4
Jul
2009

Altes Licht

Indiskretionen


Ein erklecklicher Haufen Wohnungseinrichtung plus vieler persönlicher Dinge - da muss wieder jemand gestorben sein. Und alles liegt auf der Straße.

Es ist so gegen zwei. In der Nähe, in einer sperrangelweit offenen Kneipe, versuchen die Stimmen der Betrunkenen nach einander zu schnappen, und ich habe keinen Grund, nach Hause zu gehen, da unter meinem überhitzten Dach kein Schlaf zu kriegen sein wird. Also kann ich mich auch mal wieder in so einen Haufen versenken. Eigentlich wollte ich meine längst allzu umfangreichen Sammlungen nicht mehr erweitern, aber als ich die ersten wirklich alten Fotos finde - laut den Beschriftungen auf der Rückseite aus den 1930er und -40er Jahren -, kann ich nicht widerstehen: Da ist wieder mal etwas zu retten!

Doch ist der Spannungsbogen immer noch der gleiche: Zuerst mein Foto-Entdeckungsfieber, wie bei einem Suchhund (und was für Schätze habe ich tatsächlich schon geborgen!; ein, zwei - für meine Art Blick - interessante Bilder gibt es fast immer); dann Lust an der Indiskretion, am ruchlosen Zugriff auf den objektivierten Niederschlag eines fremden Lebens; dann Enttäuschung, dass ein weiteres Leben mehr oder minder wie alle ist und auch zu nichts anderem als einer Ahnung von Vergeblichkeit taugt; und zuletzt dann doch eine Art Trauer, dass auch das unbekannte, sogar das unausdenkbare Leben einem schließlich als eigene Möglichkeit fehlt. Und so reicht dieser Bogen von der - zuletzt sicher kindlichen - Lust am Wühlen im Kleinteiligen... bis zu einem weiteren Memento Mori.

(Die Alte, die ich schon ein paar mal nachts im Viertel herumstreifen gesehen habe. Im Licht eines leer stehenden Ladens sehe ich sie, ihre Tüten nicht loslassend, sich auf das gesunde Bein stützen und mit dem Stock in einem Berg aufgeschütteter Kinderspielsachen stochern.)



Doch müssen die Beweislagen in ihren Zeugnissen immer neu geprüft werden. Allein zwei säuberlich, anscheinend gewissenhaft geführte Ausgabenhefte von 1939 kommen mir wie unschätzbare Alltagsbelege vor, die nicht für immer verschwinden dürfen! Doch was weiß ich schon davon. Ich bin nur erstaunt, was man damals von einer Waisenrente von 15 Reichsmark 50 alles kaufen konnte! Stromrechnungen beliefen sich über 3 Mark! Eine (Gesamt-)Miete mit Treppenreinigung lautete auf 23,50! Und sie konnte sich laufend B.Halter u. U.Wäsche kaufen und noch etwas sparen!

Und weiß man noch, wie ein Urlaubshotelprospekt Mitte der 60er Jahre gestaltet wurde? Happy Hotel in Milano Marittima - Man spricht Deutsh. Allein die verdruckten Fahlfarben und die servile Lyrik behaupteter Gastfreundschaft! "Wir freuen uns, Ihnenmtt zuteilen, daB die Pensionpreis bedeutend herabgesetzt worden sind." Liegegestule jetzt inbegriffen: Da sind wir in der Eurozone aber wieder weiter! Von was für einem unablässigen Drang nach mehr ausgeplünderte Welt!

Persönliche Papiere, Geldsachen, Briefe - das alles will ich eigentlich liegen lassen. Aber dann fällt mir ein Ausriss in die Hand aus einer uralten BILD; das Rasterfoto auf der ersten Seite zeigt eine blutjunge Elke Sommer die auf einer Soirée Max Schmeling ihr Superdekolleté präsentiert - damit ist auch so ein Schmierblatt beinahe historisch; die Überschrift des Artikels lautet: Wer ist der Vater? Auch erbbiologische Gutachten geben keine Sicherheit!

Nicht, dass das offensichtlich aus szientistisch verjährter Zeit stammt, weckt meine Neugierde, sondern dass solch ein Thema von der Leserin überhaupt verfolgt wird; der Artikel ist sauber gefalten. Die eigene wie die angeheiratete Familie dieser Frau scheinen ziemlich groß gewesen zu sein und es scheint einigermaßen Probleme nicht nur mit dem Zusammenhalt gegeben zu haben, sondern auch mit den Ausreißern an sozial auffälligen Charakteren. Eines der Familienfotos etwa zeigt - unter ihren sieben anderen Geschwistern - eine Gertrud, die aber auch wirklich nicht die allergeringste Ähnlichkeit mit ihr hat. Oder wäre mir das sonst gar nicht aufgefallen? Vielleicht war ja nur der Vater besonders erfolgreich darin, seine unseligen Gene ins Überallhin zu verstreuen?

