11
Mai
2008

Andauernde Verjährungen

Andauernde Verjährungen


Auf einmal, in dem Wust der angebotenen Fotographien, zwischen all den Star-, Post- und Autogrammkarten, all den nackten Körpern und dem WK2-Schrott, dem Sammlertinnef und den Kleinkindbildern als Nachlässen gelebter Leben... ein altes Schwarzweiß-Foto mit einer Ansicht aus dem Stadtviertel, an dessen Rand ich aufgewachsen bin.

Ich erkenne den Ort sofort - aber er ist doch, hindurch die Zeit, auch ein anderer. Ja, so mag das vor zwei Jahrhunderten mal ausgesehen haben: Solide Backstein-Bürgerlichkeit, klassizistische Fassaden, eine Kirche für eine überschaubare Ewigkeit und davor ein symbolischer Baum für länger, außerdem ein Marktplatz, auf den die Städter ihr Gesinde schickte für frische Naturralien. Ich assoziiere so eine gewisse Gehrock-Steifheit, soignierte Staturen mit Schnauzbärten und noch behäbigeren Konventionen. Dann aber Zweifel. Und im weiteren Betrachten die Frage: stammen diese Eindrücke nicht von anderswo her (eher Berlin oder Brandenburg, eine Zeit etwa frühen Fontanes)? Und das reichte ja kaum für ein Jahrhundert! Kenne ich mich nur so unscharf aus, weil andere Fotographien bleibend in mir Orte in der Zeit markieren, die ich selbst nie erlebte? Dabei sieht es dort, an dieser Stadtecke, heute fast unverändert so aus, das weiß ich. Habe ich zuviel eigenvergangene Zeit hinzuaddiert?


Oft kriege ich vermittelt, meine eigene "Statur" reichte wohl kaum zur Vermittlung einer vertrauenserweckenden Bürgerlichkeit, noch wäre ich anderswo hinzuzurechnen, eindeutiger zu machen, zu lokalisieren. Und mit jenem Stadtviertel - bald nach Gründerzeiten verproletarisiert durch Nachkriegswirtschaft und Zuzug von "Gastarbeitern", die heute in ihren mitgebrachten Sprachen dort einen Ton angeben, der weder für Multi-Kulti noch für ein bisschen ihrer eigenen Kultur reicht - habe ich lange abgeschlossen. Die naive Frage ist dann: Bin ich selber nicht schon "historisch"?

Ich erinnere mich gut an eine kurze Periode, als eine blutjunge Freundin hinzog, dort, ganz in die Nähe, eine weitere Ausländerin. Und jedesmal, wenn ich da zu Besuch war, war das Gefühl, ich wäre zu Besuch auch in einem früheren Leben (das nicht unbedingt meines gewesen sein muss: ein Teil war schon wie von anderswoher hinzugekommen - oder stammte es von meinen späteren Durchgängen dort?). Ich konnte ihr dieses Gefühl nie richtig erklären, ich wusste ein bestimmtes englisches Wort nicht für etwas, für das es auch kein deutsches gibt.

Und jetzt fällt mir ein, dass mir vielleicht überhaupt - wegen dem Mangel an Großeltern von hier, dem „Anschluss“ oder der Verwurzlung in langfristigere, tieferreichende Kontinuitäten - mehr fehlt, als nur ein Gefühl für das "Rheinische", für eine herzlichere oder auch nur gefühlsmäßige Verbindung dazu. Dabei: ist das Rheinische nicht eh eher ein Mischmasch der Einflüsse, statt etwas Gerundetes, Abgeschlossenere wie etwa das Preußische? Wem soll man den Vorzug geben: Dem wegen dem Fluss wie "natürlichen" Durchgangsgebiet etwa für die französischen Einflüsse, oder einem Militär-König, der sich die Franzosen an den Hof holte und die Einflüsse so zu steuern und zu "utilisieren" trachtete? Übrigens stammt mein Vater aus Berlin. Und heute würde ich sagen, auf eine nur schwierig abgrenzbare Weise war das auf mich ein Einfluss.


Ich habe oft ein Gefühl - das sich verstärkte dann hindurch Jahre des Reisens - ich käme eigentlich von nirgendwo her. Auch fühle ich mich kaum einmal "heimisch". Und sonstige große Sympathien für diese Stadt hier, in die ich immerhin ein paar mal zurückgekommen bin, habe ich auch nicht. All das kann ich jetzt nicht weiter ausführen, aber ich merke, es steckt drin in Anmutung und Ansprache dieses Fotos an mich. Trotzdem werde ich es wohl nicht kaufen.

Ich kaufe ein anderes: Darauf eine Frau in einer Kleidung – weiß die Schuhe, der Mantel, der Hut - seinerzeit der betuchteren Kreise, Ruhr-Adel möglicherweise, aus einer der wieder intakt-gesetzten Dynastien oder deen gesellschaftlich mit durchzuschleppenden Erbgefolges, die auf einen Wagen mit Chauffeur zutritt, einen elegant-rundlichen schwarzen Mercedes, der vor dem Thyssen-Hochhaus parkt, nicht direkt davor, nicht in der Zufahrt, sondern auf der Hauptstraße, die daran vorbeiführt.

