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20
Nov
2009

Das Model(l)

        Das Model(l)


make up - not love
stiller Wehfluss streunendes Begehren
und die soldatischen Frauen knallen ihre Absätze noch in meinem lindesten Traum...


shooting Schadow-Arkaden: Sie ist ein Model und sie sieht gut aus -
ja, dachte ich, selber mit jedem Slogan dessen simple Verdopplung:
das reicht schon für eine Wahrheit in unserer kleinen Stadt

Transformation des vergänglichen Körpers ins ewige Bild
eine dieser selbstkruzifizierten Schönen wie in Frischhaltefolie stand sie gewickelt
nippend am gefilterten Leistungs-Wasser von Assistentinnen geführt
nichts wollte ich von ihr wissen
fast wollte ich lieber wegsehen so bedürftig sah sie aus -
und das mitten in dem überladenen Wahnsinn eines verfrüht weihnachtlichen Einkaufszentrums

doch schien da etwas verdreht an ihr
an den anagrammatischen Mindergesten einer unverständlichen Gestalt etwas intim wie Schmerz -
und wie widersinnig: die Bildermacher ob der vielen Zuschauer nervös
blieb die Szene entleiblicht virtuell wie bei Enthäuteten die nicht bluten

am Puderauftrag sollte es noch fehlen am dünnen Schweißfilm auf der Wunde
nur an der Stelle zu schließen an der man sich auch geschnitten hat
weil die wirklichen Organe des menschlichen Körpers noch gar nicht zusammengesetzt sind (Antonin Artaud)

dabei ihre Nacktheit nass und halsend ein Kind ohne Arme von denen es sich angenommen fühlt
fötale Urerinnerung Urin für immer ungeklärte Süchte ein Narbenherd ältester Verletzungen Trauma Geburt

und es flogen die ersten Kugeln Gongs von höherer Warte ein Singen
die Durchsagen weithin hallend an dem toten Christbaum nahm jeder sein Kreuz

luxuriös die pelzbeladene Zunge Locke überm Schussloch in keiner Schläfe
gezüchtigt der wunde wie der schöne Körper bleibt er der Ort der Einschreibung selbst
nichts will ich wissen dachte ich von einem Gott der selber sterblich ist

bisweilen kurz die Zeit wie eine Uhr
das Herz steht still trotz allem Weiterhasten
sie sah gut aus und ich sah weg
für immer bleibt noch etwas zu besorgen

 

19
Nov
2009

Dreckige Bilder

InTransparenz der Schuld


Seltsame Faszination für eine Serie alter DIAs, simple, dumme Badeszenen zuerst eigentlich nur, immerhin an exotischen Stränden schon in den späten Fünfzigern (Barbados, St. Lucia, Curacao - dazu musste man seinerzeit noch reich sein). Und tatsächlich ist das Licht strahlend, sind die Sonnenuntergänge lichttrunken wie befeuert von einem paradiesischen Niederschlag!

Das Faszinierende liegt aber anderswo, und zwar offenbar an mehreren Dingen zugleich. Einerseits ist da ein Moment wie herausgenommen der Zeit durch das Alter des Fotomaterials, den verjährten Stand der Fototechnik ("Kodak Ektachrome Transparency"), alles, was an sich einen Akzent der Besonderheit ergibt und diese leicht nostalgische, etwas blasse Anmutung der Bonbonfarben erklärt.
(Ähnlich wie die Bewegung vom digitalen Sound zurück zum analogen Tonträger, gibt es längst eine von der Virtualität des errechneten Bildes zum durch materiellen Eigensinn gleichsam wieder verpersönlichten Abzug: der aktuelle Holga-Boom, der angekündigte "neue" Polaroid-Film usw. Auch ich behalte ein Foto manchmal nur wegen etwas, das es im Digitalen schlicht nicht geben kann, weil es außerhalb der allzu definierten und dadurch allzu eindimensionalen Errechnungen liegt. Dort aber gibt es wiederum ganz eigene Qualitäten. Mit einer Nietzsche-Paraphrase: Unsere Bildgebungsverfahren arbeiten an unseren Sampletechniken der Welt mit.)

Zum anderen liegt es aber auch an der merkwürdig statuarischen Haltung der Modelle, keineswegs besonderen Bademenschen, die aber selber diesem Effekt von Zeitenhobenheit unterliegen. Und ich brauche ein paar Sichtdurchgänge, um darauf zu kommen, woran das liegt.

Oft schauen sie sämtlich in jeweils eine andere Richtung, so dass sie als Bestandteil der Szenen sowohl etwas Künstliches bekommen, wie auch etwas Arrangiertes an Ausdruck - und doch ist das wohl alles nur Zufall bzw. Rücklesung eines Moment seiner Herstellung ins Bild selbst.