Und immerhin hat er sich rechtzeitig zumindest evolutionär durchgesetzt. Denn es scheint, bereits durch den ersten Weltkrieg sind dann alle Waisen geworden und wurden auf Vormundschaften verteilt, mit denen es dann weitere familiäre Verstrickungen gab; der Papierbestand aus den frühen 30er Jahren, dazu die Briefe, sind einigermaßen reichhaltig. Aber dann habe ich doch keine rechte Lust, das auseinander zu dröseln. Die vielen, das alles dokumentierenden Todesanzeigen - erweitert noch um die der wiederum angeheirateten Verbindungen - machten das ebenso einfach wie neuerdings kompliziert.

(Noch einmal kommt mir die Alte am Stock in den Sinn. Sie ist mir angenehm, weil sie sichtlich allein bleiben will, weil sie noch für ihr langsames Dahingehen die Dunkelflächen bevorzugt, weil sie beim Durchsuchen der Papierkörbe jedes Geräusch vermeidet. Alle schreien sie um Hilfe - sie nicht. Wer grundlos den besonderen akustischen Raum der Nacht profanisiert, ist ein Barbar! Leider ist diese Stadt eine der Barbaren.

Immer wieder komme ich an offen stehenden Kneipen vorbei, darin der allzu gängige Typ des gemütlichen Rheinländers seine Behäbigkeit ausbreitet, sie als revierbehauptenden Schwall von Plattheiten von sich gibt. Er schwadroniert - er ist normal. Und wer normal ist, ist unbestritten. Trotzdem scheint diese Normalität immer auch wieder angezeigt werden müssen und nimmt also breiten Raum, der die anderen um so stummer werden lässt. - Dieses Kinderspielzeugs - es war nicht mal kaputt, sondern solches, das schon immer schäbig war.)



Sie ist 1924 geboren, der nordische Typ, groß, blond, kräftig. Als Mädchen auffallend hübsch, lernt sie anscheinend bald, sich darauf verlassen zu können; zumindest fällt es auf, wie oft sie um ihre Fotogenität weiß, sie ihr Profil und ihre langen Beine zeigt. Bis in die späten 1950er-Jahre, also bis weit nach der Herrenmenschen-Barbarei, trägt sie diesen hellen BDM-Look, eine Frisurkomposition aus Strenge und Ornament mit vielen Wellen und kleinen Flecht- und Knoten-Verzierungen; zumindest mich erinnert das auffällig an Propaganda-Fotos von einem, zwei Jahrzehnten früher. Ja, deutsh muss ein Mädel sein! Auch später hellt sie ihre Haare noch auf in entweder ein Weißblond oder ein Gold, die ihr, nach und nach mehr damenhaft gewendet, dann teilweise etwas Mondänes geben oder etwas Verruchtes, etwas Auffälliges aber damit auch Zweifelhaftes, etwa wie bei (unter eben dieser Mischung seinerzeit zu leiden habenden) Vera Brühne. Als Frau ist sie so jedenfalls lange eine Erscheinung. Nur mit dem ondulierten Muttchen wiederum 50 Jahren später hat sie dann praktisch keinerlei Ähnlichkeit mehr.

Da sie gefällt, wird sie also öfter fotographiert und ist dann wohl auch dran gewöhnt, sich zu zeigen. Kann sein, dass die anderen schon weggeräumt sind, für mich bleiben nur noch fünf freizügige DIAs, zwei pornographische (also mit Männern drauf), die anderen ließen sich als Annäherung dahin lesen: Sie trägt - wohl zu jener Zeit als gewagt geltende - Unterwäsche aus dem bekannten Ehehygiene-Versand und dazu hohe schwarze Schuhe, die ihre Beinlinie betonen. Die sexuelle Befreiung findet in der Resopal-Küche statt. Im Hintergrund erkennt man einen Wellensittich im goldenen Käfig.



Ein weiterer skurriler Fund ist das Informationsmaterial von DIFOMA, einer weiteren Versandfirma, die gleich 1967, mit der Freigabe von Pornographie in Dänemark, den Export ins befreundete Ausland unternehmerisch anvisiert. Allein die blumig-ungelenke Sprache der "Hausmitteilungen für die Freunde interessanter Magazine", dazu, wie der Inhalt der Super 8 Filme beschrieben werden, ist heute ein Genuss! Angekreuzt im Prospekt sind "Flossie, die 15jährige Venus" und "Eugenie", immerhin vom Marquis höchstpersönlich! (Die ist dann, per Kugelschreiber, auf der nächsten Bestellliste durchgestrichen mit dem Zusatz "verboten".)

Auf der Bestellkarte steht ihr Name in einer minimal veränderten Schreibweise. Aber der Gedanke, sie hätte damit eventuell die Zuschreibung dieses Interesses im Falle einer Indiskretion vor Bekannten zurückweisen wollen, ist sicher nur eine blumige Unterstellung meinerseits.



In Cannes 1954 sieht sie sehr elegant aus; der Badeanzug, die Ausgehgarderobe, die Haltungen wie aus frühen Filmzeitschriften - eine schön manikürte Hand in der vorgeschobenen Hüfte, der Blick ins Weite, einen Bügel der Sonnenbrille nachdenklich im Mund - all das steht ihr sehr gut.

