7
Nov
2009

~.~

{Melaten}


schwarze Dame sizilianischer Eröffnung
kleine schwarze Pistole in einer Handtasche samtschwarzer Finsternisse

das Gefolge schwarzer Acht-Zylinder, graphitschwarzes Kammgarns
schwarzes Klebeband über dem Namenschild neben der Klingel die jemand zahllose Male vergeblich ...

schwärzeste Tage des Lebens

Schwarz ohne alles wiederholt die Kellnerin während ihre Augen träumerisch die Stromlinien des schwarzen Ami-Schlittens in der Auffahrt entlangfahren

harrend, schwarzschluckend ein Glanz kalten Teers in der eisigen Sonne
das Gras herum dem frisch ausgehobenen Loch Schwarzerde ist weiß überfroren

 

Blechen

Kleiner Selbstbetrug im Traum


Als der Mann vor mir in seine rechte Hosentasche greift, macht er das mit einer Abfolge von Gesten - einem etwas gewichtig tuenden, mit dem Unterarm erst einmal wie weiten Auslangen zum Aufwerfen der Mantelschöße, bevor er mit einem leichten In-die-Knie-Gehen in die Tiefe seiner Tasche greift -, die ich schon als Kind bei älteren Männern wahrgenommen und als typisch bemerkt zu haben meine; oder es war das seinerzeit eine gewissermaßen autonome, geläufig gewordene Bewegung. Doch führt es mich zu der versuchsweisen Überlegung, dass das Alter eines Menschen derart, mittels beiläufiger Charakteristiken also, immer auch ganz anders zu bestimmen sein müsste, als nur mit der nominellen Anzahl von Lebensjahren. Doch ist die Zeitverhaftheit solcher Gesten wohl zu relativ und zu vielen Zufällen unterworfen; Nachahmungen etwa, ihren unbekannten Gründen, ob bewusst und unbewusst. Doch warum sollte das besser als eine schlichte Altersangabe sein? Ist Habitus nicht zeitlos? Genügte der Hinweis auf seinen Hut? (Und wen interessiert das überhaupt?)

An dieser Stelle hatte sich das etwas trübe Sinnieren auf dem Gang einer Toilette in einem größeren Einkaufszentrum, wo ich, meinen Obulus zu entrichten, beim Hinaustreten kurz warten musste, auch in Wirklichkeit verfranst. Die Worte waren genug verdächtig, nur kam ich nicht darauf. Dafür wird nun der Traum sich seiner selbst bewusst, nämlich wie er eine Sache umgestaltet, die sich etwas anders zugetragen hat, als gälte es, leicht abgewandelt, mir das Moment ihres Anlasses ein weiteres Mal zu signalisieren, um es aufschreibefähiger zu machen, etwas ganz Flüchtiges, wie es tagsüber x-fach passiert und also eher vergessen sein soll: hier stößt es, das Ereignis als sein sich erneuerndes Bemerktsein, während nächtlicher Hirnprozesse auf Modi seiner eigenen Behandlungsroutinen als etwas erneut Projektives, das der Traum mittels eines Anekdotischen - das ich mir ja tatsächlich oft genug als irgendwelches szenisches Beiwerk anderswo zu verwenden notiere -, versuchsweise als Verschiebung usw. entwirft.

Und während ich so immer noch vor mich hinsinnierte, nicht einmal ungeduldig hinter meinem Vordermann, hörte ich im Aufschütteln dann der reichlichen Münzen auf seiner Hand, dass eine davon falsch war.

Spontan trete ich den halben Schritt vor, den es braucht, den Blick des Toilettenmanns mit einem betonten Guten Abend!, auf mich zu ziehen und an dem anderen vorbei meine 50 Cent mit einem deutlichen Laut in den Unterteller zu legen, damit er - den ich niemals im Leben wiedersehen werde - nicht hinterher mich verdächtigt, falls er nun von dem anderen die Blechmarke bekommt.

Während Elisabeth auf dem Gang nach draußen etwas zu mir sagte, war meine Aufmerksamkeit noch nach hinten gerichtet und zugleich auf diesen mich nicht loslassenden falschen Klang (auf den nichts folgte). Verkürzt versuche ich zu schließen: Die bare Münze Schlüssigkeit - und welcher Anteil Blech...? Doch beim zweiten Mal hebt das Lamentieren über den Betrug (dem ich ohne viel Erleichterung für mich entkomme) dann auch wirklich an!

So könnte es gewesen sein, denke ich, wirklich, aber merke, darauf kommt es gar nicht an. Die Vertauschung - die Unterschlagung als ihr Mehrwert - liegt anderswo. Der Traum variierte die Anekdote nur noch einmal als Möglichkeit seiner Erzählung, dazu ein weiteres Mal als deren spekulatives Moment, und im halben Aufwachen darüber weiß ich es dann auch nicht besser, und verwerfe alle drei. Das macht mich auch gegenüber dem Stattgehabten wieder frei. War es so? Mit der ersten Wahrnehmung, der Art und Weise wie der Mann in seine Tasche griff, fange ich wieder an.

 

5
Nov
2009

Opel

Opel-Rekord

 

Naturpessimismus

Das heimische Grönland


Früh gegen Acht steht mit dem Zwielicht der sich durchzukämpfen suchenden Sonne auf einmal ein Regenbogen über der Landschaft! An einem ansonsten trüben Novembermorgen kann der Herbst in seiner Buntheit schon die Helligkeit sein. Aber mit diesem anderen, so unerwartet aufgespreizten Farbspektrum, ergibt beider Zusammenspiel unversehens Grund für ein Verwirrtsein fast. Was zu sehen ist, erscheint den konditionierten Sinnen sehr unwahrscheinlich, und doch ist es da.