Und da erinnert es mich dann an einen italienischen, damit stilbildend gewordenen Fotographen (etwa aus der gleichen Zeit oder etwas früher, späte 50er, frühe 60er?), dem es gelang, seine Modelle ganz ähnlich derart in ihrer Vereinzelung zu zeigen, dass sie eine Art Erhöhung erfuhren und sich so zugleich wieder aufeinander bezogen. Das allein erzeugte schon eine gewisse Spannung in den Bildern. Die wurde aber noch gesteigert - wie teils dadurch auch wieder gebrochen - durch den Auftrag von viel Sonnenöl und einer so präsenter werdenden Erotik der Körper, so dass sie - natürlich unfehlbar an sich schon schön bei einem Italiener - diesen Effekt als beinahe persönliche Eigenschaft des Einzelnen repräsentierten. Es waren Modefotos und sicher haben sie damals geholfen, auch viele Badehosen zu verkaufen. Doch ich bin sicher, diese Haltungen passten sehr gut auch in die heutige Zeit. (Und sicher wurden sie auch längst als Zitat diverser Retroeffekte in die heutigen Ästhetiken wieder eingespeist. Den Namen des Fotographen weiß ich nicht mehr.)


Doch noch etwas wirkt hier. Anscheinend handelt es sich bei der reisenden Gruppe auf den DIAs um irgendwie zivile Leute der US Navy (auf einer Goodwill-Tour?). Denn immer wieder kommt ein Kriegschiff mit ins Bild oder bildet seinen gesuchten Hintergrund, und die erigierten Kanonen und die nackten Menschen drumherum scheinen auf eine weitere subtil erotische, zumindest zweideutige Weise aufeinander zu verweisen. Tatsächlich aber resultiert die Zweideutigkeit wohl aus der Unschuld der beiden Elemente. Überdies scheinen diese lachenden, jungen, attraktiven Körper unverletzbar und weit von allem Bösen entfernt. Und die Kanonenaufbauten des Schiffes sind weiß gestrichen und wirken sehr sauber und überhaupt gibt es sogar einen Bordpool! Kann das sein? Ein Traumschiff! Ja, ganz wie aus unserer mit erheblichem Aufwand inszenierten, und dann konsequent so dümmlich bleibenden Sonntagabendunterhaltung. Und immer schon schien mir so etwas an Missverhältnis das Produkt selber dann auch zu verraten.

Doch fallen mir auch noch Bilder aus alten US-Dokumentationen ein, auch sie ein bisschen fahlfarben und leicht verkratzt, auf denen dafür abkommendierte, herumwitzelnde Soldaten ihre Sonnenbrillen aufsetzen, bevor sie sich dem Fallout einer der ersten Testbomben seinerseits auf dem Bikini-Atoll ergeben. Ah, die Südsee! Diese Luminiszenz einer wie überirdischen, swedenborg'schen Strahlung! Und fast alle ihrer kriegerischen Besucher - und viele noch von deren Nachkommen - waren dann auch bald tot. "Entschädigung" gab es keine und natürlich waren auch die Entscheider in den Kriegsministerien nicht zu benennen und überhaupt waren sie an ganz nichts schuld.

Und da fällt mir Heiner Müller ein, als sie neulich ein altes Interview mit ihm zeigten, eine der wenigen erträglichen Wiederaufführungen zum gewohnt verlaberten Jahrestag des Mauerfalls. Müller sagt darin, er hasse die Unschuldigen. Und obwohl er das an der Stelle in dem Film auf die Konsummenschen bezog, die er damals in den westdeutschen Innenstädten beim Einkaufen beobachtet hatte (während also der Osten noch in seiner Geschichtlichkeit verharrte, zumindest an wesentlicheren Problemen der Schaffung einer "besseren Gesellschaft" laborierte), geht mir auf einmal auf, wie tatsächlich und buchstäblich hassenswert die Unschuld auch sonst sein kann.

Klar, die, die nur Einkaufen gehen oder in Badeurlaub fahren, sind zumindest fürs Zündeln und kurzfristig auch für Kriege verloren. Doch sind sie, auch dazu unbefragt, auch deren Anlässe. Und sind damit auch für sämtliche andere Entwicklungen neutralisiert und können kaum ein weiterführendes Bewusstsein darüber aufbringen, wie ihnen geschieht und warum. Und das ist tatsächlich auch eine Schuld, eine zuletzt ganz persönliche. Und diese kehrt, wie alles Verdrängte, eben manchmal seltsam wieder.