Ab etwa der Farbfoto-Zeit führt sie ein Leben wie alle andern auch; Anschaffungen, Einrichtungen, Opel Kadett und Kegelclub, erste Pauschalreise Mallorca. Sie arbeitet meist als Serviererin oder Küchenhilfe, schließlich, bis zur Rente, als Bürohilfskraft bei der Commerzbank.

Ihre Liebe hat wohl den Pferden gegolten. 1971 kauft sie "Flicka" für eintausendsiebenhundert Mark. Mittlerweile ist sie etwas wohlstands-füllig geworden und die Fotos, sämtlich von unten aufgenommen, wie sie auf dem Tier sitzt und über imaginäre Prärien blickt, wirken ein bisschen epigonal und für mich auch nicht weiter erhellend; das letzte bisschen Aura ist wohl was für Schwarzweiß.

Dann gibt es eh eine große Lücke bei den Fotos. (Oder ich habe sie übersehen und sie stecken anderswo.) Der Rest ist Schützenfest, Enkel und Verdämmern.

Pünktlich zur Euro-Umstellung noch einmal Aufregung: sie räumt ihr gesamtes Geld vom Konto - als D-Mark! Die wirklich letzten Jahre dann Kampf um Rentenbeihilfen und Krankenkassenzuschüssen. Die Männer, mit denen sie lebte, alle mit eher proletarischem Hintergrund, sind längst kaputtgearbeitet, sozialverträglich frühabgelebt, tot.

Sie selber muss dann vor Kurzem gestorben sein.

 

2
Jul
2009

Grausamkeit

Schwimmbadgirl


Das Mädchen im Freibad, das verschämt aus der Umkleide tritt, linkisch da steht, zu dünn, dem offensichtlich, in der Sonne blinzelnd, an ihrem realen Körper das imaginierte Selbstbild von sich in dem neuen Badeanzug gleich zerfällt. Vor verlassenem Wagemut verzieht sie sich in den Grünbereich mit viel Sichtschutz, dahin, wo die Älteren, die anderen Schüchternen, die lieber Vereinzelten sich zurückziehen. Da sitze ich auch.

Die meiste Zeit schaut sie hin, woher die Schreie herkommen, der ausbleibende Spaß. Die Knie an sich rangezogen, rupft sie Grashalme, verscheucht Fliegen, besieht ihre Zehen. Wagt es, sich zurückzulehnen und zieht gleich wieder ein langes Bein an. Sie wird wohl warten, bis es leerer geworden ist. Sie bleibt alarmiert.

Diese Magerkeit aber auch, diese überschießenden Glieder! Eine Marter! Eine einzige Bikinizone: alles an ihr ist Scham – und so schneeweiß! Hinter ihren halb geöffneten Lippen bewegt sich unablässig die Zunge zwischen den Zähnen, als würde es in ihr schäumen, als hätte sie sie ständig leise zu bezähmen, solcherart Verlegenheit. Oder ist es Wut? Als die Verdrossenheit nach und nach weicht, überkommt sie die Milde des Sichfügens, und schließlich so etwas wie Wehrlosigkeit. Was wieder einmal zeigt, dass der schön ist, von dem alles abgefallen ist.

So sieht sie, ratlos, ab und an auch mal zu mir, der sich mit riesig aufgefalteten Zeitungsseiten umgibt, um seine Blickzudringlichkeiten zu kaschieren: dass sie ihm die Ansehenswerteste ist. Als ob ihre Not doch die Stelle zu orten imstande wäre, wo sie bejaht wird, in eben ihrer Pein. Ich bin sonst nicht grausam, aber Grausamkeit macht es eben manchmal schön.

Beim nächsten direkten Aufblicken frage ich sie einfach: Möchten Sie ein paar Seiten? Gern! Sogar ein zages Lächeln entschlüpft ihr! Momentlang unbedacht, verliert sie gleich dieses Eckige wie von einem zusammenklappbaren Wäschetrockner. Und mit etwas in der Hand findet man auch gleich zu anderen Haltungen.

 

1
Jul
2009

28
Jun
2009

"in the cut"

Nachricht von einem Tatort


Landmarke, verglaster Fahrer, Bilderbögen des Fernverkehrs. Erste Scheinwerfer-Szenen zwischen im Dämmerlicht um so weißer aufscheinenden Birken. Sie suchen jetzt am Rand des bewaldeteren Gebiets, und hier und da fängt sich noch etwas Lichtungshaftes in einem helleren Stück Kleidung, so dass es aus der Entfernung aufschimmert wie ein Nachtschmetterling, der an den schon eingedunkelten Stellen im Laub vorüberflattert.

Die Zäune wurden anscheinend mit Gartenscheren aufgeschnitten auf der rückwärtigen Seite des Stadions, wo es nach all dem Sichten und Durchkämmen nun fast wie aufgeräumt wirkt. Der Autorücksitz im Gebüsch stellte sich als derart voller Spuren heraus, dass eine fast die andere löscht. Die befragten Anwohner, die hier manchmal ihre Hunde ausführen, längst aus dem Alter raus, erinnern sich, und so manch eine der Frauen sogar mit einem verschämten Auflachen bei dem - unausgesprochen bleibenden - Gedanken, sich selbst dort einmal vergnügt zu haben. Mindestens eine, die am Rand steht, während der Reporter die einzelnen Frauen nacheinander befragt, fährt sich unbewusst mit den Händen an den Hals. Das fällt mir auf, obwohl mir langsam die Arme schwer werden vom Halten des Mikrophongalgens.

