann noch Gangster sein?)
Und da scheint dann diese einsame Robotertype des Helden auf einmal den Jedermann-Menschen ein bisschen gleicher zu werden, den Beladenen mit schnauzenden Vorgesetzten, mit ein bisschen Badeurlaub und einem dochirgendwie unsicheren Jobs mit Gegenspielern auch auf der eigenen Seite, all dem, was es auch in gehalts-zahlenden Firmen gibt. Und ich frage mich: Ist das jetzt zumindest modern an einem solchen Film?
Wahrscheinlich bin ich aber nur selber etwas altmodisch, und es ist wohl schon seltsam genug sich eingestehen zu müssen, dass mir solche Filme noch nie gefallen haben, und das nicht mal wg. möglicher ideologischer Verdächte. Anscheinend bin ich zu weit weg von den etwas simplen Genüssen männlicher Effizienz, von der Motorik und all dem Peng!Peng! Und ich will auch nicht manipuliert werden mit filmbild-beschleunigtem Herzschlag, mir ist diese Spannung lästig, die ganze action hält die Geschichte irgendwie nur auf, wenn man schon weiß, dass der Held ja doch überleben wird. Also worum geht's, bitte?
Spielverderber! Ich weiß selber, ich sollte mir solche Schmarren überhaupt nicht mehr ansehen, um nicht denen die Laune zu verderben, die sich von so was noch unterhalten fühlen. Aber diese Dimension des Weggeworfenseins bei all dem sinnlosen Zuviel, des nihilistischen Überflusses, dieses Fokussiertsein auf die eine Sache (Schalte deinen Gegner aus! Gewinne! Das Spiel ist schon Sinn genug!), das findet man ja sowohl im Alltag wie auch unter den Akteuren der großen Erzählungen (Politik, Wirtschaft) auch. Und in dem zutiefst Irrationalen der getriebenen Figuren bewahrte sich dann sozusagen, in deren
Nachtseite, auch das Menschliche. Und das Ausgelagertsein solcher Heldendispositionen, die man also nur für sich adaptieren muss, das outsourcing von Gewalt und schierer Zerstörungslust in jedermann unter dem gesellschaftlichen Druck, ist dann vielleicht selber wiederum eine gemeinschaftsbildende Funktion, die den sozialen Hooligan erspart und seine negativen Kräfte bindet.
Doch wieviele heimlichen Phantasmen der Mehrheiten liegen in solchen Trivialmythen? Und ließen sich nicht von daher die untergründigen Bewegungen innerhalb einer Gesellschaft tatsächlich wesentlich bestimmen?
Ach was. Zuletzt geht es anscheinend doch wieder nur um Maskulinität, um die
Ungebrochenheit des Helden, es geht um Überhöhungen und die kleinen Partizipationen des zuschauenden Selbsts. Und der Witz ist, es werden auch diese von einer Penelope, von einer Frau also bestimmt: "Wenn von dir nur noch dein Lächeln und ein kleiner Finger übrig wäre, wäre das immer noch mehr Männlichkeit... ". Wahrscheinlich verstehe ich alles ganz falsch, aber das schien mir wirklich der zentrale Satz in dem Film. Und das ist sicher ein Satz, wie ihn Männer von Frauen hören möchten. Und was die Zuschauer vielleicht eigentlich für sich ersehnen, sind Situationen, in denen ein solcher Satz gesagt werden darf und möglichst nicht allzu albern klingt. Und hier enthüllt das Trivialkino dann auch seinen heimlichen Traum von Dante oder Shakespeare.
Und so ist dann auch solch ein Satz nur seine Übersteigerung wie irgendein beliebiger, gut getimter Stunt, der in der Wirklichkeit auch niemals so klappen würde. Aber wir wollen ihn sehen: Wir wollen an das Unwahrscheinliche, wir wollen an die mögliche Übersteigerung unserer kläglichen Selbste glauben. Wir wollen Gorgo, den Wurm, und die kimmerischen Männer besiegen. Wir wollen die Sirenen hören. Wir wollen die Begegnung mit einem Ausnahmezustand, mit einem Höheren, das auch uns erhöht. Wir wollen streben. Wir wollen die gute alte Gottgleichheit. Ich glaube wirklich, deshalb werden solche Filme gemacht.
Nachtrag, 17Uhr06:
Ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil: Wenn man die nachfolgend aus
spiegel-online übernommenen Interviewsätze mit David Simon, einem amerikanischen TV-Serienschreiber liest, kann man zu dem Schluss kommen, dass sehr wohl die Populärformen die eigentlichen "Überbringer der Nachrichten" sind, dass sie ein Fazit aus dem Durcheinander der Welt ziehen können, das die als "Nachrichten" täglich kolportierten Meldungen nicht mehr bieten:
SPIEGEL ONLINE:
Eine historische Bestandsaufnahme der US-Gesellschaft?
Simon: Eher ein soziologisches Projekt. Wir versuchen, zu erklären, warum die Dinge sind, wie sie sind, und warum sie eher schlechter als besser zu werden scheinen.
SPIEGEL ONLINE: Warum, glauben Sie, ist das so?
Simon:
Dank ungebremstem Kapitalismus. Er ist eine brauchbare wirtschaftliche Kraft, aber kein Rahmen für eine irgendwie gerechte oder zusammenhängende Gesellschaft. Man hat ihn hier in den Staaten als soziales Instrument missverstanden. Seit 1980 hat man in fast jedem Bereich der US-amerikanischen Gesellschaft dem Kapitalismus gehuldigt und erlaubt, dass Profit das Maß aller Dinge ist - ungeachtet der sozialen Kosten. Die Banken, die Autoindustrie, die Zeitungsbranche sind dem zum Opfer gefallen, es gibt keine Industrie in den USA, die nicht vom Streben nach unverzüglichem Profit ausgehöhlt wurde. Dieses Streben hat das politische System so korrumpiert, dass Reform unmöglich ist. Aber wenn Profit nicht im Rahmen der gesellschaftlichen Gesundheit gemäßigt wird, dann endet man in einem Szenario, in dem ganze Klassen von Menschen überflüssig werden und sich eine eigene Existenz außerhalb der Gesellschaftsstrukturen schaffen - im Drogenhandel zum Beispiel.
(Hervorhebung von mir)
en-passant - 26. Okt, 12:16