 

18
Nov
2009

Tagebuch des Voyeurs

Mitleidenschaft


Heute Morgen die Idee eines irgendwie gestaffelten Lichts, eines, das, jahreszeitlich schwach, gleichsam durch die markanteren Objekte bzw. deren Auslassungen im Sichtfeld - die letzten Laub tragenden Bäume, ein Treibhausdach, die leuchtend weiße, "spanische" Kalkwand eines Gartenpavillons - moduliert wird. Und das vielleicht außerdem sanft vorgegeben von den Bewegungen auf der Stadtautobahn, links, in den Augenwinkeln, den dort periodisch aufblinkenden Autodächern in der stehenden Welle des Verkehrs.

Dabei ist es ein Licht, das ich intim zu kennen meine. Wahrscheinlich ist es eben nur Novemberlicht, aber es ist, als wäre seine Frequenz - das Wort die Insinuierung der Annäherung an eine größere Genauigkeit - in mir gespeichert. Oder zumindest doch abgeglichen mittels dem, worin die angebliche Zirbeldrüse, deren mutmaßliche Genauigkeit mir in der Wiedererkennung eine Präzision, ein Datum suggerieren will, mittels dem ich mich mit diesem gegebenen Licht, als einem hochverdichteten Informationsträger, weniger dumm vorkomme, da der Erinnerungseindruck natürlich zuletzt nicht zu fassen ist: Er bleibt gebunden an etwas Unerfassbares, durch kein genaueres Sinnesdatum aufzurufen. Als bedeutete das vage Wissen um die innere Taktgeberei seinerseits die Annäherung an eine Idee von Genauigkeit, die mir irgends diente. Das alles selber wohl nur Hirnmusik, Gedankenmodulation, ein bisschen Geschwätz gegenüber einem Würdigerem an schlichter Physik, das sich mir entzieht. Es bleibt alles ungewiss.

(Dabei liefert das Licht in der Feineinstellung eine derartige Helle, dass ich das winzige Aufleuchten des Anteils an Glimmer in einer Zierkachel entdecken kann, das Metallischblau an einem Taubengefieder im Baum, den losen Faden im Saum eines Morgenrocks der alten Frau K. Das Lesegerät selbst justiert an sich herum.)


Ansonsten die bekannten Protagonisten.

Nur die langbeinige Stewardess, die mich so oft langweilte - obwohl sie mich zuletzt häufiger an eine Gottesanbeterin erinnerte, und zwar so, dass es mich einmal tatsächlich bei ihrem Anblick schauderte -, haben sie mir gegen einen dicken Typen in kurzen Hosen und mit Topfschnitt getauscht; auch er kommt zum Rauchen auf den Balkon, und wieder mal frage ich mich, wie es kommt, dass so viele, um irgendwelche dummen Ausstattungsgegenstände in ihren Buden nicht in Mitleidenschaft zu ziehen, ihr eigenes Vergnügen torpedieren.

Der Nachtschichtler putzt am offenen Fenster seine Schuhe und verheddert sich während einer seiner schwungvollen Bewegungen offenbar in der Gardine, deren Gesamtkonstruktion, Stoff und Stange, prompt auf ihn runter fällt. Ohne im Bürsten einzuhalten schüttelt er das Ding ohne weitere sichtbare Regung mit einer Schulterbewegung von sich ab und ich denke, genau so muss man es tun: Sie missachten, alle die eigenen Zwecke missachtenden dummen Gegenständen, die nur im Weg sind.

Im gleißenden Seitenfenster der Türkin meißelt das Licht eine seltsame Topfpflanze heraus, die aussieht wie eine auf den Kopf gestellte, so aufgespießte Fledermaus, der es in der Balance ihres für ewig unverständlichen Todes noch einmal die Flügel auseinandergefaltet hat.

"Nicht ich bin es, der aus dem Fenster schaut, sondern ein Röslein Rot sticht mir ins Auge." (Gunter Brus)

 

16
Nov
2009

Das Flüchtige als eine Spur für länger

(eine beliebige Aufzählung)


- aus einer offenen Dönerbude an einem Sommertag der Geruch nach frisch angemachtem Gurkensalat;

- oder der Geruch nach der konditionierten Luft und nach den nie mehr ganz verfliegenden Pflegemitteln auf den Kunstlederbezügen in englischen Malls am Sonntag (ähnlich dem nach dem Gummi in einem neuen U-Bahnwagen in Barcelona, der länger in der Sonne gestanden hat, bevor er mit dem Abendverkehr zum Einsatz kommt);