So ein Foto - es wirkt wie ein anekdotisches, womöglich eines Pressefotographs, der am Rande des Ereignisse für’s eigene Archiv ein bisschen Kolorit aufsammelt - macht kein Amateur. Und obwohl mir "Professionalität" sonst kein wichtiges Kriterium ist, ist es hier, in der Komposition auf ästhetisch Wesentliches - Auto, Gebäude, Person in einer Ausgewogenheit von Linien und -Linienführungen, deren seinerzeitige Idee von "Modernität" noch mitkommuniziert wird - sowie dem dabei spezifisch Düsseldorferischen - das selber Ausschnitthafte auf eine gewisse Beengtheit, etwas letztlich (noch) Lokales, das groß herauszukommen träumt - ein Vorzug. Das Foto ist also nicht nur mehrfach historisch - es heißt "Düsseldorf, 1960" (da war ich schon auf der Welt) -, sondern es ist auch als Bild mehrfach genau.

Jene eher unbestimmte Aufladung mit unsortierten Dingen auf "Gefühls-Fotos" – also Nostalgie - ist mir manchmal zuwider, selbst wenn sie etwas vermeintlich Bezeichenbares mal genauer trifft. Ich weiß auch, dass Genauigkeit nicht nur oft nicht hilft, sondern dass sie als etwas Hergestelltes, Optimiertes selber auch zweifelhaft ist. Besser jedenfalls als nur fraglose "Heimat", das Gefühl von Ehemaligkeit als ihr dünnes Wehen.

Ästhetische Arithmetik, Angabe genauer Jahreszahlen, Vorortbarkeit der Bezüge helfen (zumindest kurzfristig) der Orientierung. Und Geschichte bringt man ja nicht nur hinter sich oder erlebt (erleidet) sie, sondern sie steht einem auch noch bevor. Alles andere, das auf kein Foto passt, wird dann eh eine Arbeit für länger.

9
Mai
2008

Moment unterwegs

Moment unterwegs


Hitze; am Carwash auf der Karl-Geusen eine Libelle so groß, wie ich sie in den Tropen noch nirgends gesehen habe; sie jagt herum der großen Wasserpfützen aus den „Service“-Wasserhähnen neben den Waschschleusen, die die Leute da hinterlassen und die die Insekten aus den verwucherten Böschungen der Bahnlinie anziehen

an der Bushaltestelle diese junge Zahnspangen-Schönheit, wie sie ihr Kirsch-Stracciatella löffelt:
Disziplin (die Balletschuhe) & Genusssucht (dann auch über einen derart reglementierten Mund?)
ich sehe Wundpflaster, ahne schmerztaube Stellen über meine eigene Erschöpfung von dem verfluchten Weg bis hierher

wegen ihrem altklugen Haarknoten wohl muss ich an eine mir selber auffallende Entlegenheit denken: an eine Paketschnur in einer mit Wachspapier ausgeschlagenen Schublade

dem nachsinnend - machen Hausfrauen das eigentlich noch? - sie und ich aus unserem Sekundentiefschlaf schreckend, als die alte Frau von der Bank ganz außen aufspringt und zur Bustür läuft, panisch, als würde diese nicht bis zu dieser letzten Sekunde für sie offen bleiben

Der Fahrer, das Mädchen und ich - wir schauen, sehen die Frau vorwärts hinken, als hätten wir selber noch alle Zeit

5
Mai
2008

London Calling

London Calling


Wegen meiner frühen Sympathien und meinen Beziehungen nach dort, verfolgte ich ein bisschen die Bürgermeister-Wahlen in London. Bei allen Bedenken über so etwas Schweres an Amt für eine Type wie Boris Johnson - aber wäre Politik nicht ungleich unterhaltsamer, hätten wir solche Exzentriker auch bei uns? Solche karriere dort ließe sich hier – bei allen eklatanten Unterschieden – nur mit Herrn Fischer, dem Außenminister vergleichen.

Das bringt mich auf Mentalitäten. Natürlich erwarten wir von Politk doch lieber Vernunft und Berechenbarkeit, denn das sind dann letztlich, trotz und gegen alle Eventisierung und Hedonisierung unserer auf instant verfügbare Erlebnis-Geilheit formatierten Selbste die Qualitäten, die uns bei Politik lieber sind, als so ein individualistisches, dazu nicht immer gleich nachzuvollziehendes Abenteuerertum. Das Exzentrische als etwas Deutsches wäre kein leicht benennbarer Vorzug.

(Und wenn man die neuerdings auftretenden Egomanen bei uns ansieht - ich nenne absichtlich keine Namen -, die, um ihr unsäglich plumpes "Ding" zu machen, jede verbrannte Erde in Kauf nehmen... na, dann doch lieber englische Vornehmheit und immerhin zu ein bisschen Skurrilität verhelfender Dünkel.)

Was mich auf eine Blödelei bringt, die wir letztens anstellten, als es Berlusconi mal wieder geschafft hatte: ich erinnerte in der Runde an einen gängigen Spruch aus den Kohl-Jahren: Wenn er uns auf Dauer derart erhalten bleibt: haben wir ihn dann nicht auch irgendwie verdient? Repräsentiert er nicht einen optimierten Durchschnitt, d.h. zuletzt: etwas Urdeutsches in seinem Beharrungsvermögen, in seinem Willen zur Konstanz?