Ich wohne jetzt schon ein paar Jahre hier, aber kann mich nicht erinnern, so was zuvor schon mal gesehen zu haben. Es hat etwas Unwirkliches, fast Außerweltliches. (Obwohl dieses Wort an sich Unsinn ist: "Aus dieser Welt können wir nicht fallen, wir sind nun mal darin", konstatierte S. Freud bezogen auf die Sensationen an Innenleben, die uns die Welt manchmal verwandeln. Denn überhaupt geht es vielleicht weniger um die Erscheinungen als um die je ebenso seltsamen Empfänglichkeiten dafür?)

Und warum eigentlich ist die Naturidylle so schlecht angesehen? Wenn man die oft so ideen- wie blutarme Kunst bedenkt, all das Frühveraltetsein der neusten ästhetischen Behauptungen (von den stereotyp bleibenden Errungenschaften der Unterhaltung mal ganz zu schweigen), ergibt sich ein riesiges Missverhältnis zu dem so anstrengungslosen Naturschönen.

(Oder erscheint mir das nur so? Weil es anderen so überflüssig geworden ist, über Natur, über ihre Empfindungen in der Natur, zu sprechen, weil man nur mehr unter Schwierigkeiten darüber spricht? Und ich meine hier nicht die kuranten Beschreibungen, die ja oft das einer nur mehr geschönten, d.h. falschen Literatur geschuldete Klischee ihrer selbst sind. Auch das Sprechen über Natur müsste sich wohl erst mal emanzipieren. Siehe auch das Abfällige über "die Gräser- und Nüssebewisperer" bei Peter Rühmkorf, der - seinerzeit selber naiv - noch an eine empathische Moderne, an unabsehbare Erneuerungskräfte glaubte. In einer sich avanciert gebenden Sammlung wie "Lyrik von jetzt" kommt Natur fast nur noch als sozusagen referenzielle Nennung vor, wodurch gleichsam der Gegenstand seiner Bedeutung nicht gerecht wird, so dass es auch das aufzurufen lyrische Moment ein bisschen anämisch erscheinen lässt.)

Ist es vielleicht, weil die Natur - als Unberührte, Bewahrende, outgesourct eher in die Tropen oder an andere exotische Orte, bei uns kaum mehr als ein Park für unsere Freizeitbegrünung -, als das anderswie doch auch Geistbelebte zu uns schlicht nicht mehr spricht?

Man braucht nicht mal die Konsumvermüllung anzuführen, um zu ahnen, dass auch unsere angeblich erste Errungenschaft, die Kultur, längst ähnlich vermüllt ist, nichts-sagender wird, doch haben wir mittels ihrer unser Außen zum Teil schon ausgetrieben. So "reisen" wir wie Getriebene zu den Kunst-Orten anderswohin auf der Welt, um auch sie noch konsumistisch einzugemeinden. Selbst zum Trostort scheint der Stumpf Natur für viele nicht mehr zu taugen; sie gebrauchen ihn höchstens noch als verkitschtes Ziergartenareal, zum Hundeausführen oder zum Entsorgen ihrer leeren Autobatterien. - Naturpessimist! - wäre das nicht ein schönes Schimpfwort für Ökos?


Die Nacht muss es lange geregnet haben, denn eines der Häuser gegenüber ist wie vollgesogen mit Nässe und hat sein helles Steingrau in ein mittleres Braun gewechselt, so dass noch die erstere Verwandlung dem Morgen sogar noch in solch etwas Nichtigem so was wie eine zusätzliche Tönung jener Andersartigkeit gibt, die etwas Utopisches anklingen lassen kann: Der bessere Ort (wie bei Büchner), wo wäre er noch zu finden? Er scheint auf in Dämmerungsstunden oder manchmal als seltsamer Vorschein in einem ungewöhnlichen Himmelslicht.

Mit einer Verschränkung gleichsam des anders-lichten Grüns sowohl aus der Himmelserscheinung wie dem der restlichen Blätter an einer schütteren Birke vor diesem Waschbetonhaus, gewinnt es, dieses Grün, schon fast wieder etwas Juveniles. Und längst hat ja auch der November etwas Frühlingshaftes, hat jede Jahreszeit ein Vermögen zu ihrer Überschreitung. Warum sonst wollen immer mehr Leute jetzt die Eismeere befahren, zumindest bald mal nach Grönland? Grüner wird's noch. Grüner ist es anderwo.

Für ein paar lange Minuten jedenfalls noch steht bis weit hin zum Fluss ein irgendwie gesondertes, heikles, über sich selber zu schwanken scheinendes Nachregenlicht. Dann zieht es sich endlich wieder zu.

 

31
Okt
2009

Nachtgestalten

Kleine Rekursion


Bewegungslos unter einem der gerade spektakulär ins Hellichte verlodernden Rotdorne steht ein Kind in einem Anorak - sogar mit der Kapuze über dem Kopf -, und ein Mann schüttelt ihm den Baum, damit es einmal fast minutenlang nur diese wunderfarbigen Blätter regnet.

Wohl über dieser Anmutung einer kleinen Zeitenthobenheit fällt es mir wieder ein: Vielleicht war es gar nicht das Vollmondlicht, als ich heut Nacht einmal kurz rausgesehen hatte; diese Helligkeit an der Hausecke muss hergerührt haben von den Streuherden an Gelb der die Straße knöcheltief übersähenden Blätter. Autos waren keine mehr gefahren, doch muss gerade eine dieser Verwehungen im Gange gewesen sein, die diese Haufen um und umformen.

Und es hatte jemand an dem Fußgängerüberweg da standen. Ein paar lange Momente hatte er auf die leer schaltenden Ampellichter ihm gegenüber gesehen, gewartet auf weiter nichts. Eine dunkle Figur mit den Händen tief in den Taschen. Oder der Schwarzglanz des Materials seiner Allwetterjacke will mir noch mal erscheinen. Und fast ist es, als schliefe ich über diesem zweiten Bild, jetzt am Vormittag, noch mal kurz ein.