- der Geruch nach eingetrocknetem Sperma in einem seit Längerem ungewaschen gebliebenen Handtuch (und Monikas abgewandtes Gesicht über der zu leugnenden und dann doch nicht zu leugnenden Scham, das zu erklären);

- der Geruch in dem Shirt, in dem S. einmal ein Wochenende bei mir geschlafen und das sie dann vergessen hatte und woran ich sie auch nie mehr erinnerte (überhaupt meine Empfänglichkeit bei manchen Frauen für das, was Cioran einmal "zoologischen Weihrauch" genannt hat, als ob die mögliche Tiefe sexuellen Empfindens sich bereits in einem intimen Odeur, in einem Flüchtigsten davon anzeigte);

- der Geruch nach fremden Metabolismus, nach wie viszeral gewordenem, tagelangem Hunger aus dem Mund des Jungen in der Ringkampfarena in Serekunda (der sich schüchtern an mich herangemacht hatte und mich schließlich um etwas Geld für "Schulbücher" bat [und ich könnte niemals entscheiden, ob das sein wirklicher, für mich glaubhafter Wunsch war oder nur seine intuitiv gefundene Masche bei den Touristen]);

- der Geruch heute wie nach Fotochemikalien aus der zu öffnenden Hülle mit entwickelten Fotos... der aber nur der Geruch des in den Printmaschinen verarbeiteten Papiers und der Farben sein kann (alles, was sich per wohl nicht mehr zu lösender Reizverschaltung immer noch verbindet mit der alten Aufregung darüber, wenn ich damals meine Bilder stark vorfreudig abholte [und wie enttäuscht war ich meist: der Geruch, die Intensität einer Wahrnehmung als Ersatz, als eine Art Trost?]);

- die Geruchsblume eines "Cardenal Mendoza" in einem vorgewärmten Schwenker (seltsamerweise empört es mich hier einmal nicht, dass Sprache zu einigen Dingen einfach nicht hinreichen kann - eine solche Qualität der Dinge nähme aber auch der Sprache nichts);

- der unvergleichliche Anflug von Mystère de Rochas an Ute, den ich nach 20 Jahren immer noch manchmal in Spuren in einer Menschenmenge wahrzunehmen meine (nie wieder habe ich ein Parfum bei einer Frau als so richtig empfunden... und heute ist es vielleicht nur noch eine Art Hochrechnung, etwas eher einem Halluzinativen Verwandtes: ein vor Scheu nicht zur Synthese Gelangendes der zur Anmischung bereit liegenden Ingredienzien sämtlicher Parfüms sämtlicher Frauen in der Menge seit je);

- mein eigener Geruch, der immer noch manchmal der nach einer Art Blutrausch ist, nach dem mich zu überwältigen drohenden Horror meines ersten LSD-Trips: als umgäbe mich mein Persönliches auch mit der Umhüllung eines mich mit mir selber verschonenden - mich neutralisierenden - "Fremden". (Oder zumindest mit etwas, das ich nicht erkennen kann, und in dem zuletzt womöglich meine Unterscheidungsfähigkeit selber gewahrt bliebe; und es ermöglichte eben das die schier unermessliche Vielfalt der Sinnesreize selber, wie die ihrerseits wiederum, noch als Totalität nicht, zu keiner Wahrheit gereichen: es bedeutete eben diese Vielfalt die Unmöglichkeit von so etwas wie einziger Wahrheit und die bestünde eben aus ihrer Unfassbarkeit. Worin erst wieder alle Ermöglichung läge. Usw.)

Usw.

 

15
Nov
2009

o.T.

Pandemrix

 

13
Nov
2009

Lesen & Sammeln

Lesen & Sammeln


Einmal ist es nicht das ausgeräumte Leben eines Toten, auf das ich auf einer nächtlichen Pirsch durch meine Unruheviertel stoße: ein halbes Mädchenzimmer wurde auf die Straße gekippt. Doch was mich daran empört, ist ebenso wieder die Beschmutzung eines ehemals Intimen daran, die Entwertung eines Gelebten.

Was mich aber nicht hindert, auch einmal lustvoll darin herumzuwühlen. Und es ist weniger der Glitzerkram des Weiblichen, der mich lockt, als das mit den Jahren angehäufte Sammelsurium selber, das Kleinteilige, das Detailreich-Verwunderliche, das ich schon als Junge oft suchte. (Und teils eben sammelte, aus von mir nie infrage gestellten Gründen; diese Fragen aber, anhand des Belegmaterials heute zu finden, wären sicher für mich sehr interessant.)