Haben also die Italiener nicht auch ihren aalglatten, die antichambrierende Hintertreibung zur Kunstform stilisierenden Cavaliere verdient? Ist er nicht auch eine Art menschliche Quadratwurzel des Italienertums (oder dessen Klischees)? Muss er nicht permanent so dümmlich lächelnd und selbstüberzeugt und händereibend daherkommen bei all dem Reibach und dem dümmsten Fernsehprogramm der Welt, das ihm auch noch gehört? Ah, quanto ci piace gli italiani! Cazzo!

SarkoChaussures
      (Photo: Merci à Marine!)


Und was ist mit den galanten confessions d'amour eines agilen Filous wie Sarkozy für die treudeutsche Merkel in Aachen, die sicher lieb da saß, solide, aber eben ohne viel Glanz oder gar Eleganz? Klar, zu Hause geht er vielen nur noch auf die Nerven. Aber ist er für uns, vor Seriosität meist Aufmerksamkeits-Entschlummerten, nicht höchst unterhaltsam? - Wir waren darauf gekommen, dass selbst beste Aufklärung den Stereotypen über die nationalen Charaktere unterlegen ist, und dass das auf einer bestimmten Ebene auch so sein muss, weil Menschen solcherart simple Unterscheidungen zur Orientierung brauchen und überraschend häufig auch nach ihnen funktionieren.

Und Boris Johnson ist sicher eine durch und durch englische Hervorbringung. Das leuchtet mir nicht nur unmittelbar ein, sondern ich weiß auch ein bisschen davon, weil ich ein paar mal an solche Typen wie ihn geraten bin. Das Unberechenbare an ihnen ist eine ganz besondere Qualität - wie aber auch das, vor dem man dann unwillkürlich immer ein bisschen auf der Hut ist, weil man, bei aller Sympathie für's Unerwartete, schon zu gut um das Ideal des Begründbaren, Ausgepegelten in sich selber weiß.

Und sechzehn Jahre Kohl - muss ich das, selbst bei meinem Nicht-Wählertum, nicht auch durch mich selber begreifen? Selber Schuld!

Sportlich und sehr englisch dann der Satz von Ken Livingstone (der seine Sache nach der Mehrheit der Londoner gut gemacht, aber sie waren ihn dann eben auch mal Leid): "Man kann nicht acht Jahre dieses Amt ausführen, um bei seinem Verlust dann die Schuld daran jemand anderem zu geben".

Deutsch - das bleibt die Schuld. Und die Amtsführung der Schuld. Und der Schuldigen. Und des Waldschadenberichts. Und.

Abfällige Unschuld

Abfällige Unschuld


Ich drücke Kerstin gegenüber (wie auch einmal in Wirklichkeit) meine Begeisterung für einen alten Jacques-Dutronc-Hit aus, wofür sie mich auslacht. Wir streifen durch eine große, alteuropäische Stadt mit einem Dom - Mailand? Kann aber auch sein, es ist Turin: Da ist ein Anklang des Bedauerns, als ich einmal einen Tag vorher meine Reservierungen dort absagen musste. Sie hatten mir eine Junior-Suite gegeben, aber etwas daran war nicht recht; ich hatte Nietzsches Wege nachgehen wollen, wie er da kurz vorm Durchdrehen durch die Straßen geeilt war, das manchmal seltsame Licht aus den Bergen erlebend, das Nordische, im Übertritt aus den Alpen. Und K., wie sie jetzt über Gut und Böse spricht.

Dann sitze ich allein in einem großen dunklen Raum, daußen gibt es irgendwelche Tumulte, dumpfe Explosionen, ferne Ambulanzen. Es ist ein Kino, voll mit dem angehaltenen Atem des Publikums. Irgendwas ganz Furchtbares muss abgewartet werden. Wahrheit, rufe ich: Erkenne dich im Dunkeln!, aber... es bleibt vergeblich. Und die Leinwand schwarz.

Wer war ich, dass ich liebte, dass ich selbst daran verging?

Eine andere Art Licht ging an, ich war am Ende der xten Wiederholung meiner entscheidenden Szene: Und ich hatte sie wieder nur so einigermaßen hingekriegt.

4
Mai
2008

Domestizierungen

Domestizierungen


Wegen dem dringenden Bedarf nach Flüssigkeit, einem Anflug von Schwäche fast, betrete ich eine Kneipe der Art, wie ich sie seit Jahren nicht mehr von innen gesehen habe: Mit einem großen Tresen, mit einem blinkenden Spielautomaten an der Wand, mit Holzbänken und derben Tischen mit ihrer Mindestausstattung von Bierdeckeln und Aschenbechern und immer schon etwas schmuddeligen Servietten. Tobaccoland. "Zum goldenen Hirschen." Gottseidank ist es leer.

Ich gehe für ein großes Glas Limonade an die Theke und lasse gleich ein weiteres füllen; der Wirt ist einsichtig und bedient mich teilnahmslos, nimmt mein Geld, um sich gleich wieder zurückzuziehen: So ist es mir recht. Ich setze mich auf einen Eckplatz in eine der Bänke nahe am Ausgang.