 

30
Okt
2009

near missus

Fast


Freitagnachmittag in der Schlange an einer ALDI-Kasse. Ich deponiere zwei Flaschen "Veuve Monsigny" und die paar Luxus-Kleinigkeiten des kleinen Mannes auf's Band.

Die junge Frau vor mir, gekleidet ganz in schwarz, die wach wirkt und schrittweise vorrückt, lässt ihre Augen flüchtig über meine Einkäufe schweifen und legt einen Kassentrenner hinter ihre eigenen Sachen. Dann lächelt sie mich einmal sehr ausdrücklich an. Artig bedanke ich mich für ihre Umsicht und lächele zurück, während die Frau hinter mir - etwas älter, ebenfalls ganz in schwarz gekleidet, nur offensichtlich viel teurer - umgehend empfiehlt, doch bitte die Flaschen hinzulegen, sie hätte es schon einmal erlebt, wie eine runtergefallen sei und explodierte. Das Wort erzeugt sofort Aufmerksamkeit unter den Umstehenden und wirkt auf die in Langweile Gebannten wie ein falsches Signal. Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren!

Ich befolge den Rat, doch als ich diese zweite Frau aus Höflichkeit zumindest einmal kurz ansehen will, irritiert mich etwas. Es ist wie die Befremdlichkeit über etwas an Gesichtsausdruck, von dem man annimmt, dass ihn eine Frau sonst nicht so bald und sicher auch nicht jedermann zeigt. Und sie scheint geradezu gespannt auf meine Reaktion!

Überrumpelt, bin ich ein noch netterer junger Mann und bedanke mich ein weiteres Mal für so viel Zuvorkommenheit. Und auf einmal kommt mir die Idee, dass sie mir zuteil wird, weil die beiden Frauen meine Einkäufe, zumindest den Champagner, anscheinend als Beiwerk für etwas Besonderes, für mindestens ein amouröses Wochenende lesen - etwas, das auch ihnen einmal wieder gefallen könnte. Beide lächeln sie wirklich sehr ausdrücklich und fast fühle ich mich durch derart viel Beifälligkeit ein wenig herabgemindert in meiner Fragwürdigkeit als doch stets das von Frauen nur mutmaßlich Erwartbare suchender Mann. Mittlerweile geht es endlich wieder ein Stück vorwärts...

Die jüngere Frau dreht sich nach der Verabschiedung an der Kasse dann extra noch einmal zu mir um und wünscht mir ein schönes Wochenende, und das mit einem Lächeln, welches mich unter anderen Umständen wohl ziemlich perplex hätte dastehen lassen. Doch beeile ich mich zu der Geläufigkeit, ihr dasselbe zu wünschen und bilde mir ein, das mein Versuch zu einem tiefen, zumindest als offensiv zu verstehenden Blick zurück, mir gut gelingt. Und könnten nicht alle Menschen immer um ein solches Mindestbeglücktsein voneinander scheiden?

Die Kassiererin, die sonst niemanden eines Blickes würdigt, schaut mich, als ich meinen Schein überreiche, kurz mit einem zur Seite geneigten Kopf an als wollte sie sagen: Du Idiot! Doch lächelt sie auch sie dann - fast.

Und in jedem Fall drehe ich mich dann im Gehen auch noch kurz zu der anderen um und nicke ihr einmal zu. Sie hat die Lippen vorgestülpt und es kommt mir vor, als mischte sich das Wohlgefällige auf ihrem Gesicht aus zugleich so etwas wie Verruchtheit und Mütterlichkeit. Fast stolpere ich hinaus und fühle mit beobachtet bei jedem Klirren der Flaschen. Und fast rammt mich jemand mit einem dieser völlig überdimensionerten Einkaufswagen, den er kaum navigieren kann, und fast beruhigend holt mich die gewöhnliche Freitagshektik wieder ein.

 

Tagebuch des Voyeurs

Ein Relief


In dem Zimmer neben dem Balkon der alten Frau K., dem Raum, der in den meisten anderen Wohnungen des Hauses die Küche ist und in dem auf Höhe der Frau K. stets die Rollläden runter sind, sind sie auf einmal aufgezogen - und eine Person, die ich vorher noch nie gesehen habe, bewegt sich umher.

Was unten geblieben ist, ist der Sonnenschutz vor dem Fenster, ein weitmaschiges Gaze, das dennoch viel Licht schluckt, aber auch einen besonderen Effekt macht, indem es die Geschehen in diesen Zimmern auf eine besondere Art weichzeichnet und hier nun, mit dem tagesfrühen jahresspäten Licht, fast so etwas wie einen Sepiaton darüber legt.

Die Person dort wirft eine Bettdecke auf um sie kurz auszuschlagen und glatt zu ziehen. Dann streift sie ihren Morgenmantel ab, greift in die Fächer eines Schranks links, besieht sich in dem ebenfalls dort angebrachten Wandspiegel, den ich nicht einsehen kann, während sie eine Hose anzieht, einen BH, einen Pullover überstreift, und wendet sich kaum ein paar mal in ihrem Kontrollblick, dann auch ohne noch etwas zu ändern. Mit je zwei Handbewegungen an jeder ihrer Kopfseiten streicht sie ihre Haare glatt und verlässt das Zimmer. (Und im Nachklang erinnert mich das jetzt eher an Gesten aus Filmen, von sich dahingehend stilisierenden Helden, und damit an Bewegungen also, die man für andere macht.)