So vermisse ich wohl also eher die einmal dafür aufgewändete Zeit, das dahin eingegangene Interesse, das in ihnen angereicherte Intelligible der Dinge, die zu einer Systematik und einem impliziten Wissen damit führten, alles, was eine Liebhaberei oder eine Langfristbeschäftigung heute noch sind, abzüglich nur einem ehedem mutmaßlich größeren Zauber. Heute suche ich Hinweise auf fremde Obsessionen womöglich als Ersatz für etwas an Lebendigkeit, die sich mir als eine Art ausgleichendes Vermissen maskiert. Und es scheint auch das eine kompensatorische Bewegung: Wenn nun dieser aus ihrem früheren Leben vermeintlich Herausgewachsenen ihr Verlust irgendwann einmal klar wird, werden ein paar dieser Dinge vielleicht immer noch aufgehoben sein bei mir.

Das ist zwar in sich nicht ganz logisch, hat für mich aber seine Richtigkeit. Und so suche ich zumindest die Briefe zusammen, die Fotos von Boys, deren Rückseiten dieses Mädchen in einer ansonsten verlorenen Schulstunde zärtlich bis ins Randlose kommentierte, und vor allem die Tagebücher, tatsächlich mit ausführlichen Einträgen zu allem, was sie einmal bewegte und das immerhin zu einer Form seiner Dokumentation gefunden hat.

So gibt es ganze Chroniken der laufenden Ereignisse, jedes Wochenendticket "zu ihm", jede Kinokarte "mit ihm" hat sie aufbewahrt. Der Belegwust selbst scheint etwas von der Bedeutung zu bewahren, die er auch durch sein Verwerfen nicht verliert.

Darüber hinaus kann man zusehen, wie das gefundende Aufschreibesystem sich entwickelt, vom nummerierten Zettel zum Jahresplaner vorrückt, man kann - die realen Seifenopern des Lebens! - richtiggehend kleine Dramenbögen und Charaktere verfolgen, und bald ufern die Texte aus, Beweise und Fotos werden eingeklebt, Revisionen und Zusätze angetackert, der Journalcharakter bekommt etwas Mediatisiertes per se, das so jemandem wie mich - zwar früh ins Virtuelle ausgewandert, aber immer auch noch an altmodischen Papiermedien klebend - nicht kalt lassen kann. Der außerdem längst trainiert ist, in Spuren das narrative Potenzial solcher Funde für sich auszubeuten.

Klar, die Erzählungen mögen oft etwas albern sein, das ganze Räsonnieren wird auch einmal redundant und bleibt ohne viel Tiefe. Dazu ist alles ungestaltet und roh. Doch ist eben das diese Kraft, scheint sie durch ihre Heftigkeit - voll ätzend, alte Votze, voll der Hass... und dazwischen dann wieder voll die lyrischen Töne! -, scheint alles durch sein Ungefiltertsein den wohlüberlegten, den so wohltemperierten Formen teils überlegen.

Und laufend gibt es Unabsehbarkeiten, erlauben die fremden Gedankenwendungen immer wieder kurze Ausblicke auf einen selbst. (Zumal wenn man keinen gleichwertig unmittelbaren Zugang in solche Vergangenheiten mehr hat.) Unsere Jugend: Wieso ist sie so manisch, ständig verzweifelt oder überspannt? "Leicht bekleidet, betrunken und apathisch"? Ach, die schwierige Phase der Selbstfindung, das Melodram nichtiger Dauerkonflikte! Schon lange mag ich dem nicht mehr folgen, besteht doch die halbe Fernsehwelt daraus. Aber in "echt" ist das auf einmal anderswie interessant.

Wahrscheinlich wirkt hier vermutlich auch ein Teil Authentizitismus, der sich, ungetrübt durch eigene Skrupel und also vergnügter, über seinen Forschungsgegenstand beugen will. Aber dieser Nexus Schrift vs. Leben ist nun mal das, was mich heute interessiert. Eine Zeit lang habe ich immer wieder mal versucht, an so was - über als "Nachlass" Ausgewiesenes gelang es mir manchmal - heran zu kommen, aber es war nie das Richtige. Und heute bekomme ich es eben manchmal des nachts an einer Ecke des Viertels still überreicht.

Die Gründe, so etwas auf die Straße zu werfen, kann man dann lesen wie man will. (Die Papiersachen lagen in einer offenen Kiste mit anderem Medienzeug, Büchern und CDs; ich vermute in dem Fall fast so etwas wie: Nur mir aus den Augen... soll sich drüber amüsieren wer will.) Doch das eben ist Teil des Zaubers der anderswo überflüssig gewordenen Dinge: man kann nicht vorabsehen, was aus ihnen zu wem sprechen wird.



