Altes Licht
Indiskretionen
Ein erklecklicher Haufen Wohnungseinrichtung plus vieler persönlicher Dinge - da muss wieder jemand gestorben sein. Und alles liegt auf der Straße.
Es ist so gegen zwei. In der Nähe, in einer sperrangelweit offenen Kneipe, versuchen die Stimmen der Betrunkenen nach einander zu schnappen, und ich habe keinen Grund, nach Hause zu gehen, da unter meinem überhitzten Dach kein Schlaf zu kriegen sein wird. Also kann ich mich auch mal wieder in so einen Haufen versenken. Eigentlich wollte ich meine längst allzu umfangreichen Sammlungen nicht mehr erweitern, aber als ich die ersten wirklich alten Fotos finde - laut den Beschriftungen auf der Rückseite aus den 1930er und -40er Jahren -, kann ich nicht widerstehen: Da ist wieder mal etwas zu retten!
Doch ist der Spannungsbogen immer noch der gleiche: Zuerst mein Foto-Entdeckungsfieber, wie bei einem Suchhund (und was für Schätze habe ich tatsächlich schon geborgen!; ein, zwei - für meine Art Blick - interessante Bilder gibt es fast immer); dann Lust an der Indiskretion, am ruchlosen Zugriff auf den objektivierten Niederschlag eines fremden Lebens; dann Enttäuschung, dass ein weiteres Leben mehr oder minder wie alle ist und auch zu nichts anderem als einer Ahnung von Vergeblichkeit taugt; und zuletzt dann doch eine Art Trauer, dass auch das unbekannte, sogar das unausdenkbare Leben einem schließlich als eigene Möglichkeit fehlt. Und so reicht dieser Bogen von der - zuletzt sicher kindlichen - Lust am Wühlen im Kleinteiligen... bis zu einem weiteren Memento Mori.
(Die Alte, die ich schon ein paar mal nachts im Viertel herumstreifen gesehen habe. Im Licht eines leer stehenden Ladens sehe ich sie, ihre Tüten nicht loslassend, sich auf das gesunde Bein stützen und mit dem Stock in einem Berg aufgeschütteter Kinderspielsachen stochern.)
Doch müssen die Beweislagen in ihren Zeugnissen immer neu geprüft werden. Allein zwei säuberlich, anscheinend gewissenhaft geführte Ausgabenhefte von 1939 kommen mir wie unschätzbare Alltagsbelege vor, die nicht für immer verschwinden dürfen! Doch was weiß ich schon davon. Ich bin nur erstaunt, was man damals von einer Waisenrente von 15 Reichsmark 50 alles kaufen konnte! Stromrechnungen beliefen sich über 3 Mark! Eine (Gesamt-)Miete mit Treppenreinigung lautete auf 23,50! Und sie konnte sich laufend B.Halter u. U.Wäsche kaufen und noch etwas sparen!
Und weiß man noch, wie ein Urlaubshotelprospekt Mitte der 60er Jahre gestaltet wurde? Happy Hotel in Milano Marittima - Man spricht Deutsh. Allein die verdruckten Fahlfarben und die servile Lyrik behaupteter Gastfreundschaft! "Wir freuen uns, Ihnenmtt zuteilen, daB die Pensionpreis bedeutend herabgesetzt worden sind." Liegegestule jetzt inbegriffen: Da sind wir in der Eurozone aber wieder weiter! Von was für einem unablässigen Drang nach mehr ausgeplünderte Welt!
Persönliche Papiere, Geldsachen, Briefe - das alles will ich eigentlich liegen lassen. Aber dann fällt mir ein Ausriss in die Hand aus einer uralten BILD; das Rasterfoto auf der ersten Seite zeigt eine blutjunge Elke Sommer die auf einer Soirée Max Schmeling ihr Superdekolleté präsentiert - damit ist auch so ein Schmierblatt beinahe historisch; die Überschrift des Artikels lautet: Wer ist der Vater? Auch erbbiologische Gutachten geben keine Sicherheit!