Wieder einmal ist es nicht die Tatsache des Unbekleidetseins einer Frau, die mich interessiert - oder auch nur überrascht -, sondern die ihres Vorkommens, wo es sie vorher nie gab. Und ich merke daran, wie ich das, weswegen ich diese Übung ursprünglich mal anfing - nämlich mich zum Beobachter des eher Nichtigen zu machen, indem ich mich morgendlich für meine andere Schreibarbeit kurz auf ein gewisses Level an Genauigkeit justiere -, wie ich auch durch sämtliche Routinen diese bestimmte Aufmerksamkeit nicht dauerhaft halten kann, wenn ich sie einerseits nicht trainiere, wenn ich ihr andererseits aber auch nicht genug Schwankungsbreite zugestehe. Die richtige Balance zwischen Erarbeitung und Eingebung ist per se nie gegeben. Sie zu finden - sie erst herzustellen - hört niemals auf.

Insofern ist es inzwischen sogar schon die Weise der Überraschung, die sich wiederholt, die aber immer noch keine Beständigkeit erlaubt. Anscheinend bleibt das bezeichnende Detail für immer den Annäherungen der mittels ihm erst möglichen Präzisionen voraus. Und damit kann auch die Beschreibung sich niemals völlig erschöpfen. Was wiederum genug Grund für neuere Versuche dahin gibt. Es gilt, einem Gedanken, den man nicht kennt, voraus zu sein mit einem anderen, den man gleichfalls nicht kennt. (Jörg Läderach) Besser habe ich es bisher nirgends ausgedrückt gefunden. Und erst hier könnte sich eine Art des richtigen Schreibens ereignen.

Dieses neue, mir unerwartet aufgetane Zimmerinnere wird dann aber bald wieder von seinem eigenen Dunkel verschluckt. Und doch - und ich glaube, ich hatte auch diese Phantasie schon einmal -: Würde man heraus einer Sequenz von Fotos die im Wandern der Lichtbahn jeweils gerade hell herausgestellten Partien in den Zimmern übereinanderlegen, müsste sich eine ausreichende Plastizität ergeben, diese so mich eher nur im Nebenbei interessierenden Räume gleichsam doch auch in ihrer Tiefe zu begehen, zumindest in derart detailreicher Auflösung, dass man sie auch einmal ausreichend genau beschreiben könnte (und sei es nur, um sich dann für immer von ihnen abzuwenden). Und alles, was in einem gespeichert ist, kann auch zum sofortigen Handlunsgraum für alles andere werden.

Womit zumindest die Notwendigkeit für viele der Bilder entfiele. Und es setzte sich so etwas wie ein Vorrang der Beschreibung, den ich in einer Parallelaktion gleichsam mit meinen Fotoblicken selber unterlaufe, wieder instand. Die Vision ist: Das so latent um seine Fiktionen angereicherte, mittels ihnen aber auch verunsicherte Sehen, wäre anderswie wieder frei. Und das womöglich in einem Blick, der nichts mehr zu lesen verlangte. Nicht mehr jedenfalls, als sich da tatsächlich zeigte.

Von hier aus wieder zurück zu der Frage: Was wäre dann das?

 

29
Okt
2009

Tagebuch des Voyeurs

Mieter


Nach dem Auszug von Sinatra - der dem Tableau mit seinem Nacktsein in der kahlen, uneingerichtet gebliebenen Bude, manchmal etwas sozusagen Existenzielles hinzugefügt hatte - folgt nun eine längere Sequenz mit Gemütlichkeit: mit W., einem älteren Mann, der nun anscheinend allein da im Parterre direkt oberhalb eines Garagendachs lebt, unter dem es nur morgens und abends mal eine Bewegung gibt. In solchen verbauten Wohnungen ist man um so mehr bei sich.

Er ist ein großgewachsener, etwas schwerer Mann, rüstig, sagt man in solchen Fällen, glaube ich, und fast scheint er in seiner Körperlichkeit für die zwei Zimmerchen ein bisschen überdimensioniert. Den Morgen verbringt er in einem ans Fenster gerückten Sessel, so dass zumindest das morgendlich ein bisschen schwache Licht auf seine ausgebreiteten Zeitungsseiten fällt. Und auf einmal erinnert es sich in meinem Körper an dieses Raumgreifende, an gleichsam die Inbesitznahme einer Mußezeit auch, an die Wohligkeiten nämlich eigener früherer Zeitungslektüren, die ich irgendwann eingestellt habe, teils aus Mangel eben an solcher Zeit, teils, weil dann eh alles online zu finden war; ich hänge eher selten an "guten alten" Dingen und habe mir außerdem ein paar andere Mußeübungen erhalten, aber plötzlich erscheint mir der Verzicht auf solche Art Langsamkeit und Ausführlichkeit am Tag als ein Verlust. Und ich bin mal wieder selber dran schuld.

Er, hinter seinem von der Sonne gewärmten Fensterglas, liest in der "Rheinischen Post", nimmt in seit je intuitiv automatisiert scheinenden Abständen währenddessen seine Schlucke Kaffee und blättert sich dann weiter. Die Überschriften kann ich nicht lesen, aber erkenne die Rubriken, Sport, Aus der Region, Aus aller Welt. Heißt es so? Kann man glauben, dass ein Tag im Leben auch so verlaufen kann? Mit allen Wundern und Abwegigkeiten der Welt, die draußen bleiben? Es scheint ein Rest autonome Unruhe in ihm, und so steht er zwischendurch immer wieder auf, um etwas in einem Schrank umzuräumen, das Infragekommen eines modern gerahmten Bildes für eine Wand zu betrachten, eine Verschlagtür neben dem Badezimmer auf und zu zu ziehen, hinter der anscheinend die sperrigeren und unausgepackten Kisten vom Umzug erst einmal deponiert sind. Dann setzt er sich wieder hin.