Die einzige andere Person im Schankraum ist eine Frau auf einem der Barhocker, die mich mit einem Blick abgetan hat. Auch das ist mir recht. Neben ihr nun aber, auf einem herangerückten Hocker, ihre Promenadenmischung: eines dieser entsprechend Menschenbedürfnissen mutierten Fellknäuel mit Knopfaugen, wie sie zu kämmen, mit Schleifchen zu kleiden, jederzeit nach Laune zu herzen sind. Es trägt tatsächlich ein rotes Band um den Hals, es ist tatsächlich an den Ohren gekämmt auf eine aufwändige Weise, wie sie sicher nur ein das als Dienst anbietender Salon hinkriegt. Kann sein, wegen einem Rest an animalischem Instinkt in mir den Fremden, den Feind witternd, sieht dieses Unding mich nun unentwegt an. Was dann auch die Frau, womöglich gewohnt, sich über Witterungen und Verhaltensweisen ihres Tiers mit ihm und seiner Umgebung zu synchronisieren, dann als Grund für eine erneute Aufmerksamkeit in meine Richtung nimmt.

Und was ist Liebe? Wie gegenseitig jeder sich in sein Opfer schmiegt?, Instinkte trügt und sicher wiegt?, damit er, einesgleichen, tief sich berühren, sich trösten, sich täuschen kann noch einmal über sich?

Ich meine zu ahnen, wie sehr die Frau hier selber Animal ist, triste, das ganz auf die ihr unmittelbar werdenden Reizgebungen vertraut: wahrscheinlich könnte sie, es hinnehmend und mich als Gastfigur abstrahierend, auch mit mir ein paar Belanglosigkeiten wechseln, ginge es nur über ein entsprechendes floskelhaft schon formatiertes Setting, oder am besten eben um das Tier, einen zur Gesprächverleitung ihr vertrauten Gefühls-Gegenstand. Aber sie spürt auch, wie sie vielleicht gelernt hat, solchen Spürungen zu folgen, dass ich dazu nicht der Geeignete bin, der innerlich sogar Ungeneigte - nicht auch ihr Feind?

Ich überlege, wieso solche Hunde-Frauen mir meist so unangenehm sind, ja, widerlich oft. Weil sie zu Idiotinnen werden im ständigen Hinsprechen zu ihrem Vieh? Weil sie sich derart auf etwas Rudimentäres ihrer selbst versimplifizieren, was jede komplexere Regung - aus denen zumeist leider ich nun bestehe - unterläuft? Weil sie von vornherein mit dem geliebten Kläffer eine Konkurrenz installiert haben um einen Körper, von dem angenommen werden sollte, dass ich mich um ihn zu bemühen hätte und der mir nun also gegen etwas, das mich im Voraus schon in allem mindert, bereits entzogen ist?

Ich erinnere mich: Ich habe einmal, auf einer dieser spanischen Ferieninseln, deren Kulissenhaftigkeit erst durch die Präsenz der Horden an Unterhaltungsbedürftigen etwas Leben gewinnt, eine Frau mit einer üppigen Figur, angetan nur mit einem minimalen Bikini gesehen, die über die Plaza stöckelte und sich dabei von solch einem Kuschelekel abschlecken ließ. Das war von einer derartig demonstrativen Provokation gewesen, dass der Skandal gar nicht sofort zu sortieren war - wie also derart zur Sinnenverwirrung ausgestelltes Fleisch sich mit der Harmlosigkeit eines Hündchens verwirrte: eine Art Riesennapf für's Auge, aus dem Du nichts stehlen darfst -, und also erst einmal mehr Verblüffung ob solch niedlicher Schamlosigkeit erzeugte, denn offensichtlich eine Grenze überschritten sehende Empörung. Erst als sie schon fast außer Reichweite geschritten war, fielen die deutlichen Worte in diversen nordeuropäischen Sprachen, ein- oder zweisilbige Eindeutigkeiten, hart gesprochen, ja, mehrerenteils fast gebellt. Da aber, wo sie ging, war es wie in einem Korridor still - als stänke es dort. Nach Aas, luoder, der räudigen Fährte? Und auf einmal denke ich, es war das womöglich weniger eine Begebenheit von Skandal, als eine von Macht, von der bannenden Kraft akuten Unglaubens?

Ja, auf einmal muss ich denken, dass jene Diana, wie alle Schönen grausam, grausam wie alles Überleben, unergriffen, Beute, dass, wie jede Blutrunst immer auch betrogen und selber Verrat, dass sie... frausam -. Was? Kurzfristig verwirrt es sich mir. Die Jungfrau und der Jäger, sie kommen zusammen in der Nacht -.

Zum ersten Mal wird mir vollends klar, wie oft ich aggressive Impulse gegen diese Frauen mit Hunden habe, aber mich selber da nicht vollends durchschaue. Das süße Wort, vom Herzen geschnellt, Waffe: Anrufung des falschen Tiers -.

Steigt mir der Zuckerschock aus der kalten Limo zu Kopf? Diese Frau hier ist verpackt wie eine noch süßere Praline: Tief-rot lackierte Zehen in Weibchen-Schühchen mit Glitzersteinchen, pink-lila bemalte Lippen, bepatzt mit Schmuck, wo er nur hinpasst, aufgehellt ins fast weißblonde, offen wie bei einem Jungmädchen getragenen Haar. Ihre mit dem Alter ins Voluminöse erweiterte Weichheit steckt in etwas Weitläufigem an schwarzer Hosenkombination, sicher für die Hitze zu warm.