Womöglich maskiert sich hier ein weiteres Mal eine alte Gier, eine eigene Art Begehrlichkeit, mir etwas Fremdes anzuverwandeln, eine früh erspürte Möglichkeit, eine besonderen Qualität des "Lesens" durch Aneignung in eine Annäherung an etwas Wirklicheres zu treiben. Etwas Geschriebens ist ja als solches schon, mindestens intentional, verdichtet, ist als ursprünglich Persönliches als das Mitteilbare kondensiert. Und nun gehört es auch als Intimes auf gewisse Weise wieder allen, ob zur Veröffentlichung vorgesehen oder nicht. (Es soll einem ja immer Leid tun, das Tagebuch seiner Freundin gelesen zu haben; aber ebensogut kann es einen vor Jahren des Unglücks bewahren.) Natürlich muss es Persönlichkeitsrechte gebe, weil sie einem Subjekt wiederum Freiheiten, gleichsam erst die auch zu sich, garantieren. Und das ist durchaus eine Errungenschaft.

(Auch wenn die Definitionen sich da, und zwar durch gesellschaftliche Entwicklungen, längst wieder wandeln: Die Gefräßigkeit krawalliger Fernseh-Doku-Soaps für Sozial-Voyeure und die my-space Selbstenthüllungslust unter aufstiegsorientierten peer-group pressure kids sind ja durchweg leistungs-konform und erwünscht! Und die Datenskandale erbärmlicher, zuletzt fast immer eher wenig fürsorglicher "Arbeitgeber" zeigen, wo der Große Bruder des kleinen Stasi sitzt und wie die räuberischen Zugriffsinteressen verteilt sind. Mich heutzutage wg. dem Scannen möglicher zukünftiger Personalchefs im weltweiten Mitmach-Web nicht entäußern zu dürfen, wo alle Welt nach Entäußerung schreit, ist zutiefst schizophren. Die Scoring-Firmen, die die Jalousien runterlassen und nach der Polizei rufen, wenn mal einer nachfragen will, nach welchen Methoden sie denn für Zahlungskräftige das Deutschland in Daten willkürlich und nahezu unkontrolliert verhökern; der Personalchef in seiner schnöseligen Verfügungshoheit und seiner eigenen anonymen Deckung; überhaupt die Asymmetrie zwischen den Sammlern und dem schlichten Daten-Vieh; dazu der wachsende governmentale Einspruch, der mich zur Daueroptimierung meiner Chancen zur Selbstverkaufe anhalten will, mich aber vor den Datenkraken nicht recht zu schützen bereit ist - sie alle sind der Feind! Und alle anderen googeln sich gegenseitig und verleugnen ihre eigene Neugier...)

Aber das Eigentliche behüten können auch Gesetze nicht. Ich bestreite sogar so etwas wie das individuelle "Geheimnis": Alles ist offenbar! Und dass das intime Moment, das schon als solches Anschluss sucht, wo nie einer vorgesehen war, erscheint mir von einer eigenen, gewissermaßen höheren Richtigkeit. Unter Menschen wird immer alles verraten sein. (Und das durchaus in beiden Wortbedeutungen!)

Ich jedenfalls fühle mich nicht zum ersten Mal als der gesuchte, als der ideale Finder: immer werde ich alles ausplaudern - und werde es doch bewahren! Ich bin durch etwas anderes reichlich belohnt!

 

7
Nov
2009

~.~

{Melaten}


schwarze Dame sizilianischer Eröffnung
kleine schwarze Pistole in einer Handtasche samtschwarzer Finsternisse

das Gefolge schwarzer Acht-Zylinder, graphitschwarzen Kammgarns

schwarzes Klebeband über dem Namenschild neben der Klingel die jemand zahllose Male vergeblich ...

schwärzeste Tage des Lebens

Schwarz ohne alles wiederholt die Kellnerin während ihre Augen träumerisch die Stromlinien des schwarzen Ami-Schlittens in der Auffahrt entlangfahren

harrend, schwarzschluckend ein Glanz kalten Teers in der eisigen Sonne
das Gras herum dem frisch ausgehobenen Loch Schwarzerde ist weiß überfroren



 

Fragt mich einer, was mir als Düsseldorfer denn an Köln immer so gefällt.
Antworte ich: Alles das, wofür es üblicherweise nicht bekannt ist.
(Und so auf den Punkt habe ich das bisher auch noch nicht sagen können.)