Das alles wird nicht viel hergeben, zu erwartbar, nicht dramatisierbar, man sieht es dem Aufnahmeleiter an. Die Wünschelrutengänger, der hübsche Lockvogel umsonst. Stördrosseln im Gebüsch. Kein Statement vom leitenden Ermittler. Ist es wahr, Herr Kommissar? Manchen Orten scheint es ihr Verhängnis, das eben das ihre Substanz ausmacht. Jeder Ort, "jeder Fleck unserer Städte" könne heute ein potenzieller Tatort sein, sagte Walter Benjamin Anfang der 30er, vorheriges Jahrhundert. Ein Flügelschlag, eine bunte Zeitungsseite vorwärts.

Das Mord-Dorf in der Provinz. Es kommt nicht mehr drauf an. Ist es allabendlich längst das Potenzierte des Horrors, hinter den Einweggläsern der Fernsehschirme ein zu immer absurderen Extremen hochstilisierter Serienmörder in jedem Kuhdorf, der der selbstvergessensten Unterhaltung dienen soll, ist es etwas völlig anderes nun tatsächlich so Jemanden in seiner Nähe zu wissen. Kinder, ja, die können sich noch Gruseln! Aber die anderen? Er klopft an jedes Haus.

Die alte Frau hatte das so gesagt, die, die sie wegen der neuen Umgehungsstraße aus ihrem Häuschen geklagt hatten und die nun manchmal beobachtet wird, wie sie meterlange Abrissstücke Klopapier von ihrem Hochhausbalkon in die Gärten fliegen lässt; der Wind klatschte ihr gerade das Kleid an den Leib und ich musste runterregeln, aber es ließ mich doch auch sofort aufhorchen. Woraufhin der Bürgermeisterdarsteller laut Quatsch! gerufen hatte, es gebe keinen Grund zur Panik! Als auch die Kamera nicht umschwenkte ließ ich das Mikro weiter vor ihrem Mund schweben, doch schwieg sie nun, sozusagen offensiv, mit bis zum Verschwinden zusammengepressten Lippen. Ich sah zum Aufnahmeleiter hin, aber der schien gerade ebenso ratlos. Das war vielleicht die beste Szene, dieser Verlautbarungstyp gegen die von dem tatsächlichen Geschehen Verwirrte. Aber es ist vielleicht auch nicht ganz drauf und also nicht sendefähig und wahrscheinlich schneiden sie sie eh als zu wenig sachlichdienliche raus.

Die beiden abgestellten Beamten wechseln sich ab beim Rauchen, schauen entschlossen in verschiedene Richtungen und aneinander vorbei. Schluss, ruft es und wir packen ein, ich muss helfen bei den Reflektorschirmen und Lampen. Der Abend hier bringt mir 80 Mark.

Zu einer mit der Entfernung schon unhörbarer werdenden - oder wirklich eben erst ausgestellten? - Musik ritzen die wenig verbliebenen Läufer geduldig ihre Kreise in die weiße Fläche und wirken im Rückspiegel, als sinnierten sie über eine Prosektur des Lebens, das ihnen bisher so nichtig schien - doch ist das auch mit weiterer Aufklärung nicht mehr zu fassen. Die Schreie um sie her sind verstummt, jetzt hallt das Schweigen, mit dem man allein ist, aber das geht nicht aufs Band, ist keine weitere Schauerminute, keine Nachricht wert.

Walter Benjamin schreibt 1931: "Die Spur ist die Erscheinung einer Nähe, so fern das sein mag, was sie hinterließ. [...] In der Spur werden wir der Sache habhaft." Oder nicht.

Wir im Auto schweigen auch, der Wald steht schwarz usw. Als letzte Szene bleibt bis zur Biegung der Auffahrt nur dieser elegische, zu keinem Weiterwissen führende Flug übers Eis. Voraus der Widerschein der erreichbaren Stadt noch unter einem Himmel von der Farbe blassester Ahnung. Das wirkt dann auch immer ganz gut im Nachleuchten der Schirme. Aber dafür hat dann kaum je einer den Blick. Der beste Aufmacher ist immer Mord. Nicht zum ersten Mal fällt mir auf, wie es hinterher eine bestimmte Verdrossenheit zwischen den Leuten vom Team gibt. Bis einer seine Thermoskanne aufschraubt und Kaffee anbietet. Uns kann es egal sein: Die Nachrichten haben mit der Wirklichkeit der Ereignisse wenig zu tun.

 

27
Jun
2009

De mortuis nil nisi bene

- aber langsam reicht's!
 

26
Jun
2009

Dreckige Bilder

Parallelität des Glücks


Weil ich in einer weiteren meiner schlaflosen Nächte irgendwo in den Straßen darauf stoße, nehme ich es mit: das einmal großzügig begonnene Fotoalbum einer Liebesreise, das dann bald der Lieblosigkeit anheim fiel.