Nicht, dass das offensichtlich aus szientistisch verjährter Zeit stammt, weckt meine Neugierde, sondern dass solch ein Thema von der Leserin überhaupt verfolgt wird; der Artikel ist sauber gefalten. Die eigene wie die angeheiratete Familie dieser Frau scheinen ziemlich groß gewesen zu sein und es scheint einigermaßen Probleme nicht nur mit dem Zusammenhalt gegeben zu haben, sondern auch mit den Ausreißern an sozial auffälligen Charakteren. Eines der Familienfotos etwa zeigt - unter ihren sieben anderen Geschwistern - eine Gertrud, die aber auch wirklich nicht die allergeringste Ähnlichkeit mit ihr hat. Oder wäre mir das sonst gar nicht aufgefallen? Vielleicht war ja nur der Vater besonders erfolgreich darin, seine unseligen Gene ins Überallhin zu verstreuen?
Und immerhin hat er sich rechtzeitig zumindest evolutionär durchgesetzt. Denn es scheint, bereits durch den ersten Weltkrieg sind dann alle Waisen geworden und wurden auf Vormundschaften verteilt, mit denen es dann weitere familiäre Verstrickungen gab; der Papierbestand aus den frühen 30er Jahren, dazu die Briefe, sind einigermaßen reichhaltig. Aber dann habe ich doch keine rechte Lust, das auseinander zu dröseln. Die vielen, das alles dokumentierenden Todesanzeigen - erweitert noch um die der wiederum angeheirateten Verbindungen - machten das ebenso einfach wie neuerdings kompliziert.
(Noch einmal kommt mir die Alte am Stock in den Sinn. Sie ist mir angenehm, weil sie sichtlich allein bleiben will, weil sie noch für ihr langsames Dahingehen die Dunkelflächen bevorzugt, weil sie beim Durchsuchen der Papierkörbe jedes Geräusch vermeidet. Alle schreien sie um Hilfe - sie nicht. Wer grundlos den besonderen akustischen Raum der Nacht profanisiert, ist ein Barbar! Leider ist diese Stadt eine der Barbaren.
Immer wieder komme ich an offen stehenden Kneipen vorbei, darin der allzu gängige Typ des gemütlichen Rheinländers seine Behäbigkeit ausbreitet, sie als revierbehauptenden Schwall von Plattheiten von sich gibt. Er schwadroniert - er ist normal. Und wer normal ist, ist unbestritten. Trotzdem scheint diese Normalität immer auch wieder angezeigt werden müssen und nimmt also breiten Raum, der die anderen um so stummer werden lässt. - Dieses Kinderspielzeugs - es war nicht mal kaputt, sondern solches, das schon immer schäbig war.)
Sie ist 1924 geboren, der nordische Typ, groß, blond, kräftig. Als Mädchen auffallend hübsch, lernt sie anscheinend bald, sich darauf verlassen zu können; zumindest fällt es auf, wie oft sie um ihre Fotogenität weiß, sie ihr Profil und ihre langen Beine zeigt. Bis in die späten 1950er-Jahre, also bis weit nach der Herrenmenschen-Barbarei, trägt sie diesen hellen BDM-Look, eine Frisurkomposition aus Strenge und Ornament mit vielen Wellen und kleinen Flecht- und Knoten-Verzierungen; zumindest mich erinnert das auffällig an Propaganda-Fotos von einem, zwei Jahrzehnten früher. Ja, deutsh muss ein Mädel sein! Auch später hellt sie ihre Haare noch auf in entweder ein Weißblond oder ein Gold, die ihr, nach und nach mehr damenhaft gewendet, dann teilweise etwas Mondänes geben oder etwas Verruchtes, etwas Auffälliges aber damit auch Zweifelhaftes, etwa wie bei (unter eben dieser Mischung seinerzeit zu leiden habenden) Vera Brühne. Als Frau ist sie so jedenfalls lange eine Erscheinung. Nur mit dem ondulierten Muttchen wiederum 50 Jahren später hat sie dann praktisch keinerlei Ähnlichkeit mehr.