 

Blechen

Kleiner Selbstbetrug im Traum


Als der Mann vor mir in seine rechte Hosentasche greift, macht er das mit einer Abfolge von Gesten - einem etwas gewichtig tuenden, mit dem Unterarm erst einmal wie weiten Auslangen zum Aufwerfen der Mantelschöße, bevor er mit einem leichten In-die-Knie-Gehen in die Tiefe seiner Tasche greift -, die ich schon als Kind bei älteren Männern wahrgenommen und als typisch bemerkt zu haben meine; oder es war das seinerzeit eine gewissermaßen autonome, geläufig gewordene Bewegung. Doch führt es mich zu der versuchsweisen Überlegung, dass das Alter eines Menschen derart, mittels beiläufiger Charakteristiken also, immer auch ganz anders zu bestimmen sein müsste, als nur mit der nominellen Anzahl von Lebensjahren. Doch ist die Zeitverhaftheit solcher Gesten wohl zu relativ und zu vielen Zufällen unterworfen; Nachahmungen etwa, ihren unbekannten Gründen, ob bewusst und unbewusst. Doch warum sollte das besser als eine schlichte Altersangabe sein? Ist Habitus nicht zeitlos? Genügte der Hinweis auf seinen Hut? (Und wen interessiert das überhaupt?)

An dieser Stelle hatte sich das etwas trübe Sinnieren auf dem Gang einer Toilette in einem größeren Einkaufszentrum, wo ich, meinen Obulus zu entrichten, beim Hinaustreten kurz warten musste, auch in Wirklichkeit verfranst. Die Worte waren genug verdächtig, nur kam ich nicht darauf. Dafür wird nun der Traum sich seiner selbst bewusst, nämlich wie er eine Sache umgestaltet, die sich etwas anders zugetragen hat, als gälte es, leicht abgewandelt, mir das Moment ihres Anlasses ein weiteres Mal zu signalisieren, um es aufschreibefähiger zu machen, etwas ganz Flüchtiges, wie es tagsüber x-fach passiert und also eher vergessen sein soll: hier stößt es, das Ereignis als sein sich erneuerndes Bemerktsein, während nächtlicher Hirnprozesse auf Modi seiner eigenen Behandlungsroutinen als etwas erneut Projektives, das der Traum mittels eines Anekdotischen - das ich mir ja tatsächlich oft genug als irgendwelches szenisches Beiwerk anderswo zu verwenden notiere -, versuchsweise als Verschiebung usw. entwirft.

Und während ich so immer noch vor mich hinsinnierte, nicht einmal ungeduldig hinter meinem Vordermann, hörte ich im Aufschütteln dann der reichlichen Münzen auf seiner Hand, dass eine davon falsch war.

Spontan trete ich den halben Schritt vor, den es braucht, den Blick des Toilettenmanns mit einem betonten Guten Abend!, auf mich zu ziehen und an dem anderen vorbei meine 50 Cent mit einem deutlichen Laut in den Unterteller zu legen, damit er - den ich niemals im Leben wiedersehen werde - nicht hinterher mich verdächtigt, falls er nun von dem anderen die Blechmarke bekommt.

Während Elisabeth auf dem Gang nach draußen etwas zu mir sagte, war meine Aufmerksamkeit noch nach hinten gerichtet und zugleich auf diesen mich nicht loslassenden falschen Klang (auf den nichts folgte). Verkürzt versuche ich zu schließen: Die bare Münze Schlüssigkeit - und welcher Anteil Blech...? Doch beim zweiten Mal hebt das Lamentieren über den Betrug (dem ich ohne viel Erleichterung für mich entkomme) dann auch wirklich an!

So könnte es gewesen sein, denke ich, wirklich, aber merke, darauf kommt es gar nicht an. Die Vertauschung - die Unterschlagung als ihr Mehrwert - liegt anderswo. Der Traum variierte die Anekdote nur noch einmal als Möglichkeit seiner Erzählung, dazu ein weiteres Mal als deren spekulatives Moment, und im halben Aufwachen darüber weiß ich es dann auch nicht besser, und verwerfe alle drei. Das macht mich auch gegenüber dem Stattgehabten wieder frei. War es so? Mit der ersten Wahrnehmung, der Art und Weise wie der Mann in seine Tasche griff, fange ich wieder an.

 

5
Nov
2009

Opel

Opel-Rekord

 

Naturpessimismus

Das heimische Grönland


Früh gegen Acht steht mit dem Zwielicht der sich durchzukämpfen suchenden Sonne auf einmal ein Regenbogen über der Landschaft! An einem ansonsten trüben Novembermorgen kann der Herbst in seiner Buntheit schon die Helligkeit sein. Aber mit diesem anderen, so unerwartet aufgespreizten Farbspektrum, ergibt beider Zusammenspiel unversehens Grund für ein Verwirrtsein fast. Was zu sehen ist, erscheint den konditionierten Sinnen sehr unwahrscheinlich, und doch ist es da.