Wieder eine nicht unhübsche, aber dicke Deutsche, die sich ersatzweise von einem lustigen Araber heiraten ließ, der ihre Wohlgenährtheit und ihre Staatsangehörigkeit schätzte. Bis es dann mit der Zweisamkeit nicht mehr geht und die Frau mit dem Baby zurückbleibt. Weil sogar ich, als Beobachter schon fast dritter Ordnung, mehrmals auf diese Konstellation gestoßen bin, scheint das also tatsächlich so etwas wie ein Muster.

Während er ein Hallodri ist, umtriebig, lebendig, mit fast auf jedem Foto einem Lachen im Gesicht, ist sie ernst, reserviert, fühlt sich oft sichtlich unwohl, fotographiert zu werden. Die Bilder dokumentieren hauptsächlich einen Ägyptenurlaub der beiden.

Es scheint Teil einer wenig subtilen, womöglich sogar sadistischen Ader des Mannes, die Frau in unvorteilhaften Situationen zu ertappen und abzulichten. Wenn sie mit breit ausgestellten Beinen beim Sonnen das Badetuch nicht mehr rechtzeitig über ihre breitgedrückten Schenkel legen kann. Wenn sie nachts ihre riesigen Nutella-Baguettes schmiert. Wenn sie ihr von der Sonne verbranntes Fleisch eincremt und ihr Oberteil heruntergerutscht ist und eine ihrer immensen Brüste halb frei liegt. Einmal dringt er ins Bad ein, während sie auf dem Klo sitzt und sie kann sich gerade noch ein Handtuch davor halten. Er ist ein Arsch - und sie ist fett. Ihr beider Glück wie dessen Ende werden wohl auch darin gelegen haben.

Einer seiner Freunde ist Fahrer beim Hotel und er hat das Paar herumkutschiert - die ägyptischen Nächte, in die die Frau allein sicher nie aufgebrochen wäre, sind heute vielleicht Erinnerungen an einen der Höhepunkt ihres Lebens? Das Kleinmütige bei ihr, das Resignierte jedenfalls, dringen überall aus ihrem Habitus sonst.

Sie fotographieren das gemachte Doppelbett ihres winzigen Hotelzimmers – wäre ein zweites Foto, des ungemachten, nicht originell gewesen? War es ihre Hochzeitsreise und wurde das Kind dort gezeugt?

Es gibt eine weitere Frau, die stets partnerlos auf den Bildern auftaucht und vielleicht die ist, die manchmal die Fotos des Paares macht – eine Verwandte des Mannes?, eine Schwester? Ein Foto zeigt, wie er lachend, es nicht verbergend, im Pool mit den Händen unter sie, in ihren Badeanzug zu greifen versucht. Diese andere Frau ist erheblich schlanker, hat aber ein hässliches Gesicht.

Die letzten Fotos zeigen wieder die erste Frau, die unförmige Deutsche, gebräunt, zwei, drei mal sogar mit offenem Haar, das sie sonst immer zusammen gebunden trägt und das ihr so bisher etwas Maskulines gab. Weiterhin trägt sie ihren Hut, der sie ebenfalls vermännlicht, dazu diese nachgemachten „Sport“-Schlabber-Klamotten wie aus dem Billigtextilmarkt, die ihren ausladenden Körper etwas neutralisieren sollen. Solche Frauen registriere ich höchstens mal als Bäckereifachverkäuferinnen oder Teilzeitkassiererinnen. Welches Glück hat das Leben ihr zugedacht? Weiß man irgendwas von solcherart Leben? Meines ist nicht ignoranter als die anderen mir gegenüber auch.

Einmal gräbt der Mann sich am Strand ein und lässt das Datum in den Sand schreiben: 11. September 2001. Er lacht, wie immer. Ich schaue auf die Rückseite nach dem schon verblassenden Datumsprint und es stimmt. Zu der Zeit war jemand, den ich kenne, ebenfalls in Ägypten.

Das letzte Foto, vom selben Tag, zeigt eine winzige Eidechse, die kopfunter hängt an einer Holzleiste der Zimmerdecke.

 

20
Jun
2009

Amedeo Modigliani

Amedeo Modigliani

Leben und Erfolg
Kann man einem Künstler seinen Erfolg vorwerfen? Es fällt auf, wie man Modigliani seinen starken Anklang beim vermeintlich weniger unterscheidenden Publikum vorwirft, seinen Postkarten-Nachruhm, Van Gogh aber etwa nicht. Dabei zeigt ein wenig nähere Beschäftigung mit den ausdifferenzierten Wissensständen, dass beide längst nicht verstanden sind, vom Publikum und von der Kritik, nur weil es ausreichend populäre Mythen über sie gibt. Und so fällt weiter auf, dass mal wieder das Leben des Künstlers herhalten muss um vermeintlich etwas über ihn auszusagen; Biographismus aber ist oft selber Anzeichen dafür, dass die Kunst schwierig bleibt.