Da sie gefällt, wird sie also öfter fotographiert und ist dann wohl auch dran gewöhnt, sich zu zeigen. Kann sein, dass die anderen schon weggeräumt sind, für mich bleiben nur noch fünf freizügige DIAs, zwei pornographische (also mit Männern drauf), die anderen ließen sich als Annäherung dahin lesen: Sie trägt - wohl zu jener Zeit als gewagt geltende - Unterwäsche aus dem bekannten Ehehygiene-Versand und dazu hohe schwarze Schuhe, die ihre Beinlinie betonen. Die sexuelle Befreiung findet in der Resopal-Küche statt. Im Hintergrund erkennt man einen Wellensittich im goldenen Käfig.
Ein weiterer skurriler Fund ist das Informationsmaterial von DIFOMA, einer weiteren Versandfirma, die gleich 1967, mit der Freigabe von Pornographie in Dänemark, den Export ins befreundete Ausland unternehmerisch anvisiert. Allein die blumig-ungelenke Sprache der "Hausmitteilungen für die Freunde interessanter Magazine", dazu, wie der Inhalt der Super 8 Filme beschrieben werden, ist heute ein Genuss! Angekreuzt im Prospekt sind "Flossie, die 15jährige Venus" und "Eugenie", immerhin vom Marquis höchstpersönlich! (Die ist dann, per Kugelschreiber, auf der nächsten Bestellliste durchgestrichen mit dem Zusatz "verboten".)
Auf der Bestellkarte steht ihr Name in einer minimal veränderten Schreibweise. Aber der Gedanke, sie hätte damit eventuell die Zuschreibung dieses Interesses im Falle einer Indiskretion vor Bekannten zurückweisen wollen, ist sicher nur eine blumige Unterstellung meinerseits.
In Cannes 1954 sieht sie sehr elegant aus; der Badeanzug, die Ausgehgarderobe, die Haltungen wie aus frühen Filmzeitschriften - eine schön manikürte Hand in der vorgeschobenen Hüfte, der Blick ins Weite, einen Bügel der Sonnenbrille nachdenklich im Mund - all das steht ihr sehr gut.
Ab etwa der Farbfoto-Zeit führt sie ein Leben wie alle andern auch; Anschaffungen, Einrichtungen, Opel Kadett und Kegelclub, erste Pauschalreise Mallorca. Sie arbeitet meist als Serviererin oder Küchenhilfe, schließlich, bis zur Rente, als Bürohilfskraft bei der Commerzbank.
Ihre Liebe hat wohl den Pferden gegolten. 1971 kauft sie "Flicka" für eintausendsiebenhundert Mark. Mittlerweile ist sie etwas wohlstands-füllig geworden und die Fotos, sämtlich von unten aufgenommen, wie sie auf dem Tier sitzt und über imaginäre Prärien blickt, wirken ein bisschen epigonal und für mich auch nicht weiter erhellend; das letzte bisschen Aura ist wohl was für Schwarzweiß.
Dann gibt es eh eine große Lücke bei den Fotos. (Oder ich habe sie übersehen und sie stecken anderswo.) Der Rest ist Schützenfest, Enkel und Verdämmern.
Pünktlich zur Euro-Umstellung noch einmal Aufregung: sie räumt ihr gesamtes Geld vom Konto - als D-Mark! Die wirklich letzten Jahre dann Kampf um Rentenbeihilfen und Krankenkassenzuschüssen. Die Männer, mit denen sie lebte, alle mit eher proletarischem Hintergrund, sind längst kaputtgearbeitet, sozialverträglich frühabgelebt, tot.
Sie selber muss dann vor Kurzem gestorben sein.