Immerhin hat sie unbemalte, feinnervig wirkende Hände. Sicher wird sie es einmal mit einem Mann versucht haben und weiß Gott, wie enttäuschend der für die Andersartigkeit ihrer Bedürfnisse im Vergleich zu seinen eindeutigen gewesen war. So schaut sie womöglich erleichtert, wohlgesonnen auf diesen mir hässlichen Zwerghund, der blöde, fähig anscheinend nur zu diesem einen Ausdruck an misstrauischer Verblüffung über seine erwählte und dabei so stupide Existenz, zu mir herüber starrt. Ich bemerke eine Lust, gleich, im Abstellen meines leeren Glases auf den Tresen, einmal wie zufällig gegen den Hocker zu stoßen, dass er umkippt und das auf ihm Thronende in den ihm zukommenden Schmutz und womöglich einen Versehrtenstatus stürzt. Würde das perverse Frauchen ihm noch die gleiche Erhöhung entgegenbringen? Rächte sie sich vorher an mir? diu mennescheit hat wilden art -.

Herden zogen ferner die Zeiten: Jahrtausende... ein Schussfeld! Und waren sie, die Strecken der Erlegten, die anfängliche Strecke zur Selbstdistanz: primärer Triebe, Hunger, Animalität? Die verjagte Verdammnis, im Paradiese zu leben? Die eroberte Vernunft, des Umherziehens ewige Gründe? Der Geist ist ein Knochen und alles Fleisch ist wie Gras. Das Wild, das wir jagen, ist der Tod.

Ich spüre, mein Hass wird zunehmend irrationaler und bekommt etwas Kretinöses, etwas, das die andere Kreatur nichten, zumindest einmal ausdrücklich missachten will - und damit sich anverwandeln?, ein Zeichen von Revierbehauptung setzen? Aber hieße das nicht auch, ich nähme das Tier ernst auf eine annähernde Weise wie diese Frau, in deren Schoß ich doch nicht will? Gegen deren Kunstblond gesetzt ich auf einmal das künstliche Rot an ihr in einer zu vermutenden Ähnlichkeit vielleicht mit der natürlichen Zungenfarbe dieses kastrierten Liebesdieners entdecke? - Hündin, die sie nicht ist, ist sie nur eine Tante mit Fiffi. Und meine Eigenidiotie, heraus einem Anfall, in einem Reflex auf sich selbst davon nicht lassend, muss ich hassen. Den Ekel. Die Widernatur. Das Viehische, das, auch in mir, ich nicht bestreiten kann. Den Schlosshund meines ungleich größeren Bedarfs, ein leibhaftigeres Zotteltier meines Jammers...

- Alles in Ordnung bei Ihnen? Geht es Ihnen gut? Verlangen nach Heftigkeit, nach Suppe aus Wolfsknochenmark und gestreckteren Luftgewehrläufen im Traum. Unseren Kopf in den eigenen Schlingen fürchten wir nicht um den Kopf.

Ihre Stimme klingt wie die von Fräulein Kurek, einer älteren, bildschönen Kollegin aus meiner Lehrzeit, die sich manchmal meiner Jämmerlichkeit angenommen hatte, wenn ich kurz davor gewesen war, nicht weiter zu wissen mit all dem öden Mist, den mannhaft auf mich zu nehmen für ein Berufsleben man von mir erwartete. Köder, der sie war, Bambi ich, das nicht zum Killer werden durfte schon so tief verletzt!

Danke!, stoße ich hervor. Erleichtert, auch hier niemals Stammgast werden zu müssen, stürze ich aus dem Lokal.

3
Mai
2008

Fällige Eintragung im Kalender

Fällige Eintragung im Kalender


Nachdem ich Tage zuvor schon gemeint hatte, zwei gesichtet zu haben, sind sie seit gestern Abend wirklich da: Mauersegler.

Zwar bin ich ja ein bisschen geeicht darauf, hindurch die Kontinuität der Jahre, aber es ist, als ob sich jetzt auch in meiner Wahrnehmung etwas eindeutig hin in Richtung Sommer geändert hat. So kalt, wie es mir eigentlich lieber ist, wird es wohl nicht mehr werden.

Und so gibt es gleichzeitig etwas, das in der Beobachtung ein Stück Hingegebensein aufnimmt über Rasanz und Irrsinn der Vögel, eine gewisse Dosis an Jubel, wie sein Gegenteil: ich finde mich ab.

1
Mai
2008

Detektion

Kurze Schrift über einige meiner langwierigen Beweisführungen

          ("there are records", Robert Creeley)


In einer Kundenkarte der "Rheinischen Bahngesellschaft AG" - ich nehme sie auf wegen dem Lichtbild der jungen Frau darin - finde ich Zettel, darauf diverse Namen in Katakana stehen, der japanischen Silbenschrift für die „Umschrift“ ausländische Wörter. Ich erinnere mich daran, wie ich, etliche Jahre früher, eine japanische Kollegin einmal darum gebeten hatte, meinen eigenen Namen derart zu verwandeln, weil ich annahm, dass das in diesem Fall besonders schwierig sein würde. Aber Shizuko hatte nur kurz überlegt und eine Folge kurzer Strichfiguren hingegossen. Den Zettel hatte ich dann ebenfalls eine Zeit lang mitgeführt, bis ich ihn wohl verlor. Zehn Jahre darauf konnte ich nicht nur diese Silbenschrift, sondern auch Hiragana, außerdem etliche Kanji, die aus dem Chinesischen übernommenen Schrift-Bildzeichen für komplexere Begriffe, selber schreiben. Wiederum irgendwann später, als ich viel davon bereits wieder vergessen hatte, war mir auch einmal dieser frühe Zettel eingefallen, und zwar nicht nur anekdotisch, sondern weil mir die Idee kam, mit dem japanischen Einschlag bei mir gewissermaßen noch einmal den Schwierigkeitsgrad bei einer bestimmten Art Selbstbetrachtung zu erhöhen und mich daran prüfen. Ich hatte mich dann hingesetzt, kurz überlegt und es gut hinbekommen – meinen Namen wenigstens. Da die Zahl der Silben wie ja auch unser roma-ji-Alphabet begrenzt ist, müssen diverse im Japanischen nicht vorkommende Laute durch Annäherungen mittels der bestehenden Silben an das zu schreibende Wort gebildet werden. (So wird etwa aus "coffee" Kohi.) Hierbei sind durchaus Irrtümer möglich - andererseits ist es meist tatsächlich ganz leicht.