Außerdem war Modigliani Zeit seines Lebens nahezu erfolglos, was seine Verkäufe anging, aber künstlerisch seiner selbst doch fast immer sehr gewiss und in dem wahrhaft bewegten Umfeld (von der seinerzeitigen Entdeckung der afrikanischen Kunst wie auch der fernöstlichen, zwischen Picasso und verschiedensten anderen modernen Strömungen also Kräften) jemand, der wusste, was er wollte und tat. Er war sogar, in seinem Arbeiten wie in dem, was ihn trieb, anscheinend hoch-diszipliniert! Lange erst studierte er die griechische Linie, unterzog sich der Langwierigkeit verschiedener Studien, widmete sich ausdauernd der mühseligen Bildhauerei und malte erst unzählige Karyatiden (Säulenträgerinnen), bevor er zu - Ideal und Vereinfachung seiner Figuren fand und schließlich zu seinen Portraits, die die meisten Liebhaber von so etwas Überholtem wie Malerei heute so schätzen. Dass diese Portraits eben darin, in ihrer Vorphase an Abstraktion - immer noch genug modern, aber ebenso noch genug gegenständlich - so vielen gefallen, die weiter in der (längst sich auch etwas beliebig ausdifferenzierenden) Kunst nicht gehen wollen: kann man das ihm anlasten?

Vielleicht ist unsere Vorstellung von Erfolg, die eine Kunst ausmacht, vielleicht ist unsere Idee von Erfolg überhaupt mit das Korrupteste, das uns bestimmt - und das nicht nur, wenn man solchen Bildern gegenübertritt, die eine Kraft haben, die man eigentlich nur als Ignorant abtun kann. (Und diese verselbstständigten Vorstellungen sind es dann anscheinend auch, was heimlich auch all die Infamien um so etwas wie "Erfolg" wieder rechtfertigt: Erfolg als eine Art unentwegter Ablasshandel unseres durch und durch Profanen, Kunst-Unfähigen, Weltlichen.)

Kann aber auch sein, man will diese Mär vom selbstverschwenderischen, oft gar noch tuberkulösen Leben der Bohème nicht mehr hören, da heutzutage jeder von uns seine brave Klein-ICH-Ag ist und seine mickrigen Mittel auch noch "smart" sein muss einzuteilen. Diese Smartness ist wie der gleichnamige Kleinwagen: wendig und und in einer überlaufenenden Welt sicher praktikabel, aber viele andere einnehmenden Qualitäten hat sie nicht. Obwohl wir wissen, dass wir keinen wirklichen Beitrag zu leisten haben, wollen wir alle alt werden - da gibt so ein rimbaudhafter, exzessiver, unbedingter Künstler dem inferioren Kritiker wie dem sich "weiter" dünkenden Künstler heute das falsche Beispiel.



Malerei
Je länger ich mir so manches der Bilder ansah, desto unverständlicher wurde es. Es war, als wäre da überhaupt noch nichts begriffen von Proportion und Linie, von delikater Farbwahl und Schwerkraft einer Figur, und das alles wären je Annäherungen, die auch ihr Heikles wie das des Gegenstands noch zu bewahren suchten. (So hat sich dann heute die Kunst anderen Feldern als dem Gegenständlichen zugewandt, wo sie auch andauernd Erkenntnisse zu erzeugen scheint, aber eben auch keine endgültigen Lösungen.)

Der ultramarinblaue Farbkranz etwa bei einem Bildnis "Diego Rivera", der als Farbe da eigentlich nicht ins Bild gehört (wenn man vor dem Bild steht wird das klarer als auf einem Computerschirm): Doch ist die Geste, sie dahin zu setzen, dann eben auch nicht überflüssig, weil sie durch und durch vom Malen her zu begründen ist und anderswie nicht erklärt werden kann, als aus dem, das am Malen spezifisch ist. Das ist ebenso Handwerk wie Moment-Genie, kann ebenso Eingebung wie Fehlgriff sein. Und so viel weiter ist das Malen seitdem vielleicht auch nicht gekommen, und deshalb behält jede Malerei ihre Berechtigung. Natürlich könnte alles auch immer anders erklärt werden, doch bliebe es in allem spekulativ, während sie im Malen selbstverständlich ist und buchstäblich einleuchtet, wie dieses Blau in einem ansonsten dunklen Bild.

Überhaupt scheint jedes Bild Modiglianis erst einmal ein Spannungsfeld aus gegensätzliche Kräften. Die Feinheiten einer Linie gegen grobe Nachlässigkeiten unausgemalter Leinwand, wo nur Farbreste abgedrückt werden; eine bis zum Schwingen gebrachte Farbfläche gegen ein lieb- und lichtloses Gepinsel nicht immer nur für einen Hintergrund; verrutschte Schwerpunkte einer Form gegen labile Gleichgewichte eines Körpers... immer scheinen diverse Kräfte auf spezifische Weise gegeneinander und so zugleich zusammen zu wirken. Ich habe das so dicht und zugleich so im Nebenbei bisher bei keinem anderen Maler empfunden.

Die Verhältnisse in jedem Bild werden mit jeder Veränderung des Fokus' darauf neu bestimmt. Das ist, bei aller Elaboriertheit - oder eben malerischer Souveränität - etwas an Lebendigsein des Bildes an sich.