Ein erklecklicher Haufen Wohnungseinrichtung plus vieler persönlicher Dinge - da muss wieder jemand gestorben sein. Und alles liegt auf der Straße.
Es ist so gegen zwei. In der Nähe, in einer sperrangelweit offenen Kneipe, versuchen die Stimmen der Betrunkenen nach einander zu schnappen, und ich habe keinen Grund, nach Hause zu gehen, da unter meinem überhitzten Dach kein Schlaf zu kriegen sein wird. Also kann ich mich auch mal wieder in so einen Haufen versenken. Eigentlich wollte ich meine längst allzu umfangreichen Sammlungen nicht mehr erweitern, aber als ich die ersten wirklich alten Fotos finde - laut den Beschriftungen auf der Rückseite aus den 1930er und -40er Jahren -, kann ich nicht widerstehen: Da ist wieder mal etwas zu retten!
Doch ist der Spannungsbogen immer noch der gleiche: Zuerst mein Foto-Entdeckungsfieber, wie bei einem Suchhund (und was für Schätze habe ich tatsächlich schon geborgen!; ein, zwei - für meine Art Blick - interessante Bilder gibt es fast immer); dann Lust an der Indiskretion, am ruchlosen Zugriff auf den objektivierten Niederschlag eines fremden Lebens; dann Enttäuschung, dass ein weiteres Leben mehr oder minder wie alle ist und auch zu nichts anderem als einer Ahnung von Vergeblichkeit taugt; und zuletzt dann doch eine Art Trauer, dass auch das unbekannte, sogar das unausdenkbare Leben einem schließlich als eigene Möglichkeit fehlt. Und so reicht dieser Bogen von der - zuletzt sicher kindlichen - Lust am Wühlen im Kleinteiligen... bis zu einem weiteren Memento Mori.
(Die Alte, die ich schon ein paar mal nachts im Viertel herumstreifen gesehen habe. Im Licht eines leer stehenden Ladens sehe ich sie, ihre Tüten nicht loslassend, sich auf das gesunde Bein stützen und mit dem Stock in einem Berg aufgeschütteter Kinderspielsachen stochern.)
Doch müssen die Beweislagen in ihren Zeugnissen immer neu geprüft werden. Allein zwei säuberlich, anscheinend gewissenhaft geführte Ausgabenhefte von 1939 kommen mir wie unschätzbare Alltagsbelege vor, die nicht für immer verschwinden dürfen! Doch was weiß ich schon davon. Ich bin nur erstaunt, was man damals von einer Waisenrente von 15 Reichsmark 50 alles kaufen konnte! Stromrechnungen beliefen sich über 3 Mark! Eine (Gesamt-)Miete mit Treppenreinigung lautete auf 23,50! Und sie konnte sich laufend B.Halter u. U.Wäsche kaufen und noch etwas sparen!
Und weiß man noch, wie ein Urlaubshotelprospekt Mitte der 60er Jahre gestaltet wurde? Happy Hotel in Milano Marittima - Man spricht Deutsh. Allein die verdruckten Fahlfarben und die servile Lyrik behaupteter Gastfreundschaft! "Wir freuen uns, Ihnenmtt zuteilen, daB die Pensionpreis bedeutend herabgesetzt worden sind." Liegegestule jetzt inbegriffen: Da sind wir in der Eurozone aber wieder weiter! Von was für einem unablässigen Drang nach mehr ausgeplünderte Welt!
Persönliche Papiere, Geldsachen, Briefe - das alles will ich eigentlich liegen lassen. Aber dann fällt mir ein Ausriss in die Hand aus einer uralten BILD; das Rasterfoto auf der ersten Seite zeigt eine blutjunge Elke Sommer die auf einer Soirée Max Schmeling ihr Superdekolleté präsentiert - damit ist auch so ein Schmierblatt beinahe historisch; die Überschrift des Artikels lautet: Wer ist der Vater? Auch erbbiologische Gutachten geben keine Sicherheit!