Es muss düster sein da unten, wenn die Sonne nicht auf dem Fenster steht. Immerhin ist es still. Und über diese Blickumlenkung wird mir wieder einmal klar, wie sehr ein Ausblick wie bei mir oben einem vielleicht jenes innere Moment an Weiträumigkeit erlaubt, das auch dem marginalen Gedanken einen Spielraum zugesteht, einem vielleicht sogar dieses winzige, aber entscheidende Mehr an Einflüsterungen, vielleicht gar an Sonderlichkeit dahin gibt, das einen mit jenem bisschen Innenleben belohnt, über dem die Zeit vergeht und mit dem Aufgehobensein darin als Ausgleich für solcherart Ruhestandsleben gelten kann. Und einen sich in jedem Fall etwas weniger beengt fühlen lässt, wenn einem das Leben an etwas trüben Herbstmorgen manchmal als Stillstand oder gar Eingesperrtsein erscheint.

Doch hellt es sich ja weiter auf. Und ich bemerke, wie ich ihn gleichsam erst einmal umkreise, ihn vorsichtig fotographiere, das neue Wild nicht allzu früh verscheuchen will, indem ich sein Gesicht - seine wache Nachdenklichkeit, seine offensichtlich schon gewonnene Umsicht in dem kleinen Zimmer - nicht allzubald zu kenntlich werden lassen will. So nehme ich ihn vielmehr hart angeschnitten von einer dieser offen stehenden Schranktüren auf, wenn nur das Rautenmuster seines Pullovers in die Lichtzone ragt; oder wie er einem Schluck aus seiner Kaffeetasse nachsinnt und der Fensterkreuzbalken einen Schatten quer über seinen Augen liegt. Man könnte seine immer wieder eingelegten Pausen auch als Vergewisserungen, als Einübungen lesen. Und sie wäre ja auch nur etwas, in dem alle Mieter sich wieder-finden, es gehörte einem Einzelnen nicht.

Und sowieso ist er ja für den fernen Beobachter erst mal nur die personale Repräsentation eines Menschen in einem Zimmer. Und fast überlege ich, wie ich zu seinen Gunsten lieber die falschen Anmutungen zu vermeiden helfen kann, die, die die Fotos zu sehr zu Bildern von einem Entrücktsein von der Welt, sogar von Einsamkeit werden lassen könnten. Alle leben doch immer auch ein Stück weit neben dem Alltag, und machen ihn, in ihrem Absehen davon sowie ihrem eigenen Unbeachtetsein darin, zugleich aus. Schon vor Längerem wurde mir klar, dass es mir genügen müsste, etwas vom Unscheinbarsten daraus einzufangen, vom Unbedeutsamsten etwas, das selber nicht eigens überdauern muss. Es sprächen die Jahre später gefundenden Bildfolgen dann ausschließlich für sich, gewissermaßen über ihrem sofortigen Vergessen, über die Abstände nicht nur der Zeit erst nach und nach kaum merklich angereichert mit einem Rätsel, das wiederum in der Nichtswürdigkeit gründete. Und es wäre eben das die Erleichterung, dieses Nichts-Verlangen als das Anerkennen, das einer dem anderen nicht ganz abschlagen kann.

Vielen Dank!
Ja, ich ahne es: immer gegen den Winter hin, hat mein Leben von außen gesehen wohl selber manchmal etwas von dem eines alten Mannes. Ja, ich übe mich schon mal darin, einmal ganz im Glück, einmal ganz in Ruhe gelassen zu sein. Und vielleicht lese ich dann auch wieder für mich weiter nicht relevante Meldungen. Es ginge mich die Welt dann vollends nur noch aus der Ferne, nur mehr in ihren allergeringsten Anlässen zur Verwunderung an.

Kann sein, auch von daher suche ich schon jetzt eher diejenigen Momente, wo jeder Mensch, der bei sich ist, Präsenz erlangt gleichsam ohne sich, indem ich ihn in seiner Selbstverlorenheit einzufangen versuche, in der jeder in einem von ihm selber nicht bemerkten Freigelassensein agiert, in der er wieder anfänglich erscheint und fast schön.

Und so, rede ich mir ein, unterstütze ich ihn gewissermaßen, den neuen Mieter, wenn auch unerkannt, begrüße und billige ich ihn bei seinen ersten Vormittagen in neuer, wenn auch nur marginale Entdeckungen verheißenden Umgebung. Und stärke mich selbst mit den paar Minuten am Tag, da ich mir meine Abschweifungen erlaube.

Und weiter hellt es sich auf und das Wetter scheint freundlich zu bleiben. Er wird dann irgendwann fertig sein mit seinen Einräumarbeiten, wenn das Zimmer schon längst im Schatten liegt. Und ich, der durchaus Einverstandene an seinem Fenster weit ab, kann mich endlich mit meinen eigenen, helleren Dingen befassen.

 

27
Okt
2009

Günter Brus

Das Genie, das Komplexe einfach zu sagen - immer werde ich darauf neidisch sein:

"Ich trage, wo ich gehe und stehe stets einen Nabel bei mir. Wohin die Schnur mich leitet, der Nabel zeigt es mir." (Günter Brus)

 

26
Okt
2009

Casino Royale

Casino Royale
Wie die Welt heute so ist und warum.


Vor x Jahren warf ein Spaßverderber in der Runde mal die Frage auf, ob James Bond eigentlich faschistisch sei. Ich meine mich zu erinnern, dass ich damals, da ich noch auf der Seite der Hedonisten sein wollte, ein bisschen kleinlich fand.

Andererseits: Diese Fokussierung auf einen Helden, der rücksichtslos für ein angeblich "höheres" Ziel (Verblendung) und "in höherem Auftrag" (Hörigkeit einer illegitimen Autorität) straflos beliebig Menschen tötet, sie ausschaltet mit einem Ellbogenschlag, ohne einmal hinzusehen, das schien nun wirklich nicht mehr ein tief im Menschen angelegtes archaisches Muster (die klassische Heldenerzählung à la Odysseus) zu bedienen, sondern einfach nur noch den sozialen Rambo zu inszenieren, das Überleben des Stärkeren, der über Leichen geht. Der gute alte Allmachtswahn, der in jedermann steckt. Ist Allmacht faschistisch? Ist sie nicht was Göttliches?