Dazu kommen Elemente vor sämtlich anverwandelter oder bloß zitierter Techniken, die der Maler für sich nicht brauchte und deswegen auch nicht tiefenerkundete: Kubismus, Fauvismus, Pointillismus, Impressionismus... manche Bilder erinnern aber durchaus auch an Neue Wilde oder feiern "das Afrikanische" so mancher Abstraktion in klassischer Portraitmalerei. Er schuf seine eigene Synthese. Er setzte seine Essenz auch noch durch in der Unfertigkeit.


Und ja, dann diese Portraits. Wieder mal fragte ich mich, warum er seinen Personen oft die Augen ausstach, ihnen so die Seele, das Subjektive nahm. Vielleicht um so mehr zu ihnen durchzudringen, zu dem, was ihnen äußerlich war? Im Visuellen wäre ja die Erscheinung das Wesen. (Sartre fand, dass sie es auch sonst, immer wäre, aber das überzeugt mich nicht.) Dann fand ich eine Informationswandschrift, die darauf einging mit einem Zitat des Malers: (Ich habe es mir leider nicht abgeschrieben, verstehe es aber so): Jede Figur käme derart [also ohne individuellen Blick] einer überindividuellen Lebensbejahung näher.

Das ist einigermaßen paradox, weil die Gesichter so oft "melancholisch" genannt werden. Andererseits aber sind sie eben vielleicht so auch lebendig und nicht tot. Viele sind auch bunt, scheinen sogar von einem eigenen erfinderischen Schwung entworfen, und damit, trotz aller Vereinfachung, die Person als eine Wesenheit zu erfassen. (Woher käme sonst das Empfinden von Genauigkeit, wenn man die Person doch nicht kennt?) Aber alle Gemalten sind so eben auch bei sich, sind keine Stellvertreter für Ausdruck von Gedanken oder blassen Allgemeinheiten, in denen man jedermann antreffen kann. So etwas wie Seele scheint also nicht nur im von Inneren her Beseelten zu liegen.


Für mich überraschend war dann noch, wie viele interessante Männer-Portraits es zu sehen gab, denkt man beim Namen dieses Malers doch immer gleich an seine langhalsigen, langnasigen Frauenelegien oder an die vielen genialischen Nudes, Badenden und Liegenden in einem überaus warmen, manchmal wie pulsierenden Leuchtorange.

"Max Jacob" etwa ist ja längst ebenfalls ikonisch (oder denke ich das nur, weil es der Kunstsammlung NRW in D. gehört?). "Leopold Survage" oder "Viking Eggeling" oder "Paul Guillaume" - all sie sind als Gesichter unergründlich und mir ist, als könnte ich sie über Stunden betrachten, wie ich sonst ein lebendiges Gesicht nur bei mich angehenden Frauen betrachten mag. Für mich würde ich sogar sagen, dass das moderne Portrait, die Königsdisziplin der Malerei, ohne Modigliani schwer vorstellbar ist. Es beleuchtet uns von einer anders nicht umreißbaren Perspektive her.

(In der Bundeskunsthalle noch bis 30.August 2009)

 

15
Jun
2009

Tagebuch des Voyeurs

Über das Insektoide


Heute ist zum ersten Mal tatsächlich passiert, was sonst nur in gewissen, durchaus albtraumhaften, Anwandlungen mal vorkommt: Der Beobachter entdeckt sich in der Gegenbeobachtung. Das kann ein gehöriger Schrecken sein. Und in dieser jähen Einsicht des Entdecktseins wird ihm in seinem Wissen, in seinen inneren Ausdehnungen der schon erkundeten Räume, wird hinter seinem Rücken alles schwarz.

Ich hatte mit dem Tele nur kurz ein morgendliches Sonnengelb auf einem Mauerstück anvisieren wollen, wo ein Mückenschwarm in der ersten Wärme ein hauchfeines Gespinst von Schattentänzerei spann. Ich überlegte gerade, ob Insekten ein wahrnehmendes Bewusstsein von den Effekten ihrer Erscheinungen in der Außenwelt haben können und ob es, womöglich immerhin mit dem Schwarmgeist bzw. seinem Materialisieren auf einer Mauer, auf ihr Verhalten vielleicht auf sie zurückwirkt, und ob und was davon überhaupt auf das Foto mit drauf käme... als ich auf einem der Balkone darunter eine Bewegung bemerkte. Das ist derart früh am Sonntag an sich schon ungewöhnlich, und meist sind das dann ältere Leute in geblümten, schon seit Jahren abgetragenen Morgenmänteln, die Frühstücksuntensilien auf Campingtische raustragen - nichts aus dem noch Bilder zu gewinnen wären. Sozusagen habe ich längst mit all diesen Zimmern auch die Gewohnheiten schon kartographiert.