***

AW-Brief

Die Wertmarke ist von September 1988. Die junge Frau trägt einen Lockenschopf, eine im Stil der Jahre damals noch extra aufgekämmte Fülle dichten Haars - es ist beeindruckender Wust, ein bisschen wie bei der Medusa. Noch beeindruckender aber sind ihre Lippen, volle, fast schwer wirkende Lippen eines beinahe ideal geformten Mundes, der ausreicht, ihrem ansonsten hübschen, aber nichts weiter besagenen Gesicht einen bestimmenden Zug ins Weibliche zu geben, etwas, das eine Subdominante gleichsam ins Sinnliche setzt. Dazu schaut sie ins Bild, als wäre sie sich über noch gar nichts recht schlüssig. Sie gleicht ein bisschen einer kindlichen Sabatini.

Knapp zehn Jahre früher, auf einem Kinderausweis vom Mai 1979 - sie ist 1968 geboren, am 31. Dezember - ist sie ein brav gekämmtes Mädchen mit Mittelscheitel, Streifenpulli und ihrem Vornamen in Silber an einem Band um den Hals, das schon diesen Blick hat. Und sie hat da auch schon diesen Mund, der aber in dieser Kindlichkeit - man stellt sich unwillkürlich eine Mutter vor, die noch rasch etwas an ihrer Tochter herumzupft und richtet, bevor sie sie dem Fotographen überlässt - leicht unproportioniert wirkt, ja, sogar ein bisschen verunstaltend, fast um eine Spur obszön. Und es ist nicht die Unfertigkeit dieses Details in einem weitgehend unfertigen Gesicht, es dieser Eindruck von einer frühen Dominanz, von einem Vordrängen, der diese Idee von einer Unangemessenheit bei einem jungen Mädchen herbeiholt. Man ahnt, wie durch anatomische Winzigkeiten tatsächlich ein "Schicksal" (Freud) in Gang gesetzt werden kann.

Allerdings scheint es dann doch nicht so umwälzend verlaufen zu sein. Wiederum zehn Jahre nach dem Straßenbahnausweisfoto ist sie eine leicht dickliche Mutti inmitten einer Katholischen Jugend-Gemeinschaft, die ihren Beruf aufgegeben hat und freiwillig die Kindergruppe in einem Ferienlager betreuen hilft: Harmlos. Wieder erwischt sie die Kamera - der sie diesmal nur eine unter vielen Personen ist - mit diesem Anschein von einer gewissen Ratlosigkeit heraus ihren Augen, die allerdings eine zugleich offenere wie gemilderte scheint: In ihrer ausgewachsenen Rundlichkeit wirkte diese Frau nun gerundet auch in sich, abgefunden oder begütigt, bereitete ihr Blick nicht jeweils diesen Eindruck einer leichten Abwesenheit, einer minimalen Abirrung, mit der sie neben das Lagerfeuer, neben den behinderten Jungen in seinem Rollstuhl, neben das Zentrum der lustigen Runde zu sehen scheint. Ihre eigenen Kinder kann ich auf den Fotos der Gruppen nicht ausmachen.

Weitere Fotos scheinen in ihrem Motiven zugleich zu offensichtlich... wie um eben diesen Anschein von Offensichtlichkeit zu kompliziert, um meine Zwischen-Ideen eigener Eindrücke dagegen zu stellen: Es wäre eine Art Gewalt von interpretativer Überlesbarkeit - selbst wenn diese alle deren Irrtümer mitbedenkt.

Etwa sie beim Tanzen in einem weiten Sportpullover, der die Ausholbewegung einer ihrer zu erheblicher Größe gewachsenen Brüste nicht auffangen kann, und das vor einem unsäglichen 70er-Jahre Vorhangmuster in einer niedrigen Raum ganz ausgeschlagen in Holz ("Skihütte Todtmoos"): Das Gesicht des Bewussteins ihrer Selbstgewahrsamkeit in diesem Zwiespalt von Scham und Selbstbehauptung, von Foto-Bewusstheit und sie abstreitender pausbäckiger Fröhlichkeit ist, so trivial der Anlass ist, von einer eigenen Abgründigkeit. Das Foto ist in allen Belangen ganz schrecklich. Aber am schrecklichsten in seiner Unabweisbarkeit. Vielleicht ist es mehr dieses Unleugbare, mit dem den Menschen etwas weggenommen wird (als in dieser okkulten Angst irgendwelcher von uns als „authentisch“ gedachten Eingeborener), das Unbezweifelbare nämlich ebenfalls als ein Moment von Gewalt, als Teilverlust der anderen, mit dem durch das zur Deutlichkeit Gekommenen zwangsläufig unsichtbar Gewordenen ihrer Seelen. Weil wir auf keinem Bild je vollständig sind. Und kein Bild ist je ganz, "heil".