Ja ja, die gute alte, sich humanistisch dünkende Kritik. Dann wurde sie nach und nach feministischer, dann eher semiotisch, schließlich poststrukturalistischer, dann... egal. Wie müde wir damals schon waren, statt uns einfach an ein bisschen gut gemachtem Schund noch freuen zu können! Und außerdem: Anderen sozialen Helden - Unternehmern und Aufsteigern - kommt es sehr wohl immer noch auf ihre ureigensten, also letztlich doch gesellschaftliche Ziele an: Sie bringen uns schließlich alle voran, das sagt sogar die FDP! Man sollte als kleinlicher Verweigerer also zumindest nirgends im Wege stehen, wenn sich so jemand Erfolgsgieriger "verwirklicht".

Klar, die zielgebenden Trivialmythen lassen sich immer auch als Träume kleiner Jungs abtun, die über die Größe ihres Geschlechtsorgange im Zweifel sind. Und außerdem ist so ein Film ja nur ein modernes Märchen aus Überbietungsschlachten, darin auch die show-ästhetischen Ziele immer höher gesteckt werden müssen, ein Geschäft: Man steckt mehr rein um mehr rausholen zu können, und der Zuschauer bekommt einen realen Mehrwert. Sinnvoller als die währenddessen verspeiste Tüte Popkorn muss das nicht sein.

Doch jetzt - globale Finanzkrise! - spielt James Bond auch noch um Millionen und gibt in all dem Rausch lustvoller Bilder von Menschen- & Materialzerstörung auch noch den Casino-Zocker, der unglaublichen Summen setzt! Sollte er also nicht doch unser aller, also ein gesellschaftliches Leitbild sein, und ernster genommen werden?

Schon immer sind Unterhaltungsfilme ja als aktuell "politisch" aufgeladene Statements gelesen worden - als steckte nicht in jeder Sache auch ihre Befragbarkeit in sämtliche Richtungen, als steckte nicht in jedem Erwachsenen auch das nach Omnipotenz gierende Kind. Das alles wäre beliebig erweiterbar bis zu einem Gleichnis aufs Leben. - Ich hätte ja jederzeit aufstehen und gehen können und mir selber nicht den Spaß, den Abend zu verderben.

Ich habe ja eigentlich aufgehört ins Kino zu gehen, erinnerte mich aber an die seinerzeit nicht mal schlechten Kritiken und ließ mich, eigentlich nur zu einem Kurzbesuch bei jemandem, breitschlagen, den Film anzusehen. Und wie erschlagen von all dem Getöse wusste ich auf einmal nicht, wie ich mich danach fühlen sollte. Für jemanden wie mich, ist so was dann immer irgendwie vertane Zeit. Aber ebenso bin ich manchmal auch ihrer müde, meinem Widerstand gegen diese Dinge, meiner reflexhaften Art von Unerreichbarkeit. Wieso kann ich sie nicht einfach mal annehmen?

Was mir auffiel, war das rasant körperliche Element. Nicht die unvermeidlichen Kampfszenen und die für mich immer nur langweiligen Verfolgungsjagden, sondern das instinktsichere, sozusagen intuitiv automatisierte Handeln des Helden, eine Abfolge kaum noch menschlicher Verhaltenweisen, die stets augenblicklich komplexe Situationen erfassen und ohne Zögern die nötigen, die zwangsläufig richtigen Schlüsse ziehen. Ein Rausch der Effizienz - und ein Maschine-Gewordensein, in dem etwas Fatales steckt: der Übermensch als ein Programm, als ein Nietzsche des Computerspiels. (Mittels dessen eine gewisse technisch geprägte Industrie sich angeblich mittlerweile sogar ihre maskulinen Adepten züchtigt, das Ballerspiel als Ausleseweg, als neue Kulturtechnik erscheinen lasse.)

Und zugleich erscheint der Held hier erstmals als Verächter all dessen, was doch erreichbar wäre. Erlesenste Exklusivitäten, überirdisch schöne Frauen, die ganze Hölle des Aufzubietenden als Alptraum einer wahr gewordenen Werbeperfektion - und doch kann man sie nur geringschätzen. Zum ersten Mal, soweit ich sehe, zeigen sich auch bei diesem Helden dieser fast schon existenzielle Ekel, die Schwärze der Negation, der Widerwillen vor den zu ihrer Verwirklichung gekommenen scheinhaften Glanzdingen der Welt. Nur maskiert er es sich mit immer noch mit "Zielen", den diesen Rasanzlauf an Bewegung initiierenden Targets ebenso wie Sinnüberbauten, um sich durch all diese Verstelltheiten hindurch zu bewegen, gleichsam embedded - das langweilige Böse, es muss eben immer noch bekämpft werden -, als die Perpetuierung im Hindernisrennen einer längst schon geahnten Sinnlosigkeit. Das schien mir das Moderne an diesem Film. Und brachte mich zu der Frage: Die erstere Odyssee als Fortsetzungsserie - würden wir sie heute noch lesen? Was brauchte sie anderes? Schauten wir sie uns noch an?

Denn das Böse ist ja heute manchmal nur noch die Überkomplexität der Verhältnisse. Zwar treten deren Verkörperungen immer noch mit fiesen Visagen auf, vertreten aber schon keine Prinzipien mehr: Sie wollen eben auch nur mitmischen und dann, bitteschön, ein bisschen mehr Geld rausschlagen und "gewinnen", ein Warum braucht es da nicht mehr. (Früher standen die Antipoden noch für das ewig Dunkle, wollten die Gegenspieler des Doppel-Null-Agenten wenigstens noch "die Weltherrschaft" - als ob das nicht ein Vollzeitjob mit viel zu viel Arbeit und weniger Urlaub gewesen wäre! Warum dann noch Gangster sein?)