Es war dann aber der Typ auf dem Balkon der Stewardess-Blonden, einem langgliedrigen, in fast allem von der Natur begünstigten Geschöpf, dem ich schon mal gerne zusehe, wenn es draußen, in anscheinend einem gewissen müße-trächtigen Selbstgenuss, seine langen Beine enthaart - eine Mantis, eine Imago. Ich will die Assoziation zum Königinnen-Insekt hier nicht zu weit treiben, aber ich hatte schon einige Male den Eindruck, dass ihr Männchen an ihr in einen Dienst getreten ist, sie in allem in ihrem Status der Superioren zu bestätigen: Immer ist er es, der alles rausträgt, das Glas mit dem Nektar und die goldenen Löffel zu ihrem Komfort sortiert und noch den Sonnenschirm in eine ihr gemäße Position dirigiert, derweil sie, mit ihren Fangschreckenarmen und -beinen auf dem Klappstuhl zu einem surrealen Bild gefroren, es geduldig erwartet.

Ich habe eine schöne Serie mit ihr, wie sie, in nichts als einem Bikinihöschen, ihre zu adorierende Körperlichkeit der Sonne aussetzt und wie vorsätzlich verlangsamt das brodelnde Sonnenöl an sich runterlaufen lässt - es können dessen Zersetzungsprozesse ihrem Chitin nichts anhaben. Sie hat dieses Lufthansa-Gelb ihrer Haare hoch gesteckt, sitzt aber, mit den Händen im Schoß, die langen Unterschenkel zur Seite eingeknickt, wie mit eingesunkenen Schultern und und bietet so das Bild einer fremdartigen Reglosigkeit ohne jede Gemütsbewegung. Obwohl natürlich auch ich die Verpflichtung zur Dienerschaft gegenüber dem höherwertigen Weiblichen sofort anerkenne, würde mich, glaube ich, bei all ihren äußerlichen Vorzügen, ein Leben mit ihr nicht locken. Ich denke tatsächlich bei ihr an eine gewisse grünliche Mantodea, ein Wesen mit vorzeitlichem Außenskelett, das stundenlang in der identischen Stellung verharren kann mit nicht mal einem Zittern seiner großen Fühler - und plötzlich, mit einem Sprung, anderswo auf einem niemals vorausrechenbaren Steilwinkel kopfüber der Wand hängt.

Einmal, in einem Luxusresort auf Reunion, war es mir unmöglich, mich an das Chamäleon an der Decke zu gewöhnen, das sie einem dort ins Zimmer setzen. Obwohl ich mehrmals die riesigen schwarzen Krabbler bemerkt hatte - die des nachts, gerade von einem Geräusch erwacht, auf dem blitzweißen Porzellan des Badezimmers einen um so nachhaltigeren Eindruck auf mich machten -, schlief ich dort grundsätzlich bei Licht, um mich jederzeit der Position des mir doch mutmaßlich freundlich gesonnenen Tieres versichern zu können. Was bis heute bei mir verlässlich, bei jedem doch immer noch fasziniert verfolgten Tierfilm zu Schweißausbrüchen führt, ist das Geräusch, wenn die Echse den Panzer der Schrecke zwischen ihren Kiefern zerdrückt. Unfehlbar überkommt mich dann geradezu wollüstig der Grusel angesichts eines Unüberbrückbaren.

Ich weiß, ich übertreibe. Doch ist es vielleicht eben der nie ganz zu bannende Schauder über eine solcherart antagonistische Fremdheit, die bei meinem folgenden Schrecken nun eine Rolle spielt. Dabei weiß ich, dass meine Assoziationen von einer gewissen Abwegigkeit sind, und überhaupt habe ich diese Frau seit längerem nicht mal mehr gesehen und schon überlegt, ob sie nicht nur die Wände sondern auch ihren Bau gewechselt hat. An diesem frühen Sonntagmorgen jedenfalls scheint ihr Männchen allein und unbeschäftigt und wie ich selber über zu viel Befreiung von jeder Dienerschaft auch traurig. Und so hat er womöglich seinerseits nur auf eine Bewegung in der gegenüberliegenden Häuserzeile gelauert und in seinem eigenen Hinterhalt mein Rucken hinter dem schwarzen Fernauge bemerkt.

Jedenfalls steht er plötzlich hinter der Scheibe und hat einen Feldstecher auf mich gerichtet. Und so banal das ist, entdeckt zu sein (gibt es doch als zu Erjagendes auch fast nur Banalitäten): als etwas seit lange Befürchtetes, endlich sich Einlösendes, hat das auch etwas von Erleichterung. Zumindest wird es nichts ändern, nicht mehr.

Mein eigenes Trägheitsmoment wird mir bewusst, meine intime Teilhabe an etwas Ungerührtem, mein Befallensein von Fühllosigkeit und etwas Hautlosem: es soll nicht hervorkommen, denke ich. Aber es ist ja nur, als ob sich mit den schwarzen Fernaugen ein gesondertes Leben gegenseitig betrachtet, extrasensorisch, messfühlerhaft, menschenabgewandt. Kurz nur gehe ich hinter dem Tarnaufbau für die Kamera in Deckung, beruhige mich an dem periodischen Diodenlicht im Innern der schwarzen Kammer. Ein Foto von dem anderen, feindlichen Augenpaar gelingt mir nicht. Aber solch eine Reptilienruhe wie ich, so eine langjährige Geduld für die kaum merkliche, die kaum sich verratende Regung, die hat niemand sonst. Es ist kaum vorstellbar, was man alles zu sehen bekommen kann, wenn man nur genug Geduld aufbringt, zu warten.


 
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