Nicht, dass das offensichtlich aus szientistisch verjährter Zeit stammt, weckt meine Neugierde, sondern dass solch ein Thema von der Leserin überhaupt verfolgt wird; der Artikel ist sauber gefalten. Die eigene wie die angeheiratete Familie dieser Frau scheinen ziemlich groß gewesen zu sein und es scheint einigermaßen Probleme nicht nur mit dem Zusammenhalt gegeben zu haben, sondern auch mit den Ausreißern an sozial auffälligen Charakteren. Eines der Familienfotos etwa zeigt - unter ihren sieben anderen Geschwistern - eine Gertrud, die aber auch wirklich nicht die allergeringste Ähnlichkeit mit ihr hat. Oder wäre mir das sonst gar nicht aufgefallen? Vielleicht war ja nur der Vater besonders erfolgreich darin, seine unseligen Gene ins Überallhin zu verstreuen?
Und immerhin hat er sich rechtzeitig zumindest evolutionär durchgesetzt. Denn es scheint, bereits durch den ersten Weltkrieg sind dann alle Waisen geworden und wurden auf Vormundschaften verteilt, mit denen es dann weitere familiäre Verstrickungen gab; der Papierbestand aus den frühen 30er Jahren, dazu die Briefe, sind einigermaßen reichhaltig. Aber dann habe ich doch keine rechte Lust, das auseinander zu dröseln. Die vielen, das alles dokumentierenden Todesanzeigen - erweitert noch um die der wiederum angeheirateten Verbindungen - machten das ebenso einfach wie neuerdings kompliziert.
(Noch einmal kommt mir die Alte am Stock in den Sinn. Sie ist mir angenehm, weil sie sichtlich allein bleiben will, weil sie noch für ihr langsames Dahingehen die Dunkelflächen bevorzugt, weil sie beim Durchsuchen der Papierkörbe jedes Geräusch vermeidet. Alle schreien sie um Hilfe - sie nicht. Wer grundlos den besonderen akustischen Raum der Nacht profanisiert, ist ein Barbar! Leider ist diese Stadt eine der Barbaren.
Immer wieder komme ich an offen stehenden Kneipen vorbei, darin der allzu gängige Typ des gemütlichen Rheinländers seine Behäbigkeit ausbreitet, sie als revierbehauptenden Schwall von Plattheiten von sich gibt. Er schwadroniert - er ist normal. Und wer normal ist, ist unbestritten. Trotzdem scheint diese Normalität immer auch wieder angezeigt werden müssen und nimmt also breiten Raum, der die anderen um so stummer werden lässt. - Dieses Kinderspielzeugs - es war nicht mal kaputt, sondern solches, das schon immer schäbig war.)
Sie ist 1924 geboren, der nordische Typ, groß, blond, kräftig. Als Mädchen auffallend hübsch, lernt sie anscheinend bald, sich darauf verlassen zu können; zumindest fällt es auf, wie oft sie um ihre Fotogenität weiß, sie ihr Profil und ihre langen Beine zeigt. Bis in die späten 1950er-Jahre, also bis weit nach der Herrenmenschen-Barbarei, trägt sie diesen hellen BDM-Look, eine Frisurkomposition aus Strenge und Ornament mit vielen Wellen und kleinen Flecht- und Knoten-Verzierungen; zumindest mich erinnert das auffällig an Propaganda-Fotos von einem, zwei Jahrzehnten früher. Ja, deutsh muss ein Mädel sein! Auch später hellt sie ihre Haare noch auf in entweder ein Weißblond oder ein Gold, die ihr, nach und nach mehr damenhaft gewendet, dann teilweise etwas Mondänes geben oder etwas Verruchtes, etwas Auffälliges aber damit auch Zweifelhaftes, etwa wie bei (unter eben dieser Mischung seinerzeit zu leiden habenden) Vera Brühne. Als Frau ist sie so jedenfalls lange eine Erscheinung. Nur mit dem ondulierten Muttchen wiederum 50 Jahren später hat sie dann praktisch keinerlei Ähnlichkeit mehr.