Ich wohne jetzt schon ein paar Jahre hier, aber kann mich nicht erinnern, so was zuvor schon mal gesehen zu haben. Es hat etwas Unwirkliches, fast Außerweltliches. (Obwohl dieses Wort an sich Unsinn ist: "Aus dieser Welt können wir nicht fallen, wir sind nun mal darin", konstatierte S. Freud bezogen auf die Sensationen an Innenleben, die uns die Welt manchmal verwandeln. Denn überhaupt geht es vielleicht weniger um die Erscheinungen als um die je ebenso seltsamen Empfänglichkeiten dafür?)

Und warum eigentlich ist die Naturidylle so schlecht angesehen? Wenn man die oft so ideen- wie blutarme Kunst bedenkt, all das Frühveraltetsein der neusten ästhetischen Behauptungen (von den stereotyp bleibenden Errungenschaften der Unterhaltung mal ganz zu schweigen), ergibt sich ein riesiges Missverhältnis zu dem so anstrengungslosen Naturschönen.

(Oder erscheint mir das nur so? Weil es anderen so überflüssig geworden ist, über Natur, über ihre Empfindungen in der Natur, zu sprechen, weil man nur mehr unter Schwierigkeiten darüber spricht? Und ich meine hier nicht die kuranten Beschreibungen, die ja oft das einer nur mehr geschönten, d.h. falschen Literatur geschuldete Klischee ihrer selbst sind. Auch das Sprechen über Natur müsste sich wohl erst mal emanzipieren. Siehe auch das Abfällige über "die Gräser- und Nüssebewisperer" bei Peter Rühmkorf, der - seinerzeit selber naiv - noch an eine empathische Moderne, an unabsehbare Erneuerungskräfte glaubte. In einer sich avanciert gebenden Sammlung wie "Lyrik von jetzt" kommt Natur fast nur noch als sozusagen referenzielle Nennung vor, wodurch gleichsam der Gegenstand seiner Bedeutung nicht gerecht wird, so dass es auch das aufzurufen lyrische Moment ein bisschen anämisch erscheinen lässt.)

Ist es vielleicht, weil die Natur - als Unberührte, Bewahrende, outgesourct eher in die Tropen oder an andere exotische Orte, bei uns kaum mehr als ein Park für unsere Freizeitbegrünung -, als das anderswie doch auch Geistbelebte zu uns schlicht nicht mehr spricht?

Man braucht nicht mal die Konsumvermüllung anzuführen, um zu ahnen, dass auch unsere angeblich erste Errungenschaft, die Kultur, längst ähnlich vermüllt ist, nichts-sagender wird, doch haben wir mittels ihrer unser Außen zum Teil schon ausgetrieben. So "reisen" wir wie Getriebene zu den Kunst-Orten anderswohin auf der Welt, um auch sie noch konsumistisch einzugemeinden. Selbst zum Trostort scheint der Stumpf Natur für viele nicht mehr zu taugen; sie gebrauchen ihn höchstens noch als verkitschtes Ziergartenareal, zum Hundeausführen oder zum Entsorgen ihrer leeren Autobatterien. - Naturpessimist! - wäre das nicht ein schönes Schimpfwort für Ökos?


Die Nacht muss es lange geregnet haben, denn eines der Häuser gegenüber ist wie vollgesogen mit Nässe und hat sein helles Steingrau in ein mittleres Braun gewechselt, so dass noch die erstere Verwandlung dem Morgen sogar noch in solch etwas Nichtigem so was wie eine zusätzliche Tönung jener Andersartigkeit gibt, die etwas Utopisches anklingen lassen kann: Der bessere Ort (wie bei Büchner), wo wäre er noch zu finden? Er scheint auf in Dämmerungsstunden oder manchmal als seltsamer Vorschein in einem ungewöhnlichen Himmelslicht.

Mit einer Verschränkung gleichsam des anders-lichten Grüns sowohl aus der Himmelserscheinung wie dem der restlichen Blätter an einer schütteren Birke vor diesem Waschbetonhaus, gewinnt es, dieses Grün, schon fast wieder etwas Juveniles. Und längst hat ja auch der November etwas Frühlingshaftes, hat jede Jahreszeit ein Vermögen zu ihrer Überschreitung. Warum sonst wollen immer mehr Leute jetzt die Eismeere befahren, zumindest bald mal nach Grönland? Grüner wird's noch. Grüner ist es anderwo.

Für ein paar lange Minuten jedenfalls noch steht bis weit hin zum Fluss ein irgendwie gesondertes, heikles, über sich selber zu schwanken scheinendes Nachregenlicht. Dann zieht es sich endlich wieder zu.

 
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