Und da scheint dann diese einsame Robotertype des Helden auf einmal den Jedermann-Menschen ein bisschen gleicher zu werden, den Beladenen mit schnauzenden Vorgesetzten, mit ein bisschen Badeurlaub und einem dochirgendwie unsicheren Jobs mit Gegenspielern auch auf der eigenen Seite, all dem, was es auch in gehalts-zahlenden Firmen gibt. Und ich frage mich: Ist das jetzt zumindest modern an einem solchen Film?

Wahrscheinlich bin ich aber nur selber etwas altmodisch, und es ist wohl schon seltsam genug sich eingestehen zu müssen, dass mir solche Filme noch nie gefallen haben, und das nicht mal wg. möglicher ideologischer Verdächte. Anscheinend bin ich zu weit weg von den etwas simplen Genüssen männlicher Effizienz, von der Motorik und all dem Peng!Peng! Und ich will auch nicht manipuliert werden mit filmbild-beschleunigtem Herzschlag, mir ist diese Spannung lästig, die ganze action hält die Geschichte irgendwie nur auf, wenn man schon weiß, dass der Held ja doch überleben wird. Also worum geht's, bitte?

Spielverderber! Ich weiß selber, ich sollte mir solche Schmarren überhaupt nicht mehr ansehen, um nicht denen die Laune zu verderben, die sich von so was noch unterhalten fühlen. Aber diese Dimension des Weggeworfenseins bei all dem sinnlosen Zuviel, des nihilistischen Überflusses, dieses Fokussiertsein auf die eine Sache (Schalte deinen Gegner aus! Gewinne! Das Spiel ist schon Sinn genug!), das findet man ja sowohl im Alltag wie auch unter den Akteuren der großen Erzählungen (Politik, Wirtschaft) auch. Und in dem zutiefst Irrationalen der getriebenen Figuren bewahrte sich dann sozusagen, in deren Nachtseite, auch das Menschliche. Und das Ausgelagertsein solcher Heldendispositionen, die man also nur für sich adaptieren muss, das outsourcing von Gewalt und schierer Zerstörungslust in jedermann unter dem gesellschaftlichen Druck, ist dann vielleicht selber wiederum eine gemeinschaftsbildende Funktion, die den sozialen Hooligan erspart und seine negativen Kräfte bindet.

Doch wieviele heimlichen Phantasmen der Mehrheiten liegen in solchen Trivialmythen? Und ließen sich nicht von daher die untergründigen Bewegungen innerhalb einer Gesellschaft tatsächlich wesentlich bestimmen?

Ach was. Zuletzt geht es anscheinend doch wieder nur um Maskulinität, um die Ungebrochenheit des Helden, es geht um Überhöhungen und die kleinen Partizipationen des zuschauenden Selbsts. Und der Witz ist, es werden auch diese von einer Penelope, von einer Frau also bestimmt: "Wenn von dir nur noch dein Lächeln und ein kleiner Finger übrig wäre, wäre das immer noch mehr Männlichkeit... ". Wahrscheinlich verstehe ich alles ganz falsch, aber das schien mir wirklich der zentrale Satz in dem Film. Und das ist sicher ein Satz, wie ihn Männer von Frauen hören möchten. Und was die Zuschauer vielleicht eigentlich für sich ersehnen, sind Situationen, in denen ein solcher Satz gesagt werden darf und möglichst nicht allzu albern klingt. Und hier enthüllt das Trivialkino dann auch seinen heimlichen Traum von Dante oder Shakespeare.

Und so ist dann auch solch ein Satz nur seine Übersteigerung wie irgendein beliebiger, gut getimter Stunt, der in der Wirklichkeit auch niemals so klappen würde. Aber wir wollen ihn sehen: Wir wollen an das Unwahrscheinliche, wir wollen an die mögliche Übersteigerung unserer kläglichen Selbste glauben. Wir wollen Gorgo, den Wurm, und die kimmerischen Männer besiegen. Wir wollen die Sirenen hören. Wir wollen die Begegnung mit einem Ausnahmezustand, mit einem Höheren, das auch uns erhöht. Wir wollen streben. Wir wollen die gute alte Gottgleichheit. Ich glaube wirklich, deshalb werden solche Filme gemacht.

 



Nachtrag, 17Uhr06:
Ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil: Wenn man die nachfolgend aus spiegel-online übernommenen Interviewsätze mit David Simon, einem amerikanischen TV-Serienschreiber liest, kann man zu dem Schluss kommen, dass sehr wohl die Populärformen die eigentlichen "Überbringer der Nachrichten" sind, dass sie ein Fazit aus dem Durcheinander der Welt ziehen können, das die als "Nachrichten" täglich kolportierten Meldungen nicht mehr bieten:


SPIEGEL ONLINE: Eine historische Bestandsaufnahme der US-Gesellschaft?
Simon: Eher ein soziologisches Projekt. Wir versuchen, zu erklären, warum die Dinge sind, wie sie sind, und warum sie eher schlechter als besser zu werden scheinen.

SPIEGEL ONLINE: Warum, glauben Sie, ist das so?
Simon: Dank ungebremstem Kapitalismus. Er ist eine brauchbare wirtschaftliche Kraft, aber kein Rahmen für eine irgendwie gerechte oder zusammenhängende Gesellschaft. Man hat ihn hier in den Staaten als soziales Instrument missverstanden. Seit 1980 hat man in fast jedem Bereich der US-amerikanischen Gesellschaft dem Kapitalismus gehuldigt und erlaubt, dass Profit das Maß aller Dinge ist - ungeachtet der sozialen Kosten. Die Banken, die Autoindustrie, die Zeitungsbranche sind dem zum Opfer gefallen, es gibt keine Industrie in den USA, die nicht vom Streben nach unverzüglichem Profit ausgehöhlt wurde. Dieses Streben hat das politische System so korrumpiert, dass Reform unmöglich ist. Aber wenn Profit nicht im Rahmen der gesellschaftlichen Gesundheit gemäßigt wird, dann endet man in einem Szenario, in dem ganze Klassen von Menschen überflüssig werden und sich eine eigene Existenz außerhalb der Gesellschaftsstrukturen schaffen - im Drogenhandel zum Beispiel.