Da sie gefällt, wird sie also öfter fotographiert und ist dann wohl auch dran gewöhnt, sich zu zeigen. Kann sein, dass die anderen schon weggeräumt sind, für mich bleiben nur noch fünf freizügige DIAs, zwei pornographische (also mit Männern drauf), die anderen ließen sich als Annäherung dahin lesen: Sie trägt - wohl zu jener Zeit als gewagt geltende - Unterwäsche aus dem bekannten Ehehygiene-Versand und dazu hohe schwarze Schuhe, die ihre Beinlinie betonen. Die sexuelle Befreiung findet in der Resopal-Küche statt. Im Hintergrund erkennt man einen Wellensittich im goldenen Käfig.
Ein weiterer skurriler Fund ist das Informationsmaterial von DIFOMA, einer weiteren Versandfirma, die gleich 1967, mit der Freigabe von Pornographie in Dänemark, den Export ins befreundete Ausland unternehmerisch anvisiert. Allein die blumig-ungelenke Sprache der "Hausmitteilungen für die Freunde interessanter Magazine", dazu, wie der Inhalt der Super 8 Filme beschrieben werden, ist heute ein Genuss! Angekreuzt im Prospekt sind "Flossie, die 15jährige Venus" und "Eugenie", immerhin vom Marquis höchstpersönlich! (Die ist dann, per Kugelschreiber, auf der nächsten Bestellliste durchgestrichen mit dem Zusatz "verboten".)
Auf der Bestellkarte steht ihr Name in einer minimal veränderten Schreibweise. Aber der Gedanke, sie hätte damit eventuell die Zuschreibung dieses Interesses im Falle einer Indiskretion vor Bekannten zurückweisen wollen, ist sicher nur eine blumige Unterstellung meinerseits.
In Cannes 1954 sieht sie sehr elegant aus; der Badeanzug, die Ausgehgarderobe, die Haltungen wie aus frühen Filmzeitschriften - eine schön manikürte Hand in der vorgeschobenen Hüfte, der Blick ins Weite, einen Bügel der Sonnenbrille nachdenklich im Mund - all das steht ihr sehr gut.
Ab etwa der Farbfoto-Zeit führt sie ein Leben wie alle andern auch; Anschaffungen, Einrichtungen, Opel Kadett und Kegelclub, erste Pauschalreise Mallorca. Sie arbeitet meist als Serviererin oder Küchenhilfe, schließlich, bis zur Rente, als Bürohilfskraft bei der Commerzbank.
Ihre Liebe hat wohl den Pferden gegolten. 1971 kauft sie "Flicka" für eintausendsiebenhundert Mark. Mittlerweile ist sie etwas wohlstands-füllig geworden und die Fotos, sämtlich von unten aufgenommen, wie sie auf dem Tier sitzt und über imaginäre Prärien blickt, wirken ein bisschen epigonal und für mich auch nicht weiter erhellend; das letzte bisschen Aura ist wohl was für Schwarzweiß.
Dann gibt es eh eine große Lücke bei den Fotos. (Oder ich habe sie übersehen und sie stecken anderswo.) Der Rest ist Schützenfest, Enkel und Verdämmern.
Pünktlich zur Euro-Umstellung noch einmal Aufregung: sie räumt ihr gesamtes Geld vom Konto - als D-Mark! Die wirklich letzten Jahre dann Kampf um Rentenbeihilfen und Krankenkassenzuschüssen. Die Männer, mit denen sie lebte, alle mit eher proletarischem Hintergrund, sind längst kaputtgearbeitet, sozialverträglich frühabgelebt, tot.
Sie selber muss dann vor Kurzem gestorben sein.
en-passant - 4. Jul, 13:26