Und zugleich wäre, das wird mir klar, dieses Objekt in der Lesart eines anderen Blicks ein völlig anderes. Kann gut sein, die Scham, die ich bei ihr zu erkennen meine, derart ungemildert gesehen und dabei beweisbar geworden zu sein, ist zu einem Gutteil meine eigene, und beide zusammen sind der Krümmungsbogen jenes Menschlichen, das vor der Objektivität des Mediums gleichzeitig oft nicht zu bestehen scheinen kann (indem es seine doch das Leben so bereichernde Vielfalt von Maskierungen begründet), wie eben das auch sein Vorzug wäre. Das einem Fremdeste im Anderen - es könnte mal wieder das Eigenste sein.

Aber all diese Dinge verstehe ich selber nicht genug. Und es kann gut sein, dies ist Teil der Gründe, mich dieser Suchbewegung mittels meiner Beweissammlungen immer wieder auszusetzen.

***

AW-Detektion

Ihr Ausbildungsberuf ist "Bürogehilfin", ihre Zeugnisse sind sehr uneinheitlich. In Englisch bringt sie sich mit dem Wortreichtum ihres Vokabularwissens weiter, kann es aber nur schlecht anwenden; in mehreren Prüfungsdisziplinen, vor allem "Kurzschrift", fällt sie vor der IHK mehrmals durch. (Aber geschickt begründet gegenüber ihrem Ausbilder, der sich auch jedesmal großzügig zeigt, bis sie es dann packt. Und außerdem hat sie trotzdem damals schon ein Geld in Mark verdient, von dem heute in Euro immer noch eine ganze Prekariatsfamilie leben können müsste - goldene Zeiten. Die seinerzeit international namhafte Firma ist allerdings auch längst abgewickelt.)

Sie hat ihrer besten Freundin – Nicole, Gruppenleiterin aus dieser Katholischen Jugend-Gemeinschaft (in der sie alle schon als Kind Mitglied gewesen zu sein scheinen) -, deren Freund ausgespannt - Jörg -, der ihr zuerst ungelenke Liebesbriefe schreibt und sie dann auch heiratet. (Er schreibt über das schlechte Wetter und dann drei Mal, dass ihm nichts mehr zu Schreiben einfällt - aber die Liebe ist "für immer", das behauptet er fest.)

Die Briefe ihrer Freundinnen sonst sind von der gleichen erbarmungswürdigen Mitteilungslosigkeit, meist auf einen Satz zu verdichten plus viel Floskel-Ornament. (Außer dass man endlich mal erfährt, dass es damals tatsächlich Leute gab, die zu Konzerten des bestehenden Unterhaltungsangebots gegangen sind - "Kelly-Family". Voll schön, echt!)

Einen Brief gibt es von ihr selbst, den sie an den voreiligen Ehemann und späteren Vater ihrer Kinder geschrieben hat. Sie stellt sich vor, mit ihm zusammen zu wohnen, und „immer viel zu schmusen“. Offenbar hat die Beziehung aber schon einen erheblichen Bruch hinter sich, von einem Neuanfang ist die Rede. Und dann kommt tatsächlich ein Satz, den ich interessant finde, obwohl er völlig misslungen und unfreiwillig komisch ist: "Ich dachte ich könnte Dir wenigstens schreiben wie sehr ich Dich liebe, aber das kann man nicht schreiben und auch nicht sagen, das Gefühl ist nur in meinem Kopf und dort wird es auch bleiben." Immerhin kein Herz!

(Und drei Jahre später findet sie ihn anscheinend nicht mal mehr einer Antwort für würdig. Allerdings heißt "Brief" für ihn auch nur etwas Geschriebenes in einem Umschlag mit einer Briefmarke vorne drauf - nichts Mitgeteiltes. Was soll man da antworten?)

***

Einmal ist sie Zeugin eines Autounfalls und versucht, dazu aufgefordert, den Hergang zu schildern. Sie ist Einundzwanzig und schreibt in einer verschnörkelten Handschrift, wie sie wohl redet - aber das Mündliche scheint auch da das Ausufernde bei ihr, und obwohl der zeitliche Verlauf offenbar die Leitschiene ist, entlang der sie die Tatsachen zu sortieren sucht, kommt sie mit einer Art Rückblick - womöglich nahegelegt durch den von ihr eingeführten Blick in den Rückspiegel? - dann in die Erzählung - d.h. sie kommt durcheinander. Dass ein Fahrschulauto eine wesentliche Rolle spielt, eine Verengung, ein Taxi-Standstreifen... all das wird erst deutlich auf der angefertigten Skizze. - Da fällt mir dann auch nichts mehr zu ein.

Außer, dass ich dann ebenso in dieser Schriftlichkeit - dessen Moment an anderer Belegkraft anscheinend ich ja suche - den Zweifel zu sehen vermag, dem ich beim Mündlichen längst nicht mehr beikomme: das "Gerede", als Gemeintes und unmittelbar Verfertigtes (Kleist) eines von sich notwendig überzeugten Ausdrucksakts wäre ja stets zweifellos. So wäre es dann eben die Umgangssprache, die uns "beherrscht" - und wir schon immer damit (und also mit uns) einverstanden. Und in ihrer zum Vorschein kommenden Kluft ("Abgrund") zur Kunstsprache der Versuche zu "eigentlicheren" Worten - etwa diesen hier - käme etwas zu sich. Spreche ich zu wem noch klar?