(Hervorhebung von mir)

 

25
Okt
2009

Die Logik des Zufalls

Drei mögliche Anfänge zu derselben Geschichte


Ein 50 Euro-Schein in dem schmalsten Fach einer großen, abgegriffenen Männerbrieftasche - und sie muss schon seit Stunden da auf der Straße gelegen haben. In einem der Sichtfächer steckt noch ein roter Zettel mit einem Termin für den 29. August 2008; der liegt jetzt mehr als ein Jahr zurück. Es ist aber kein Terminzettel, wie sie Ärzte sonst ausgeben, gesponsert von einem Pharmaunternehmen, auf dem die Wochentage in einem Kästchenaufdruck schon vorgegeben sind und am Empfang machen sie einem dann nur noch ein entsprechendes Kreuz und krakeln in den Kasten daneben die Uhrzeit. Es ist ein gewöhnlicher Abrisszettel wie sie von so einem Notizquaderblock gerissen werden; der Stempel des Arztes allerdings, "Allgemeinmedizin", darunter die Adresse in einem ziemlich weit südlichen gelegenen Stadtteil, sie sind echt. Ich war da schon mal, wegen einer lange zurückliegenden Sache mit Damira. In den einschlägigen Filmen heißt es dazu: Ein Arzt der keine Fragen stellt. Doch auch der neben dem Datum ebenfalls handschriftliche Name ist mir gut bekannt. Und er ist zu selten, als dass mir das nicht zu denken hätte geben sollen. Und im selben Moment geht mir auch auf, dass ich mit dem neuen, bisher niemals gefalteten Geldschein und der Brieftasche ja auch einen ausreichend guten Grund für Erkundigungen vorzuweisen habe. Gleich am nächsten Tag will ich hin.

***

Ich hätte sie so oder so verkauft, aber ein Mittelsmann hatte sich meine Sammlung von Pässen, noch gültigen Krankenversicherungs- und Kreditkarten erst einmal ansehen wollen um über ihren Wert zu verhandeln. Doch als ich in die Scheurenstraße einbog, merkte ich gleich, dass etwas nicht stimmte. Bei einer Razzia weiß man nie - es kann sich auch um eine gezielte Suche nach jemandem Bestimmten handeln, und man kann seinen eigenen Zwecken nachgehen und nichts davon geht was einen an. Aber dazu waren es einfach zu viele dunkle Autos, die da in einer dichten Aufeinanderreihung parkten. Und selbst die Typen in den nach außen eher ignoranten Sexschuppen hatten etwas mitgekriegt, standen in den Türen und zeigten ihre Visagen und hielten Ausschau nach dem, was da lief.

Sofort hatte ich von mir selber den Eindruck, ich führte eine kurze Komödie auf, als ich in das Eckkiosk eintrat und der Jugo mich ansah und ich zerstreut tat, als hätte ich mein Verlangen, mein Geld oder den Einkaufszettel vergessen, um, nach einer kurzen Pantomime mit den Händen in meinen Taschen, wieder raus und die Adersstraße hoch zu gehen und den Blick nicht mehr zurück zu wenden. Der Geldschein, die Papiere in meinen Tache waren echt, ein Selbstmissverständnis bringt einen meist weiter als eine abklopfbare Legende. Ich dachte, das würde noch ein guter Tag.

***

Sie kamen zu zweit und waren nicht uniformiert und es gab gar kein Diskutieren: da ich mich auch nicht ausweisen konnte, musste ich mit. Fieberhaft überlegte ich, wie ich die Geldziehung an dem Automaten vor fast einer Woche und ihr angebliches Ungenutztgebliebensein erklären sollte - aber ich hatte ja auch noch eine Autofahrt lang Zeit. Und vielleicht war es am besten, wie so oft, erst gar keine Erklärung zu liefern: Das erkundende Gehirn, mutmaßlich dahin trainiert, in mutmaßlich weniger Stress, findet vielleicht eine bessere? Und müsste man heute nicht eh daran gewöhnt sein, das Unwahrscheinliche nicht mehr auszuschließen? Nur in den Erklärungshorizonten von Krimikonstruktionen, gebunden an ihr eigenes Illusionäres, nämlich ihrer Logik, geht immer alles auf. Im Leben geht oft gar nichts auf. Und ich dachte an das Kleine zuhause in seinem Bettchen und wie Geld weniger wird, wo Menschen sich vermehren. Wenn man sich nicht erinnert, kann man sich auch nicht in Widersprüche verstricken.

Einmal hatte ich aus einer Laune heraus die hübsche Kassiererin gefragt, ob ihr schon mal eine Fälschung untergekommen war, als sie meinen Schein kurz in das Sichtgerät hielt, das sie alarmieren sollte im Falle dass. Sie hatte verneint und gelacht und ich war kurz versucht gewesen, ihr eine herzliche Komplizenschaft anzutragen, aber da war das übliche Gedränge hinter mir gewesen und so merkte mir ich nur ihr Gesicht. Ihr Tschüüß war mir melodiöser und etwas mundgespitzter vorgekommen als bei den Leuten vor mir und so war mir das alles noch auch nach mehr als einem Jahr noch präsent.

Und jetzt half es mir ein weiteres Mal, und zwar zu dem guten Glauben, dass ich heil da raus kommen würde. Sie müssten mich nur erst mal für einen Unbedarften halten. Sonst wäre der für sie glückliche Zufallsfund diesmal ich.

 
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