***

AW-Religionslehre

Drei Belege noch, die ich behalte:
- eine Eintrittskarte zum "Star Light Express" in der Ruhrlandhalle Bochum (Tribüne Links, Reihe 5, Platz 14);
- einen Fahrschein - Andata e Ritorno - von Cavallino nach Venezia S. Marco (Datum des Entwerterstempels unleserlich);
- eine Kontaktdaten- und Dienste-Beschreibungs Visitenkarte des "Detektiv-Instituts“ P.

Geht es um mehr Diskretion oder um mehr Aufklärung? Was müssen wir über die Welt wissen, was von uns selbst verbergen? Was kann man überhaupt wissen? Was lohnt es sich aufzuspüren?

Man kann eine Menge über jemanden erfahren, aber wissen, über die Gewohnheiten eigener Annahmen und daraus abgeleiteter naiver Gewissheiten hinaus, über die Relativität der eigenen Erfahrungsgrundlagen, wird man nicht viel. Andererseits reichte aber auch schon eine Sprache, die uns glauben machte, dass eine bestimmte Person, der unsere Sehnsucht gilt, existiert. Dann kann ich jemand Unvoreingenommeneren als mich beauftragen, sie zu finden. Die Empfindung nämlich, wie so oft bei mir, ist, als wäre mir der Beweis sämtlicher meiner Fehlannahmen über sie nicht ganz unangenehm. So käme auch ich noch einmal als jemand ganz anderer vor, und sei es als Randfigur zufälliger oder nur fernerhin mit aufs Bild gekommener Zeugenschaften.

Ich erwarte dringend Berichte.

30
Apr
2008

Der Ernst des Lebens

Der Ernst des Lebens


Der Mann sieht aus wie so ein 60er-Jahre Schauspieler, der in den Sonntagmittagsspielfilmen immer den flotten Schwiegersohntyp abgibt und erst nach einigen Wirren die etwas zu eigenwillige, aber dann doch der Liebe entsprechend ihrer natürlichen Frauenrolle sich ergebende Schöne bekommt.

Hier hat er sich weit in einen Fernsehsessel zurückgelehnt, weil er gerade von ihrem Glück sich bedrängen lassen muss: Er hält der bereits zu ergebenen Frau die Rose – so stachlig wie Fleurop-bilderbuchhaft – wie Simon in der Wüste der Versuchung das Kreuz entgegen. Es kann gar nicht anders, es muss der Moment seines Antrags sein. Nun, da er gemacht ist, ringt er um eine Fassung, die dem Gedanken an die Endgültigkeit dabei noch irgends gemäß erscheinen könnte.

Das Silber der Lackierung eines ihrer Zehennägel leuchtet unter den Feinstrümpfen auf wie ein Löffel, den man zur Begutachtung seiner Sauberkeit noch einmal ins Licht hält. Aber gegessen werden muss. Im Hintergrund, auf einem schwarzen Sekretär auf Stelzbeinen, steht eine durch Auswechseln der Ringbuchseiten aktualisierbare Gesetzeskommentarsammlung. Das Paar ist ein lebendiges Beispiel: Nämlich, dass man so manches in seinem Leben niemals begreift.

28
Apr
2008

Kleines Bild vom Weh

Beim Blick auf eine ins Makellose ausgeleuchtete, digital porentief gereinigte Coverschönheit leeren Gesichts erinnere ich mich an eine andere, sicher weniger schöne, dafür nahegehendere Nacktheit eines Morgens auf einem Hotelbett in einem bestimmten fahlen Licht, das die Haut noch nackter wirken lässt, durchscheinender fast, dabei unperfekt, ja: unrein, feucht... lebendig.

Kann sein, dass sie derart immer auch versehrter wirkt, die Haut, weil sie die Indifferenzen eines solchen Morgens mit aufnimmt, minimal auch das lichtlose Weiß der Laken, und im Mix des Streulichts die Unaufgeräumtheiten der Umgebung wiedergeben muss, daran gleichsam papieren wird, noch mehr erblasst.

Es ist jedenfalls, als könnte man noch einmal begreifen, wie dieser Rosaton von der Unmittelbarkeit des Blutes unter der dünnen, unbehaarten Grenzschicht herkommen muss, die bei einer Verwundung gleich auszulaufen beginnt. Und wie unbegreiflich es bleibt, dass Fettgewebe, Poren, Lymphdrüsen alle zusammen solch eine Lieblichkeit bilden können, die atmet, empfindet und friert und Schweiß absondert und unbeirrt berührt zu werden verlangt. Und dass das letztlich stärker sein soll, als das ganze Weh der Nacht.

Die Weichheit der Hüfte war es dann, die Überschüsse am Bauch, die mich nachgiebiger gestimmt hatten, dazu die nicht stumm zu machende Aufforderung, doch zu umarmen. Doch diese ja niemals ganz aufzuhebende Verletzbarkeit machte irgendwann kurz darauf alles nur wieder schlimmer. Die Umarmung begütigte nur kurzfristig. Besser, es sollte weiter weh tun. Nichts wäre je wieder gut.
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